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TITELSTORY

NORAH-Studie: Im Sinne der Auftraggeber?

Die Ergebnisse der NORAH-Studie zu den Auswirkungen von Verkehrslärm auf die Gesundheit von Menschen haben zu Kontroversen geführt. DER MAINZER benennt Aspekte des Disputs.


Schlaflosigkeit NORAH: was ist das? (Quelle: www.norah-studie.de ) Die Lärmwirkungsstudie NORAH (»Noise-Related Annoyance, Cognition, and Health«, deutsch etwa »Zusammenhänge zwischen Lärm, Belästigung, Denkprozessen und Gesundheit«) will möglichst repräsentativ und wissenschaftlich abgesichert Auswirkungen des Lärms vom Flug-, Schienen- und Straßenverkehr auf die Gesundheit und Lebensqualität der betroffenen Wohnbevölkerung beschreiben. Zur Erforschung der Wirkung von Verkehrslärm, haben sich mehrere renommierte Forschungs- und Fachinstitutionen der Medizin, Psychologie, Sozialwissenschaft, Akustik und Physik zu einem Forschungskonsortium zusammengeschlossen. Auftraggeber der Lärmwirkungsstudie NORAH ist die Gemeinnützige Umwelthaus GmbH (UNH) in Kelsterbach.

Finanzierung der NORAH-Studie: (Quelle: www.laermstudie.de ) Die Durchführung der NORAH-Studie kostet insgesamt 9,85 Millionen €, bezahlt zum allergrößten Teil von deutschen Steuerzahlern.

Das Land Hessen trug direkt 4 Mio. € und indirekt über die Tochter Gemeinnützige Umwelthaus GmbH 4,52 Mio. Euro, insgesamt also 85,92% der Kosten. Die Fraport (an der das Land Hessen mit 31,37 % und die Stadtwerke Frankfurt mit 20,03 % beteiligt sind) zahlt 1 Mio. € (10,15%), die Lufthansa 120.000 € (1,2%), acht Einzelkommunen, sowie die Initiative Zukunft-Rhein-Main (mit 28 Kommunen und einem Landkreis, sowie BUND und Bündnis der Bürgerinitiativen als Mitglieder) 216.000 € (2,19%).

Kernaussage führt zu Kontroversen

Eine der NORAH-Teilstudien beschäftigt sich mit Krankheitsrisiken. In deren Fokus stehen fünf Erkrankungen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche, Depression und Brustkrebs. Grundsätzlich, so ein Ergebnis, könne Verkehrslärm (Straßen-, Schienen-, und Fluglärm) »das Risiko erhöhen, einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder eine Herzinsuffizienz zu entwickeln.« Aber: »Es konnte kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dem Fluglärm-Dauerschallpegel zwischen abends 18 Uhr und morgens 6 Uhr und folgenden für Herz und Kreislauf relevanten Parametern festgestellt werden: Blutdruck, Herzfrequenz, Blutdruckamplitude. Auch bei Berücksichtigung weiterer Faktoren wie Rauchen und Übergewicht »war kein signifikanter Zusammenhang zwischen Fluglärm und Blutdruck nachweisbar.« (Quelle: www.laermstudie.de/de/ergebnisse/ergebnisse-im-ueberblick/krankheitsrisiken)

Diese Ergebnisse nutzten die Befürworter des weiteren Flughafenausbaus und des damit einhergehenden steigenden Fluglärms. Die FRAPORT AG stellte fest:

»Die Studienergebnisse zeigen insgesamt, dass die Risiken von Fluglärm für die Gesundheit minimal sind. Sie bleiben ein Vielfaches hinter Größenordnungen zurück, die in früheren Studien gefunden wurden, und sind damit geringer als von vielen befürchtet. Im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern (Straße, Schiene) und auch im Vergleich zu früheren Studien zeigten sich weitestgehend die geringsten Erhöhungen gesundheitlicher Risiken durch Fluglärm. . Insgesamt hat sich damit die zentrale Forschungshypothese der Studie - eine Ursache-Wirkungskette zwischen Fluglärm, Blutdruckerhöhung und daraus resultierenden Krankheiten - nicht bestätigt«. (Quelle: PM FRAPORT zu Ergebnissen NORAH-Studie 29.10.15)

Keine Gesundheitsgefährdung? Kein erhöhtes Risiko?

Prof. Dr. Eberhard Greiser, Prof. Dr. Thomas Münzel, Prof. Dr. Martin Kaltenbach
Die NORAH-Ergebnisse widerlegen nicht die Ergebnisse eigener Stu­dien zur Wirkung von Fluglärm auf die Gesundheit, sind sich die Me­diziner Prof. Dr. Eberhard Greiser, Prof. Dr. Thomas Münzel, Prof. Dr. Martin Kaltenbach (v.l.) einig. Fluglärm beeinträchtigt die Schlafqua­lität und kann zu drastischen Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System führen.

