Heft 268 Februar 2013


Das Restaurant


  Landhotel »Multatuli«
  Mainzer Straße 255
  55218 Ingelheim
  Tel. 0 61 32 / 7 14 00
  Fax 0 61 31 / 7 14 01 40

info@landhotelmultatuli.de
www.landhotelmultatuli.de

  Öffnungszeiten:
  Mo bis So 12 bis 23 Uhr



Wertungstabelle:


Essen 6,5
Trinken 7,5
Service 6,5
Ambiente 7,5
Preis-Leistung 6,0

Gesamturteil 33,0 : 5 = 6,6 Kochkappen

7 Kochkappen

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Restauranttest

Das Landhotel »Multatuli« bietet grandiose Aussichten, aber:

In der Küche fehlt bisweilen Inspiration


Multatuli

»Großartig«, entfährt es mir, als Mister X seinen SUV auf den geräumigen Parkplatz des Landhotels »Multatuli« lenkt. Damit meine ich nicht die Art, wie mein ewiger Begleiter Auto fährt, sondern die Ausblicke, die sich an diesem knackig-kalten Winterabend eröffnen. Die Anlage ist hell und sogar ein wenig festlich erleuchtet, rundum erkennen wir von der Höhe zwischen Wackernheim und Ingelheim aus lauter malerische Lichtflecken drüben im Rheingau und bei uns in Rheinhessen. »Erstaunlich, wie sich die Stadt Ingelheim doch in den letzten Jahren und Jahrzehnten ausgedehnt hat«, kommentiert X wie gewohnt knapp die Situation. Wir gehen rein.

Auch hier, im ersten Stock, fühlen wir uns exponiert. Große Glasfronten erzeugen die Impression, in einem Wintergarten zu sitzen. Die Farben, die im Restaurant des Hotels vorherrschen, sind Gelb und Orange. Das gilt auch für die Tischdecken und Servietten, die Schals auf der Fensterbank und den Einband der Speisekarte. Geschmackssache.

Eine junge Frau bedient uns freundlich, wiewohl ungewöhnlich zurückhaltend. Gleichwohl weiß sie auf unsere Nachfrage kurz und erschöpfend Auskunft zu geben über die Namensgebung des Hotels. »Multatuli« geht wohl auf einen holländischen Dichter zurück, der sich so nannte und in dieser Gegend lebte. Die Übersetzung des ungewöhnlichen Namens soll etwas bedeuten wie »Hier habe ich gelebt« oder »Hier habe ich viel ertragen« ...

Multatuli

Wo ist die Paradeiserfrucht?

Als Gruß aus der Küche serviert uns die Chefin, die fortan beim Auftragen mittut, eine Tomatencreme in einem Glastöpfchen. »Tomatencreme?«, wundert sich X beim Probieren mit der Zungenspitze. »Mich erinnert diese hellbraune Kreation eher an einen etwas betagten Quark, der die Paradeiserfrucht mehr verleug­net denn präsentiert. Vier Brotsorten werden dazu gereicht, ein, zwei Scheiben sind recht trocken.

»Bin gespannt, was sich hinter »Girandole und Black-Tiger-Garnelen in Tomatensauce mit Chilischoten und Knoblauch verbirgt«, rätselt Mister X beim Blick auf die Speisekarte und bestellt aus purer Neugier dieses Gericht als Vorspeise für 12 Euro - in der Hauptgangversion kostet das Ensemble stattliche 18 Euro. Die Girandole stellen sich als die wohlbekannten Spiralnudeln heraus, in denen sage und schreibe drei Krebstierchen stecken. »Diese Kreation empfinde ich als eher bieder und recht salzig«, fällt die Bewertung meines Tischgegenübers kurz und nüchtern aus. »Bieder und salzig« - diese Begriffskombination fällt mir auch bei meiner Kraftbrühe vom Tafelspitz mit Wurzelgemüse zu 5 Euro ein. Zur Erfrischung von Zunge und Gaumen nehmen wir nun noch den »jungen Ingelheimer Feldsalat mit glacierten Maronen, krossem Speck und Croutons« (9 Euro). Das Arrangement ist hübsch anzusehen, wiewohl sich auch hier der Eindruck nicht vermeiden lässt, dass die Küche - zumindest heute - ein enges Verhältnis zum Salztopf pflegt.

