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Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
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Titelstory

Mehr Aufenthaltsqualität - weniger Autoverkehr?

In der Innenstadt wird in den kommenden Jahren viel gebaut, dabei werden teils jahrzehntealte »Sünden« der Nachkriegsbauweise beseitigt und das Ziel, die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt zu verbessern, scheint näher zu kommen.


Banhofstraße
Anfang März 2017 ist der Spatenstich für die Umbauarbeiten in der Banhofstraße (auf dem Foto mit Blick Richtung Hauptbahnhof). Die Verlagerung der sanierungsbedürftigen Straßenbahngleise und die Herausnahme des motorisierten Individualverkehrs sollen, laut IEK zu einer boulevardartigen Gestaltung und einer deutlichen Verbreiterung der Fußwege führen.

Dass Neu- und Umbau mit entsprechenden Einschränkungen und Behinderungen verbunden sind, dürfte nachvollziehbar und unstrittig sein. Allerdings steht die Behauptung im Raum, die Neukonzeptionierung der Innenstadt im Rahmen des Integrierten Entwicklungskonzeptes (IEK) diene letztlich auch der Absicht, den Individualverkehr zu »vergrämen«. Heißt: die Befahrung der Innenstadt, die Nutzung von Parkraum wird allmählich immer komplizierter und auch teurer, was dazu führt, dass immer mehr Autofahrer entnervt aufgeben, die Mainzer Innenstadt entweder komplett meiden oder auf andere Verkehrsträger umsteigen.

Als Verlierer einer Verkehrspolitik, die auf eine Verminderung des Individualverkehrs in der Innenstadt zielt, verstehen sich u.a. Handeltreibende in der Innenstadt. Aus diesen Reihen gibt es Stimmen, die, mit Blick auf die neue Verkehrssituation infolge der Umbaumaßnahmen des IEK ihre Befürchtungen nicht nur hinter vorgehaltener Hand äußern.

Jan Sebastian, als Inhaber von Juwelier Willenberg am Schillerplatz ansässig, bezieht sich zum einen auf Äußerungen von Verkehrsdezernentin Katrin Eder (GRÜNE). Diese strebe eine Gleichwertigkeit der Verkehrsteilnehmer an, wolle deshalb etwas für den ÖPNV und für die Radfahrer tun, während Maßnahmen für den privaten Autoverkehr unterblieben, auch weil die vorhandenen Gelder nur einmal ausgegeben werden könnten. »Ich sehe damit die Zentralität der Innenstadt in Gefahr, denn es kommen immer weniger Menschen aus dem Umland in die Innenstadt«, sagt Sebastian, der auch Vorsitzender des Einzelhandelsverbands Mittelrhein-Rheinhessen-Pfalz e.V. ist. »Wir Innenstadthändler leben nur noch von den Kunden, die hier wohnen.«

Sebastian kann die Behauptung der Mainzer Stadtplaner, durch neue innerstädtische Baugebiete wie »Am Zollhafen« und »Heilig-Kreuz-Areal« werde zwar mehr Verkehr in die Innenstadt kommen, aber die vorhandenen Straßen sowie der ÖPNV würden die Besucher der Innenstadt ohne Probleme aufnehmen, nicht gelten lassen: »Wer sich die Quadratmeterpreise im Zollhafen leisten kann, der steigt doch nicht in den Bus oder in die Straßenbahn, um zum Einkaufen in die Innenstadt zu fahren.« Nach Ansicht von Sebastian wird der Individualverkehr in der Innenstadt durch mehrere Maßnahmen immer weiter ausgebremst: Die Entfernung der Busbuchten in der Rheinstraße, der Abriss der Hochstraße, die geänderten Verkehrsführungen im Bereich Bahnhofsstraße/Münsterplatz und Große Langgasse nach Abschluss der IEK-Baumaßnahmen, alles führe dazu, dass der Verkehr ständig ins Stocken gerate, dass es Staus und Rückstaus gebe und sich der gesamte Verkehr verlangsamt.


Verkehrsführung um die Innenstadt herum?

»Würde die Absicht, den Individualverkehr aus der Innenstadt zu vertreiben jemand offen und ehrlich sagen und ein Konzept vorlegen, wie dann die Verkehrsführung um die Innenstadt herum und vor allem in die Innenstadtparkhäuser aussehen soll, ich wäre dankbar dafür.« Unbedingt klarstellen möchte der Juwelier und Einzelhandelslobbyist dass er die Verkehrsdezernentin ob ihrer Konsequenz bewundere: »Im Unterschied zu deren Kollegen im Stadtvorstand steht diese Frau für etwas und zieht es durch, sie ist überzeugt von dem was sie macht und setzt um, was sie angekündigt hat.« Allerdings, stellt Sebastian klar, diese Einschätzung der Person Katrin Eder ändere nichts an seiner Kritik an der allmählichen Vertreibung des Individualverkehrs aus der Innenstadt. Besorgt zeigt sich Sebastian aufgrund der Tatsache, dass immer mehr Kurzeitparkplätze wegfielen. »Es gibt Menschen, die wollen nicht in ein Parkhaus fahren, die haben Angst davor, fühlen sich dort nicht wohl oder sind einfach zu bequem. Die werden genötigt in ein Parkhaus zu fahren, da sie ihr Auto nicht mehr anderweitig parken können.« Sebastian ist überzeugt, dass diese Autofahrer auch bei weiterer Verringerung von Kurzzeitparkplätzen Parkplatz suchend durch die Straßen fahren - der Parksuchverkehr nicht weniger werde. Als Beispiele für die fortdauernde Reduzierung von Kurzzeitparkplätzen nennt er die Boppstraße, die Große Langgasse, die Schillerstraße in Höhe Finanzamt.

