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Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
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Wirtschaft

Infrastrukturmanagement oder Baustellenkoordinator?

Die negativen Auswirkungen von Baustellen zu minimieren erscheint aufgrund der Vielzahl von aktuellen und geplanten Baustellen in Mainz dringend geboten. Eine Aufgabe für ein externes Beratungsbüro oder für einen »Kümmerer« vor Ort?

Baustellen überall. Besonders heftig ist die Situation in der Innenstadt. Ist die Bahnhofsstraße (siehe Fotos) hoffentlich Anfang Oktober wieder hergestellt, stehen die Bauarbeiten in der Großen Langgasse an. Vorbereitende Arbeiten in den angrenzenden Gassen sorgen bereits jetzt für Beeinträchtigungen. Anwohner, Gewerbetreibende und alle, die in den jeweiligen Straßen unterwegs sind, müssen sich mit den Bauarbeiten arrangieren.

Baustelle

Warum die Baustellen nötig, in wessen Auftrag sie eingerichtet und warum manchmal tagelang keine Bauarbeiter zu sehen sind, ist selten auf Anhieb zu erkennen und die entsprechenden Infos in den Medien lernt kaum jemand auswendig. So kursieren schnell Gerüchte, »die Stadt« habe die Baustellensituation nicht im Griff, »die Stadt« sei unfähig, Großbaustellen so zu planen und durchzuführen, dass die Beeinträchtigungen für die Bevölkerung auf ein Minimum reduziert werden könnten.

Im vergangenen Jahr, als insbesondere die Mainzelbahn-Baustellen für viel Ärger sorgten, kündigte Oberbürgermeister Michael Ebling an, die Stadt wolle die Koordination der Genehmigung von Baustellen auf den Straßen und Plätzen im Stadtgebiet verbessern. Laut einem Bericht in der Allgemeinen Zeitung vom 20.9.16 sagte der OB, ein externes Büro solle untersuchen, wie die Abläufe im Baustellenmanagement verbessert werden können. Noch 2016 solle per Ausschreibung ein Büro gefunden werden, »das mit dem Blick von Außen die Abläufe in der Verwaltung bei der Organisation und der Terminierung der Baustellen unter die Lupe nehmen und Verbesserungsvorschläge unterbreiten solle. Es gehe dabei nicht nur um die Baustellen-Koordination, sondern um ein Infrastrukturmanagement«, so Ebling in der AZ. So soll zum Beispiel systematischer als bisher untersucht und dokumentiert werden, welche Versorgungsleitungen in welcher Lage bei Grabungsarbeiten zu erwarten sind. Es zeigt sich immer wieder, das die teils viele Jahrzehnte alten Unterlagen dazu nicht korrekt sind.

Im April 2017 ist mit der Bahnhofsstraße zwar eine neue Großbaustelle in der Innenstadt hinzugekommen - von einem Infrastrukturmanagement aber ist nichts zu bemerken. Wie weit denn die Ausschreibung vorangekommen sei, will DER MAINZER von Pressesprecher Marc André Glöckner wissen. Der antwortet: »Nachdem die entsprechenden Mittel im Etat 2017/18 bereit gestellt sind, wird die Ausschreibung derzeit vorbereitet.« Ziel der Untersuchung des städtischen Infrastrukturmanagements, die eine externe Beratungsfirma vornehmen solle, sei es, die Organisation aller am Ablauf der Grabungsprozesse Beteiligten sinnvoll zu koordinieren, um das Maß an Störungen für die Bürger/innen zu minimieren und einen effizienten Einsatz der Gelder zu gewährleisten.


Ein Fachmann vor Ort

Ebenfalls im vergangenen Jahr, im November, hatte die CDU-Kreisvorsitzende Sabine Flegel in einer Ortsbeiratssitzung in Mombach angekündigt, sie werde sich dafür einsetzen, dass für die Bauarbeiten in Mombach ein Baustellenkoordinator eingesetzt werde. Auf Nachfrage des MAINZERs sagt Sabine Flegel, auf ihre Intervention hin sei tatsächlich ein Baustellenkoordinator eingesetzt worden, der sich um die Koordinierung der Arbeiten kümmert und gleichzeitig Ansprechpartner für die Gewerbetreibenden und Anwohner ist.

Einen derartigen Baustellenkoordinator stellt sich Flegel auch für die anstehenden Baustellen, nicht nur in der Innenstadt, vor. Ein Fachmann, der im Vorfeld, also schon bei der Planung, darauf achtet, dass zeitliche Abstimmungen unter den Gewerken vereinbart werden, dass für Gewerbetreibende und Anwohner die Zufahrt zu ihren Standorten mindestens zeitweise sichergestellt ist, kurz, dass alle Beteiligten bereits in die Planungen so eingebunden sind, dass sie wissen, was auf sie zukommt und sich entsprechend vorbereiten können. »Es muss ein Fachmann sein, der sowohl bei den Planungen dabei ist, als auch während der Arbeiten die Koordination übernimmt und dabei als persönlicher Ansprechpartner für die Betroffenen dient«, lautet die Forderung der CDU-Kreisvorsitzenden, »und den brauchen wir jetzt, nicht wenn die Straßen aufgerissen sind.«

