Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

Das Restaurant

gehrings weinwirtschaft
 Außerhalb 17
 55283 Nierstein
 Tel. 0 61 33 / 54 70
 Fax 0 61 33 / 92 74 89
info@weingut-gehring.com
www.weingut-gehring.de
www.vinivita.de

 Öffnungszeiten:
 Di bis Sa 17 bis 21 Uhr,
 So und Mo Ruhetag



 Wertungstabelle: 
 Gesamturteil
 37,0 : 5 = 7,4
 
 7 Kochkappen  
 Essen 7,0  
 Trinken 8,0  
 Service 6,5  
 Ambiente 8,0  
 Preis-Leistung 7,5  

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RESTAURANTTEST


Hippe Location mitten im Weinberg

»gehrings weinwirtschaft« oberhalb von Nierstein ist die ganz andere Gutsschänke. Liebe und Leidenschaft fürs Metier lassen in der Startphase einiges erhoffen.

Nichts gegen die klassische Gutsschänke. Sie hat ihre Berechtigung und erfreut nach wie vor zahlreiche Menschen mit schlichtem Wein- und Essensniveau. Doch mehr und mehr machen sich Winzer Gedanken, wie sie eine Gästeklientel erreichen können, die andere Ansprüche hat. Mister X führte mich neulich in ein entsprechendes Etablissement.

»gehrings weinwirtschaft« ist Teil des Weinguts der gleichnamigen Familie. In völliger Alleinlage thront das Anwesen an der B 420 über Nierstein, mitten in den eigenen Weinbergen und bei klarer Sicht mit bestem Blick gen Mainhattan. Erst seit September läuft das Projekt der Weinwirtschaft in Eigenregie der Gehrings, zuvor war der Restaurationsbetrieb lange verpachtet und unter dem Namen »vinivita« italienisch ausgerichtet. Über die Internetadresse www.vinivita.de erhält man auch noch die Informationen rund um die Bewirtschaftung.

Als Mister X und ich in seinem SUV auf das Gelände abbiegen, erwartet uns ansatzweise südländisches Flair. Der Parkstreifen vor den Panoramafenstern ist mit schmalen Zypressen bestanden, die sozusagen die Trennlinie zum Wingert bilden. Drinnen lodert ein anheimelndes Kaminfeuer, und etwas verdutzt nehmen wir die schriftlichen Hinweise auf Selbstbedienung wahr. Die beschränkt sich glücklicherweise aber darauf, nach Auswahl der Speisen aus der einseitigen Karte, die sich zusammengerollt in einem Glas auf dem Tisch befindet, an die Theke zu gehen und zu ordern. Hier kann sich der Gast zudem beraten lassen, welcher Wein zu seinem Essen passt. Jenes wiederum wird vom Personal am Tisch serviert.

Unverstellt freundlich

Man merkt, dass der hiesige Betrieb noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, manch eine Ungeschicklichkeit der jungen männlichen Bedienung wird aber von angenehmer, unverstellter Freundlichkeit ausgeglichen. Das Interieur in dem sehr großen, ein wenig schlauchförmig wirkenden Gastraum ist modern. Schwarze Holztische und Holzstühle mit hellem Stoffbezug korrespondieren mit Tischsets in Pink und Grün, eine weiße Spaghettigardinen-Abtrennung teilt den Saal. Insgesamt wirkt alles frisch und pfiffig - hip eben.

Als Gruß aus der Küche erhalten wir Butter, die mit Kräutern aus dem familieneigenen Garten hergestellt wurde, dazu werden uns vier Sorten ganz frisches und sehr schmackhaftes Brot gereicht. Mister X wählt als Vorspeise die saisonale Sup­pe auf Kartoffelgrundlage mit Kürbis und Karotte, die mit 3,50 Euro ausgewiesen ist, schließlich jedoch mit 4 Euro berechnet wird - auch ein Anfangsfehler. »Diese Suppe ist absolut in Ordnung, vielleicht ein bisschen dickflüssig«, merkt mein immerwährender Beglei­ter an. Für mich wird das Schwartenmagen-Carpaccio (6,50 Euro) aufgetragen, das auf der Speisekarte »beschwipst mit Riesling und roten Zwiebeln« beschrieben ist. Exakt das verleiht der zugehörigen Vinaigrette Frucht und ein wenig Schärfe. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Einstieg.

Alsdann nimmt X die Kombination aus dem »marktfrischen Salatteller mit Trauben und Walnüssen« (6,50 Euro) sowie den hausgebeizten Lachsfiletstreifen »auf Kartoffelkuchen« (8,80 Euro). Die Lachsstreifen mit Dill auf den Kartoffelplätzchen und der dazu servierte Schmand entsprechen seinen Vorstellungen, den Salat schildert er als »reichhaltig«, was unübersehbar ist. Die Traubensüße passe gut zum ausgewogenen Vinaigrette-Dressing, das mit Joghurt verfeinert ist. Bevor ich über meine Vorspeise berichte, schließe ich direkt die Erfahrung an, die Mister X dann noch mit dem »frischen, selbst marinierten, halben Butterhähnchen gebraten« (6,80 Euro) macht: »Das Geflügelfleisch ist hervorragend in puncto Qualität, Garung und Geschmack«, höre ich von meinem gutgelaunten Gegenüber.

Rheinhessen-Rillesralles

Ich beschließe meine Speisenfolge mit »Rinderrippe auf rheinhessischem Rillesralles« (16,90 Euro), zur Erklärung: geschmortes Entrecôte in reduzierter Frühburgundersoße mit frischem, gewürfeltem Gemüse. Das Fleisch ist geschmacklich und qualitativ gut, aber etwas zu lange gegart und somit sehr fest. Als positiv bissfest und gut gewürzt nehme ich das Gemüse wahr, in dem ich unter anderem Tomate, Aubergine, Zucchini und Paprika entdecke.

Mister X und ich zwinkern uns zufrieden zu und beschließen den Besuch mit dem Zahlvorgang - der allerdings fast gescheitert wäre. In »gehrings weinwirtschaft« werden derzeit weder EC- noch Kreditkarten akzeptiert, da sollte man genug Bares eingesteckt haben.

| Lou Kull

Fazit:

»gehrings weinwirtschaft« befindet sich im Aufbau, noch läuft nicht alles rund. Das drückt sich allein schon in der Schreibweise des Gasthausbetriebs aus, die einem in unterschiedlichen Formen begegnet. Die Ansätze jedenfalls sind vielversprechend. Die Küche, die ohne Profikoch auskommt, produziert schmackhaftes Essen guter Qualität, das appetitlich angerichtet ist, aber den letzten Pfiff vermissen lässt. In Sachen Wein ist das Lokal bestens aufgestellt. Die Gehringschen Weine sind bekanntermaßen hervorragend und dazu im Ausschank preisgünstig. Der trockene 2014er Spätburgunder blanc de noir und der fruchtige Riesling Hillside aus dem selben Jahrgang kosten jeweils 3 Euro (0,2 Liter), und auch der trockene 2013er Bildstock Frühburgunder hat mit 4 Euro einen absolut fairen Preis.