Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

Das Restaurant

  Restaurant Zollamt
  Hafenstraße 3
  55411 Bingen am Rhein
  Telefon 0 67 21 / 186 96 66
  Telefax 0 67 21 / 186 96 67
info@zollamtbingen.de
www.zollamtbingen.de
  Öffnungszeiten:
  tägl. 11-24 Uhr
  Sa, So und an Feiertagen
  10-24 Uhr



 Wertungstabelle: 
 Gesamturteil
 38,0 : 5 = 7,6 Kochkappen
 
 8 Kochkappen  
 Essen 7,5 
 Trinken 7,5 
 Service 7,0 
 Ambiente 9,0 
 Preis-Leistung 7,0 

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RESTAURANTTEST

FAST EIN RHEINISCHES MÄRCHEN

Vom Zollamt in Bingen aus schaut man auf den Rüdesheimer Berg, Burg Ehrenfels und den Mäuseturm - wenn man das Glück hat, noch im Freien zu sitzen.

Zollamt Ich bin überwältigt. An einem derart schönen Restaurantplatz habe ich selten gesessen. Durchs Rheintal weht ein lauer Wind, direkt vis-à-vis über dem Strom erheben sich die weltberühmten Rieslinglagen von Rüdesheimer Rottland, Roseneck und Schloßberg, im Hintergrund, an der Biegung des Flusses, verheißt das Binger Loch dem Schiffer, Obacht walten zu lassen. Stolz und gemächlich zieht ein Köln-Düsseldorfer vorüber.

Kurzum: Mister X und ich sitzen auf der Terrasse des Restaurants Zollamt, die sich direkt an der Rheinpromenade, wo weiland die Landesgartenschau stattfand, auf Höhe des Binger Stadtbahnhofs befindet. Der Wunsch nach einem goldenen Oktober nährt die Hoffnung, diese wundervolle Situation intensivster Rheinromantik aufs Neue erleben zu dürfen.

Aber auch drinnen wirkt das Zollamt mit seinem attraktiven Mix aus rustikalem Holz, dunklem Stein und Metallelementen modern-einladend. Hier wird es sich vortrefflich sitzen lassen, wenn draußen auf dem Rhein die Nebelschwaden ziehen.

Unser Mahl beginnt damit, dass uns zwei verschiedene Brotsorten gereicht werden, die beide trocken sind. Die Reklamation hat sofort Erfolg, sogleich kommen frischere Brotscheiben auf den Tisch. X entscheidet sich zum Entrée für die Kartoffel-Trüffel-Suppe (5,50 €), die er als »schön sämig« beschreibt. Der Geschmack von Trüffel und Erdapfel sei intensiv, mit etwas Petersilie und Jus obenauf gerate das Ganze zu »einer sehr ordentlichen« Vorspeise.

Ich wähle den Balsamico-Himbeer-Linsensalat mit karamellisierten Feigen und Serranoschinken (8,90 €). Der Salat ist absolut frisch, erscheint aber eher wie eine Rohkostmischung, und ich vermisse Gewürze. Gesamturteil: ein bisschen lieblos zelebriert, diese feinmundig avisierte Vorspeise.

Zollamt

Megaheißer US-Grill

X steigt nun zur Hauptspeise in das Segment ein, von dem die Restaurantleitung behauptet, in ihm besonders kompetent zu sein. Davon kündet auch der aus den USA importierte Grillofen der Marke Southbend, der eine Temperatur von über 800 Grad Celsius erreichen kann und auf dem das Fleisch quasi schock­erhitzt wird.

X nimmt ein 250 Gramm schweres Rumpsteak (21,50 €), das vom Omaha-Natural-Angus-Rind stammt. Die Ware kommt laut Speisekarte von ausgewählten Farmern in Nebraska, ist nicht mit Hormonen behandelt und erhält ihre ausgeprägte Marmo­rierung und »den typischen Geschmack des Wilden Westens« durch eine mehr als 200 Tage lange Fütterung des Viehs mit Mais.