Schillerstraße
Beispiel für die fortdauernde Reduzierung von Kurzzeitparkplätzen: die Schillerstraße in Höhe Finanzamt.

Mit Blick auf die Höhe der Gebühren in den Parkhäusern der Parken in Mainz GmbH, meint Sebastian, er könne die Höhe der Gebühren nachvollziehen, denn die PMG als Betreiber brauche Geld, damit alle PMG-Parkhäuser saniert und so schön würden, wie das Parkhaus am Schillerplatz. »Außerdem wissen wir aufgrund der von uns beauftragten Studie ,Vitale Innenstädte' dass die Parkgebühren in Mainz vergleichbar hoch sind, wie die Gebühren in anderen Städten - dennoch haben wir das ,Gefühl' (!), die Gebühren sind zu hoch! Wobei ich dieses Gejammere über - vermeintlich - zu hohe Parkgebühren nicht mehr hören kann: Wir haben als Einzelhändler durch die Aktion ,Parken aufs Haus' die Möglichkeit, unseren Kunden einen Teil der Parkgebühren zu erlassen. Ich nutze diese Möglichkeit - die ja auch eine Gelegenheit zur Kundenbindung darstellt - ausgiebig und verstehe meine Kolleginnen und Kollegen nicht, die ihren Kunden durch die Gutscheine nicht auch das vergünstigte Parken ermöglichen.«

Andreas Hofreuter nutzt die Aktion »Parken aufs Haus« ebenfalls. Obwohl er als Händler damit einen Teil der Gebühren zahle, fänden seine Kunden die Parkgebühren in der Innenstadt immer noch zu hoch, sagt der Inhaber des Lichtstudios »Nosotros« am Fischtor. Hofreuter verweist auch auf Kunden, die aufgrund der hohen Parkgebühren lieber im Internet kauften. »Es ist ein total ungleicher Wettbewerb, wenn wir zum einen die hohen Parkgebühren haben und zum anderen auch noch die hohen Ladenmieten zahlen müssen« sagt Hofreuter und schlägt vor, die Parkdauer auf den Kurzzeitparkplätzen um mindestens eine halbe Stunde anzuheben, damit die Kundschaft sich nicht so abhetzen müsse.

Martin Schneider-Reuter stellt einen Rückgang der Kundenfrequenz vor allem unter der Woche fest. Die vielen, nicht koordinierten Baustellen, erschwerten den Menschen in die Stadt zu kommen, die hohen Parkgebühren sowie der Ärger, jede angefangene Stunde komplett zahlen zu müssen, halte die Kunden vom Stadtbummel ab, sagt der Facheinzelhändler (Monsieur Co Reuter, Gutenbergplatz).


Höhe der Gebühren in Parkhäusern der PMG

Der immer wiederkehrenden Behauptung, die Gebühren in den Parkhäusern der PMG seien zu hoch, folgt die immer wiederkehrende Feststellung, die Nutzer würden die Möglichkeiten, beim Parken zu sparen nicht oder nicht ausreichend nutzen. Als Beispiel nennt Martin Lepold die Einsparung von 10 Prozent, wenn statt am Kassenautomaten mit der EC-Karte gezahlt werde. »Wir haben den ,Theater­tarif', Begrenzung der Tageshöchstgebühr auf 10,- ?, wir machen bei jedem Verkaufsoffenen Sonntag auch Werbung für den PMG-Flatrate-Tarif, wir preisen immer wieder die gemeinsame Aktion ,Parken aufs Haus' an, dennoch zeigt sich auch in der jüngsten Umfrage, dass das Preisbewusstsein und Informationsbedürfnis bei den Kunden offensichtlich nicht so hoch ist, wie es öffentliche Diskussionen eher emotionaler Art immer wieder suggerieren,« sagt der Juwelier und Vorsitzende der Mainzer Werbegemeinschaft.

Lepold berichtet außerdem von einem Treffen mit der PMG-Geschäftsführung, in dem erneut Vorschläge für die Kommunizierung der Parktarife besprochen wurden. »Auf dem Werbeplakat für den nächsten Verkaufsoffenen Sonntag wird als ,Störer' auch auf das 5-Euro-Flatrateparken der PMG hingewiesen und die Werbegemeinschaft wird sich erneut darum bemühen, den eigenen Mitgliedern die Vorteile der Aktion ,Parken aufs Haus' nahe zu bringen und gleichzeitig die Kunden in den Facheinzelgeschäften animieren, beim Bezahlen nach den Gutscheinen zu fragen.«

| SoS


KOMMENTAR

Das IEK und die Mobilität Im Abschnitt »Mobilität und Verkehr« (S. 29ff.) ist als »strategische Ausrichtung« genannt: der Modal-Split (die Verteilung des Transportaufkommens auf verschiedene Verkehrsträger) sei ausgewogener zu gestalten ohne die vorhandene Erschließungsqualität der Innenstadt zu beeinträchtigen. »Eine Herausforderung hierbei ist es, insbesondere innenstadtbezogene Verkehre stärker über den Umweltverbund abzuwickeln - Strategien und Anreize sind zu entwickeln, um den Umstieg vom motorisierten Individualverkehr auf andere Verkehrsarten zu fördern.« Generelles Ziel in der Entwicklung des Modal Splits sei es, innenstadttangierende motorisierte Individualverkehre - wie bspw. zwischen Mainzer Stadtgebieten - aus dem Gebiet der Altstadt heraus zu halten, eine Verlagerung dieser Verkehrsströme verträglich umzusetzen.

Quelle: www.mainz.de