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Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
V E R L O S U N G !

RLP-Ausstellung DER MAINZER verlost
5x 2 Eintrittskarten zur
Rheinland-Pfalz-
Ausstellung
Vom 12. bis 20. März 2016
Beantworten Sie folgende Frage: Zum wievielten Male findet die Rheinland-Pfalz-Ausstellung statt?

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eine E-Mail an
verlosungen@dermainzer.net
Stichwort: RLP-Ausstellung
Einsendeschluss: 10.3.2016

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Titelstory

»Mit mir nicht!«

Fastnacht ist teilweise ausgefallen, die Exzesse in der Silvesternacht in Köln geraten in Vergessenheit. Außer bei betroffenen Frauen. Solche, die Opfer von sexuellen Übergriffen und Gewalttaten wurden und solche, die mit sexistischen Verhaltensweisen zurechtkommen müssen.


Kriminalbeamtin Ines Rose
Kriminalbeamtin Ines Rose

Wie damit umgehen? Wie sich verhalten? Wie erkennt Frau Konflikte, die sie, als Frau, in Gefahr bringen können? Soll sie sich wehren oder doch lieber zu Boden schauen und möglichst schnell aus der »Gefahrenzone« verschwinden? Was ist überhaupt eine »Gefahrenzone«? Müssen Frauen ihre Bewegungsfreiheit einschränken?

Es gibt in Mainz eine Frau, die sich sehr gut auskennt mit dem Thema »Frauen+ Sexualität+ Gewalt«: Ines Rose. Sie ist seit 36 Jahren Kriminalbeamtin und leitet seit 25 Jahren das K2 der Mainzer Kriminalpolizei (Gewalt gegen Frauen und Kinder/Sexualdelikte).

DER MAINZER erörterte mit der Ersten Kriminalhauptkommissarin die Möglichkeiten, vorzubeugen.

Sind Frauen nach den Diskussionen um Frauensicherheit bei Großereignissen insgesamt vorsichtiger und hellhöriger geworden?

»Abgesehen davon, dass das Thema Frauen schon immer interessiert hat, reagieren Frauen wie Männer jetzt sensibler, was auch bedeutet, es werden mehr Übergriffe gemeldet. Das bedeutet für uns im K2 auch mehr Arbeit. Vielleicht trägt die gesellschaftliche Debatte dazu bei, dass mehr entsprechend ausgebildete Fachkräfte bei der Kripo wie bei der Justiz zum Einsatz kommen. Wobei ich natürlich weiß, dass es nicht leicht ist, Polizisten für den Einsatz in diesem Bereich zu finden, denn wir bearbeiten ja auch Kinderpornografie und das auszuhalten ist auch für Kriminalbeamte alles andere als einfach.«

Was halten Sie von der These, patriarchale Strukturen seien verantwortlich für massenhafte sexuelle Übergriffe?

»In Gesellschaften, in denen Männer dominieren, haben Frauen eine gänzlich andere Rolle als in unserer aktuellen Gesellschaft. Das betrifft auch die sexuelle Rolle der Frau. Aber wir wissen schon lange, dass losgelöst von Religionsfragen Frauen auch hier bei uns oft ,Sexualobjekt' sind. Dabei unterscheiden sich Frauen in dem, was sie mitmachen und was sie ertragen. Die eine kommt gut klar mit sexistischen Sprüchen, eine Andere empfindet den Klapps auf dem Po vom Kollegen als Kompliment für ihr Aussehen und die Nächste haut dem Mann, der ihr auf den Busen stiert, direkt eine runter.

Was ich mir wünsche, ist, dass, hoffentlich befördert durch die gesellschaftliche Debatte, alles, was eine Straftat darstellt, auch zur Anzeige kommt. Was ich meine, ist, dass sexualisierte Bedrohung und Gewalt nicht erst seit Silvester vorkommt, sondern die Alltagsrealität ist. Das fängt bei der ,Beleidigung auf sexueller Grundlage' an. Dazu gehören entsprechende Äußerungen, Betatschen, zwischen die Beine greifen und so weiter. Diese Vergehen werden juristisch weiterverfolgt, wenn das Opfer einen Strafantrag stellt. Wobei hier mitentscheidend ist, inwieweit ein ,öffentliches Interesse' an dem Fall besteht. Und auch hier wünsche ich mir, dass durch die seit der Kölner Silvesternacht angestoßenen Debatten dieses öffentliche Interesse bei Sexualdelikten mehr berücksichtigt wird. Denn viele Frauen fühlen sich nicht ernst genommen, wenn sie nach der Anzeige auf den Privatklageweg verwiesen werden. Das hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun.

Sind Frauen und Mädchen »selbst schuld«, wenn sie sexuell belästigt werden?

»Nein! Aber manche Frauen haben ein Verhalten, das sie zu Opfern werden lässt. Es geht um Situationen in Kneipen, bei Festen, am Arbeitsplatz. Überall dort, wo sich Männer und Frauen begegnen und sich kennenlernen können und wollen. Beide Seiten senden jede Menge nonverbale Signale aus und Männer können relativ schnell erkennen, ob sie einen ,Opfertyp' vor sich haben.

Die meisten Frauen sind überrascht, wenn sie in Rollenspielen hören, wie kleinlaut ihre Stimme klingt, obwohl sie vermeintlich nachdrücklich gesagt haben, ,lassen Sie das!' und es ist ihnen kaum bewusst, dass sie automatisch den Blick abwenden, schaut sie ein Mann intensiv an. Ich empfehle eine offensive Haltung: Nicht zurückweichen, wenn ein Mann aufdringlich wird, ihm entgegentreten, dem Typ sagen, dass er unangenehm ist. Deutliche Körpersprache, eindeutige Signale und wenn das nichts hilft, die klare Ansage: Mit mir nicht!«

Solche Verhaltensweisen werden Frauen selten in die Wiege gelegt...

