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Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
V E R L O S U N G !

RLP-Ausstellung DER MAINZER verlost
5x 2 Eintrittskarten zur
Rheinland-Pfalz-
Ausstellung
Vom 12. bis 20. März 2016
Bitte senden Sie uns
eine E-Mail an
verlosungen@dermainzer.net
Stichwort: RLP-Ausstellung
Einsendeschluss: 1.3.2016

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GESELLSCHAFT

Ein Wochenende in Bewegung

Samstagmorgen, draußen lähmt das Glatteis den Straßenverkehr, drinnen, in den vier Hallen des Sportwissenschaftlichen Instituts der Mainzer Uni, toben und spielen Mainzer Flüchtlingskinder.


Flüchtlingskinder beim Unisport

»Schnell, schnell, mach doch« schallt es aus Kindermündern durch die Spielhalle. Hier herrscht Wettkampfstimmung. Jede Gruppe feuert ihre Mitglieder an. Aus Syrien, Kroatien, Mazedonien, Eritrea und aus weiteren Ländern stammen die Kinder, in Mainz leben sie in Flüchtlingsunterkünften.

Auf Deutsch und deutlich akzentuiert erklären die Betreuer den Sechs- bis Zwölfjährigen die jeweiligen Sportspiele. »Die meisten Kinder in dieser Gruppe gehen in die Schule, sie verstehen und sprechen Deutsch«, sagt Johannes Burdack. Der 24-jährige Sportstudent betreut mit seinen Kommilitonen Sepp, André und Armin die Gruppe der Flüchtlingskinder in der Spielhalle. Sie haben alle Hände voll zu tun. Der Bewegungsdrang fast aller 20 Kinder ist enorm, es gelingt kaum, sie zum Stillsitzen und Zuhören zu bewegen. Jede Pause wird genutzt um auf den Matten Purzelbäume oder Rad zu schlagen, im Handstand zu laufen.

»In der anderen Gruppe, die parallel in der Leichtathletikhalle betreut wird, ist die sprachliche Verständigung schwieriger«, weiß Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn. »Die Kinder dort kommen hauptsächlich aus der Notunterkunft auf dem Hartenberg, sie sind noch nicht lange hier, gehen noch nicht zur Schule und sprechen kaum Deutsch.«

Schöllhorn ist der Initiator von »Sport ohne Grenzen«. Studierende des Instituts für Sportwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) laden an zwei Wochenenden im WS 2015/16 samstags und sonntags jeweils sechs Stunden lang rund 60 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren zu gemeinsamen sportlichen Aktivitäten ein. Auf dem Gutenberg-Campus probieren die Kinder, die als Flüchtlinge in Mainz angekommen sind, verschiedenste Sportspiele und Sportarten aus - von Akrobatik über Frisbee, Fußball und Parcours bis Tanzen und vieles mehr. Beim gemeinsamen vegetarischen Mittagessen wird der kulturelle Austausch ergänzt. Die An- und Abreise der Kinder erfolgt durch das Malteser Hilfswerk Mainz.

»Sport ohne Grenzen« sei im Grunde die Fortschreibung eines Projekts aus den Sommerferien 2015, erklärt Schöllhorn. Das »Kids-Feriencamp« bot etwa 60 Schülerinnen und Schülern aus Mainz die Möglichkeit, eine Woche ihrer Sommerferien abwechslungs-, bewegungsreich und dennoch kostengünstig zu gestalten. Neben der individuellen sportpädagogischen Betreuung konnten die Kinder aus einkommensschwachen Familien dank der Unterstützung von Sponsoren auch mit einer vollwertigen warmen Mahlzeit sowie Obst und Getränken versorgt werden.

Gestemmt hatten das »Kids Feriencamp« hauptsächlich Sportstudierende in ihrer Freizeit. Die Erfahrungen flossen ein in das »Sport ohne Grenzen«-Projekt, das im Rahmen einer Lehrveranstaltung konzipiert, organisiert und durchgeführt wird, so dessen Leiter Schöllhorn.

Das bedeutet, die Studierenden organisieren die beiden Wochenenden weitestgehend selbständig. Sie suchen Sponsoren, stellen die Einheiten des Sportprogramms zusammen, sorgen für die Verpflegung, sichern ausreichende Betreuung. Den Kontakt zu den Flüchtlingsunterkünften organisiert die Projektleitung.

»Freudig mit und durch Sport gemeinsam voneinander zu lernen« ist laut Pressemitteilung das Ziel des Projekts. Schöllhorn hat herausgefunden, dass durch spezielle Bewegungseinheiten, die Lernfähigkeit gesteigert werden kann. Am Beispiel der Staffelläufe, die derweil Johannes, Sepp, André und Armin mit den Flüchtlingskindern machen, erklärt Schöllhorn, Grundannahmen dieses »Differentiellen Lernens«: Die Kinder laufen mal auf den Hacken, mal auf den Spitzen, mal auf der Innen-, mal auf der Außenkante der Füße, mal transportieren sie den Ball auf den gestreckten, mal in den geschlossenen Händen. Durch den ständigen Wechsel der Bewegungsabläufe und die damit verbundene unterschiedliche Beanspruchung von Körperteilen, gelinge es, die entsprechenden Gehirnregionen zu stimulieren und so die Lernfähigkeit zu steigern. Nach solchen Übungen ließen sich Mathematikaufgaben leichter lösen und im Botanischen Garten die Namen von Pflanzen besser merken.

Schöllhorn hat den bewegungswissenschaftlichen Lehransatz »Differentielles Lernen« 1999 erstmals zur Diskussion gestellt, seither kontinuierlich weiterentwickelt und die Ergebnisse empirisch belegt.

Die Motivation des Sportwissenschaftlers, mit den Studierenden Sportangebote für Kinder von einkommensschwachen Familien (das »Kids-Feriencamp« wird in den Osterferien 2016 wieder angeboten) und den Kindern aus Flüchtlingsfamilien die Vielfalt des Sports nahe zu bringen, speise sich aus Erfahrungen, die er in Ghana gemacht habe. »Diese Unterschiede der Lebensumstände von armen und reichen Familien und deren Kindern möchte ich hier nicht erleben«, ist sein Ansporn.

| SoS