Baustelle

Flegel kritisiert, bei den Bauarbeiten in und um Mainz werde zu wenig auf die Existenznöte der Gewerbetreibenden und den Verkehrsabfluss geachtet. »Bauarbeiten bringen Einschränkungen, das ist klar, aber aus unserer Sicht kommunizieren die Beteiligten, darunter die Dezernate, die Stadtwerke aber auch der Landesbetrieb Mobilität, der bspw. für die Planung der Arbeiten auf den Landesstraßen und Autobahnen verantwortlich ist, viel zu wenig oder gar nicht.« Die CDU-Vorsitzende verweist auf die anstehende Fahrbahnerneuerung der L 419 durch den Landesbetrieb Mobilität zwischen Finthen und Europakreisel: »Wenn die Anschlussstelle Finthen gesperrt werden muss, suchen sich die Autofahrer ihre Schleichwege durch Gonsenheim. Werden dort zeitgleich weitere Baustellen eingerichtet, ist das Verkehrschaos schon wieder vorprogrammiert.« Ähnliches prophezeit sie für die geplanten Baumaßnahmen in der Großen Langgasse, oder wenn wiederum zeitgleich Bauarbeiten in der Weißliliengasse, an der Dagobertstraße (Bau des Archäologischen Zentrums) und auf der Rheinstraße (Rückbau der Bushaltestellen) stattfinden. Das gelte auch für die wichtigen Umbaumaßnahmen vor dem Abriss Mombacher Hochbrücke, wenn zeitgleich die Zufahrt der Anschlussstelle Mombach auf die A 643 nicht mehr möglich ist: »Dann müssen zur ,Chaosvermeidung' wenn nötig, geplante Bauprojekte auch mal zeitlich verschoben werden«, so die Forderung der Gonsenheimer Ortsvorsteherin.


Die Stadt muss attraktiv bleiben

Die Industrie- und Handelskammer Rheinhessen zeigt sich mit Blick auf die Vielzahl von verkehrsbehindernden Baustellen um die Attraktivität der Mainzer Innenstadt und des Wirtschaftsstandortes besorgt. »Wir wollen eine lebendige Stadt, dazu gehören Menschen, die sich bewegen können, die in die Stadt hinein und wieder herauskommen, die Geschäfte und Unternehmen erreichen können, sagt IHK-Präsident Dr. Engelbert Günster dem MAINZER.

Gleichzeitig müsse die Funktionsfähigkeit der Stadt gewährleistet sein, dazu gehören funktionstüchtige Straßen ebenso wie Wasser-, Strom, Gas- und Telekommunikationsleitungen, die natürlich auch saniert und erneuert werden müssten, so Günster aber: »Diese beiden Güter, einerseits die attraktive, lebendige Stadt, andererseits die erforderlichen Baumaßnahmen zur Erhaltung der Funktionstüchtigkeit gilt es gegeneinander abzuwägen.« Schließlich habe jede Beeinträchtigung von Gewerbetreibenden und Unternehmen negative Auswirkungen auf die Gewerbesteuern.

Im Rathaus habe der Innenstadtverkehr offensichtlich keine Lobby, stellt IHK-Hauptgeschäftsführer Günter Jertz fest und verweist auf die aktuellen Verkehrsbehinderungen aufgrund von Baustellen: die Verengung der Saarstraße, dichter Verkehr auf der Theodor-Heuss- und der Weisenauer-Brücke infolge der Beschränkungen auf der Schiersteiner Brücke und dazu noch die Umbausituation entlang der Rheinachse mit der Folge, von zähfließendem bis stehendem Verkehr auf allen Innenstadtachsen. »Allein vier Eingangstore zur Innenstadt sind gleichzeitig blockiert«, so Jertz und zählt auf: Schiersteiner- und Theodor- Heuss Brücke, Rheinachse, Saarstraße. »Das verringert die Attraktivität der Einkaufsstadt, insbesondere für Auswärtige und es entsteht ein beträchtlicher Imageschaden.« Jertz berichtet von Teilnehmern an Konferenzen und Veranstaltungen, die wenig amüsiert von ihren Erfahrungen im Mainzer Baustellenwirrwarr berichteten. »Offensichtlich wird die jeweils aktuelle Baustellenlage nicht ausreichend kommuniziert, nicht gegenüber den Betroffenen hier vor Ort, genauso wenig nach außen gegenüber den Besuchern.«

Um dem Chaos ein Ende zu bereiten, fordern Günster und Jertz eine koordinierende Einheit, die den Blick auf das große Ganze hat und die beim Verkehrsdezernat angesiedelt sein sollte. Erforderlich sei außerdem ein Ansprechpartner für das jeweilige Bauprojekt, der den Anwohnern, wie den Gewerbetreibenden zur Seite stehe, schnell und flexibel reagieren könne. »Wir erwarten eine zügige Makrokoordination aller Baumaßnahmen mit Auswirkungen auf die Verkehrsströme beim Verkehrsdezernat und eine Mikrokoordination für die jeweiligen Bauprojekte«, so die IHK-Führung.

| SoS