»... sie sind aber erlernbar und sie helfen in vielen Lebenssituationen! Es ist wichtig zu wissen, wie laut und wie lange ich schreien kann, wie die eigene Stimme klingt; wir müssen auch die Sätze üben und sehen, wie sie auf andere wirken. Es geht darum ein grundsätzliches Selbstbewusstsein aufzubauen - ganz wichtig auch bei Kindern, um sie vor sexuellen Übergriffen zu schützen.«

Und was halten Sie von Selbstverteidigungskursen?

Nicht viel, denn bei der Selbstverteidigung ist es wie beim Kampfsport, man muss ständig üben, wenn man sich richtig und wirkungsvoll verteidigen will. Ein Kurs reicht dazu nicht. Wobei wir damit auch beim Thema ,Frau wird körperlich angegriffen' sind, bislang ging es ja eher darum, solche Angriffe zu verhindern, indem klar gemacht wird: ,Ich bin kein Opfer'.

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an Diskussionen in den 80er/90er Jahren: Wie soll sich eine Frau verhalten, wenn sie vergewaltigt wird. Soll sie schreien, sich wehren oder erdulden? Müssen wir diese Frage jetzt erneut diskutieren?

»Damals war noch nicht so bekannt, dass die meisten Vergewaltigungen in engen sozialen Beziehungen stattfinden; diesen Bereich lassen wir jetzt außen vor, denn in diesem Interview geht es um ,Fremdtäter'. Die sind in zwei Typen zu unterteilen: Trieb- und Gewalttäter.

Triebtäter sind klassische Wiederholungstäter, die immer nach demselben Modus Operandi vorgehen und sich von ihrem Ziel (sexuelle Befriedigung) kaum abbringen lassen. Den Gewalttätern geht es eher um Macht. Hier kommt es meistens aus der Situation heraus zum Tatentschluss, den die Frau noch beeinflussen kann. Wir wissen, aus Gesprächen und Vernehmungen mit Tätern, dass Kratzen, Beißen, Schreien und Treten oft die Täter von ihrem Vorhaben abbringt. Wenn es für den Täter zu anstrengend wird oder das Entdeckungsrisiko zu hoch wird, dann gibt der Täter eher auf. Wenn der Täter sein Opfer sicher in seiner Gewalt hat, dann gibt es keine Ratschläge mehr. Dann sollte die Frau danach so schnell wie möglich die Polizei verständigen. Ich weiß, in solchen Situationen überrollen die Frau alle möglichen Emotionen, aber je schneller wir informiert werden, je größer die Chance Zeugen zu ermitteln, Spuren zu sichern und den Täter zu fassen.

Ich möchte aber noch einmal zurück, denn mein Anliegen ist ja die Prävention, ich will diese Taten verhindern. Dazu sind ein paar Regeln hilfreich

  • in der Gruppe nach Hause gehen,
  • >sichere< Wege wählen, solche, die beleuchtet sind, wo Häuser stehen und wo man sich Hilfe holen kann,
  • Absprachen treffen, Eltern oder Freunden über den Heimweg und die Uhrzeit informieren.«
schrillalarm
Der Absatz von Pfefferspray ist enorm gestiegen...

»... wissen Sie, wie das funktioniert? Sie müssen dem Täter den Strahl direkt in die Augen sprühen, zumindest Schleimhäute treffen. Wie das in einem Handgemenge funktionieren soll, weiß ich auch nicht. Die Gefahr, selbst etwas abzubekommen und den Täter noch aggressiver zu machen, ist enorm.

Viel abschreckender ist der ,Schrillalarm'(siehe Foto). Den befestige ich an der Kleidung und brauche nur den Stift zu ziehen - der Ton ist schwer auszuhalten. Zumal wenn er andauernd am Körper der Frau schrillt.«

Ist in Mainz die Gefahr als Frau Opfer eines Sexualdelikts zu werden, in jüngerer Zeit angestiegen?

»Wir können nicht erkennen, dass im Zusammenhang mit Flüchtlingen mehr solcher Delikte auftreten. Wie sich das entwickelt, bleibt abzuwarten und wir hoffen, dass die >Ansprachen<, die in den Unterkünften auch zu diesem Thema gehalten werden, ankommen.

Was ich beobachte und was mir nicht behagt, ist die Tatsache, dass es mehr sexuelle Übergriffe gibt, weil junge Mädchen und Frauen zu viel Alkohol und Drogen konsumieren. Die begeben sich damit in Risikosituationen, weil sie Situationen nicht mehr objektiv einschätzen können und sich auch nicht mehr wehren können, sind teilweise handlungsunfähig bis zum Filmriss. Auch da empfehle ich immer: Mädels trinkt nur, was ihr kennt, bleibt in Gruppen zusammen und achtet aufeinander.«

Müssen Frauen ihre Bewegungsfreiheit einschränken, um kein Opfer sexualisierter Gewalt zu werden?

»Auch ich möchte in meiner Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt werden, aber in bestimmten Situationen empfiehlt es sich über die Risiken nachzudenken. Was nützt mir der Schrillalarm, wenn keiner da ist, der es hören kann? Was nützt es mir, im Recht zu sein, wenn der Täter mir doch in der Regel körperlich überlegen ist?

| SoS

Angebote für Selbstbehauptungskurse finden sich im Internet, wobei die seriösen Anbieter nicht erst ein Angstszenario entwerfen, sondern einfach ihre Dienste anbieten. Den Schrillalarm gibt es in Waffengeschäften zu kaufen