X sieht es so: »Das Fleisch ist wunderbar medium und verfügt über einen schönen, umlaufenden Fettrand. Der hervorragende Geschmack und die Konsistenz signalisieren eindeutig, dass dieses Rumpsteak vom Grill kommt. Die dazu gereichte Rotwein-Schalotten-Balsamico-Jus (Aufpreis 2,50 €, d. Red.) wirkt ein wenig dominant. Die Bratkartoffeln (3 €) sind stellenweise knusprig, das mediterrane Grillgemüse (3,50 €) mit unter anderem Zucchini, Paprika und Zwiebeln ist solide zubereitet.«

Ich für mein Teil habe Lust auf etwas mitteleuropäisch Klassisches. Heute soll es Schnit­zel Wiener Art - also vom Schwein - mit Cognac-Pfeffer-Sauce, Pommes frites und Salat (11,50 €) sein. Fleisch und Panade sind gut, die Sauce ist würzig. Auf den Kartoffelstangen prangt etwas zu viel Salz, der gemischte Salat zeigt an einigen wenigen Blättern welke Stellen. Bei diesem Preis möchte ich nicht meckern.

Zollamt »Ist dir eigentlich aufgefallen, meine liebe Lou, dass wir uns exakt hier an der Schnittstelle von vier deutschen Weinanbaugebieten befinden?«, befragt mich Mister X etwas oberlehrerhaft. Aber er hat ja Recht, und auch dieser Umstand lässt den hiesigen Ort außerge­wöhnlich werden.

Die »Schnittstelle« spiegelt sich im Angebot der offenen Weine wider: Es gibt Kreszenzen renommierter Produzenten aus dem Rheingau, von der Nahe und aus Rheinhessen, allein der Mittelrhein fehlt.

Der Gast kann aus acht Weißen zwischen 3,50 und 4,80 € je 0,2er-Glas wählen, hinzu kommen zwei Rosé- (4/4,20 €) und zwei Rotweine (3,90/4,50 €), die von einem Spanier und einem Chilenen in ähnlicher Preislage ergänzt werden. Die Flaschenweinkarte mit nahezu 30 Positionen ist sehr beachtlich. Hier tummeln sich zumeist große deutsche und internationale Weingutsnamen, die Preispalette reicht von 19,50 bis 65 €.

Schöner Tagtraum

Im letzten Abendsonnenschein, der mir Nase und Wangen erwärmt, dämmere ich ein wenig dahin, bis mich X aus meinem Tagtraum reißt. »Lass' und gehen, wir haben heute genug Sonne getankt«, bemerkt er äußerst spröde. Derweil stelle ich mir vor, wie der fleißige Winzer am gegenüber liegenden Steilhang sein wohlverdientes, prächtig geratenes Lesegut einbringt. Ach ja, irgendwie hat dieser Ort etwas von einem rheinischen Märchen.

Zollamt

Fazit:

Das Restaurant Zollamt ist in einer Hinsicht konkurrenzlos: Eine attraktivere Lage kann es kaum geben. Das Gebäude genau gegenüber dem Binger Stadtbahnhof stammt aus dem Jahr 1906 und war als Dienststelle bis 2008 in Betrieb. Die Räumlichkeiten werden seither von der Gastronomie optimal genutzt, auch größere Gesellschaften finden Platz. Ein Pfund, mit dem gewuchert werden kann, ist die Zubereitung hervorragender Fleischsorten aus den USA, Argentinien und Aus­tralien. Daneben sollte auch auf die Tageskarte geachtet werden, auf der bei unserem Besuch zum Beispiel Linguini mit Rucola-Pesto und Parmesan (11,90 €) sowie Perlhuhnbrust mit Pfifferling­rahm und Risotto (16,90 €) standen. Das Zollamt bietet keine große, kreative Küche, hat aber solide Qualität und punktet mit der einen und anderen Spezialität. Ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle.

| Lou Kull