Alternativ hätten wir als Vorspeise die Cremesuppe vom Hokkaidokürbis mit gerösteten Kürbiskernen und steierischem Kürbiskernöl (6 Euro), Weinbergschnecken, im Ofen mit Kräuterbutter gratiniert (9 Euro), oder Carpaccio vom Rinderfilet mit Olivenöl und Parmesankäse (12 Euro) wählen können.

Multatuli

Das Rumpsteak ist ordentlich

Als nächstes steht bei X »Argentinisches Rumpsteak mit Kräuterbutter, Portweinjus, Röstkartoffeln und Beilagensalat« zu runden 20 Euro auf dem Programm, das er als »durchschnittlich gut« apostrophiert. Meine »Rinderbäckchen, in Spätburgunder und Rotweinessig geschmort, mit Apfelrotkohl und Semmelknödel« (16 Euro) sehe ich auf ähnlichem Niveau, wobei zwei der Fleischscheiben ziemlich fest sind.

Mister X will es wissen und an diesem denkwürdigen Abend auf Biegen und Brechen einen kulinarischen Leckerbissen im Munde führen. Also bestellt er das »Zanderfilet, auf der Haut gebraten, an Orangensauce mit karamellisiertem Fenchel und Zitronengras­risotto« (20 Euro). »Ja, dieses Gericht konveniert geschmacklich und bezüglich der Konsistenz der Zutaten. Darüber hinaus ist es hübsch anzusehen.« Ich stimme überein, darf ich doch ausgiebig von seiner Speise probieren. Wir abstrahieren, dass wir mit dem »Bachsaibling, in Olivenöl und Kräutern gebacken, mit mediterranem Gemüse und Risoléekartoffeln« (19 Euro) in ähnlicher Weise unsere Freude gehabt hätten.

»Ts, ts, ts«, lässt X vernehmen, als ich abschließend ein Kügelchen Sorbet zu mir nehme. »Dass du Leckermäulchen dich so gar nicht im Griff hast!« Dabei schaut er provozierend auf meine Bauchregion. »Wer selber eine Plautze vor sich herträgt, sollte nicht mit unqualifizierten Äußerungen um sich werfen«, kontere ich. Volltreffer.

Lou Kull

Multatuli
Fazit:
Bei unserem Besuch lief in der Küche des »Multatuli« wahrlich nicht alles rund. Mehrere Speisen schienen ein wenig bieder und ohne große Inspiration hergestellt zu sein. Vielleicht sollte sich Küchenchef und Eigentümer Zoltan Djolai auf weniger Gerichte konzentrieren und sich deren Zubereitung intensiver widmen. Dass er es kann, wissen wir, zumal aus früheren Zeiten im »Kirschgarten« in Wackernheim. Insgesamt erschienen uns die Speisen etwas zu teuer für das Geleistete. Der Service der Chefin geriet ein bisschen unglücklich. Äußerten wir ihr gegenüber Kritik, ernteten wir manch eine pikierte Reaktion, was keineswegs souverän wirkte. Man spürt im »Multatuli« die hohe Doppelbelastung aus Hotel- und Restaurantleitung für das Chef-Ehepaar, den enormen Kostendruck und die schwierige allgemeine Personalsituation - Probleme der Branche, die mehr und mehr Betriebe erfassen werden. An der Weinkarte des »Multatuli« gibt es nichts auszusetzen. Bei den Flaschenweinen findet sich ein solides internationales Angebot zwischen 15 und 39 Euro. Von den 20 Ausschankweinen stammen die allermeisten aus dem Rheinhessischen und dabei weitgehend von renommierten Güter Ingelheims: Neus, Dautermann, Hamm, Mett, Menk, Adams und Bettenheimer sind mit von der Partie. Zwischen 3,20 und knapp über 5 Euro liegen die Preise für 0,2. Großartig ist in der Tat die Lage des Anwesens. Von hier oben hat man vielleicht einen der attraktivsten Ausblicke ganz Rhein­hes­sens.