Die Bürgeraktion Pro Flughafen setzt bereits in der Überschrift ihrer Pressemitteilung noch einen drauf und schreibt: »NORAH-Studie belegt: Bevölkerung rund um Flughafen nicht besonders gesundheitsgefährdet.« Und weiter: »Die Studie weist ferner nach, dass es, anders als von interessierten Kreisen behauptet, keinen Zusammenhang zwischen Fluglärm und einem erhöhten Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko gibt. Auch in stark überflogenen Gebieten besteht kein erhöhtes Risiko.«

»Massive Zweifel an Methoden und Ergebnissen der Untersuchung« äußerten direkt nach Veröffentlichung der NORAH-Ergebnisse zu Krankheitsrisiken diejenigen, die seit Jahren durch eigene Studien nachweisen, dass »Fluglärm krank macht«. Der Mainzer Kardiologe Prof. Dr. Thomas Münzel kritisiert mit zwei weiteren Medizinprofessoren aus Frankfurt und Bremen die Planung, Durchführung und Bewertung von drei der fünf NORAH-Teilstudien.

Münzel, der in einer Studie nachgewiesen hat, dass Fluglärm bei gesunden Menschen zu Gefäßfunktionsstörungen, erhöhtem Stresshormonspiegel und zu verminderter Schlafqualität mit drastischen Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System führen kann (Infos: www.uni-mainz.de/ presse/61634.php) antwortet auf die Frage, ob er durch die Ergebnisse der NORAH-Studie die Ergebnisse seiner eigenen Studien widerlegt sehe dem MAINZER:

»Nein unsere Daten sind damit nicht widerlegt. Mit unseren Studien haben wir Lärmwirkungsforschung betrieben und gezeigt, dass in einer Feldstudie simulierter Nachtfluglärm die Gefäßfunktion verschlechtert und den Blutdruck steigert sowie gleichzeitig die Schlafqualität reduziert. Dabei hat sich die Schlafqualität deutlich verschlechtert.«

Ferner weist der Kardiologe darauf hin, dass die Daten der NORAH-Studie noch nicht publiziert seien (Stand Mitte November 2015). »Es handelt sich um Vorveröffentlichungen, die offensichtlich auch auf Druck von FRAPORT entstanden sind. Diese Vorgehensweise finde ich nicht in Ordnung, da eine Überprüfung der Daten durch internationale Reviewer noch nicht stattgefunden hat.«

Prof. Dr. Thomas Münzel findet es ebenso wenig in Ordnung, dass seit einem Jahr berichtet wird, Fluglärm verlangsame die Entwicklung von Kindern »aber auch diese Daten sind immer noch nicht ver­öffentlicht!« Befremdlich findet der Kardiologe zudem, dass die NORAH-Studie »Krankenkassendaten zu Herzinfarkt und Schlaganfall, Depressionen und Herzschwäche heranziehe, dass die Blutdruckdaten aber komplett unter den Tisch gefallen sind.«

Auf die Frage, ob trotz der NORAH-Ergebnisse Aussichten bestehen, 2017, wenn das Fluglärmgesetz geändert wird, die Lärmobergrenzen für Fluglärm zu senken, antwortet Münzel:

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass die NORAH-Studie die Notwendigkeit der Änderung des Gesetzes in Richtung strengere Auflagen verhindern kann, dazu ist die Datenlage zu eindeutig.« Münzel untermauert seine Ansicht auch mit dem Verweis auf die viel zu geringen Responderraten: »Bei der Gutenberg Gesundheitsstudie haben wir eine Responderrate von 65%. Bei der NORAH-Studie lagen die Responderraten zum Teil deutlich unter 10%. Zudem sind in der NORAH-Studie soziale Oberschichten überrepräsentiert. Ob das dann noch repräsentativ sein soll?«

Diese Studie hat keinen allgemeingültigen Aussagewert

Prof. Dr. med. Martin Kaltenbach, em., Leiter der Abteilung für Kardiologie im Zentrum der Inneren Medizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main, stellt fest, er sei heilfroh, dass er seine Mitwirkung an der Studie NORAH abgelehnt habe: »Ich wollte nicht, dass unter dieser Studie mein Name steht.« Kaltenbach kritisiert gegenüber dem MAINZER die sehr kurzfristig angelegte Bewerbungsfrist: »Die Ausschreibung erfolgte über die Weihnachtsfeiertage, wer nicht bereits im Voraus alle erforderlichen Unterlagen beisammen hatte, hatte gar keine Chance, teilzunehmen«. Dass der Vorschlag aus dem Kreis der Qualitätssicherer, die Vergabe aufzuteilen, da sie sich auf unterschiedliche Forschungsrichtungen beziehe, nicht berücksichtigt wurde, bestärkt bei Kaltenbach den Eindruck, man habe sich bereits vor der Ausschreibungen auf Prof. Dr. Rainer Guski festgelegt.

Dass die Wahl auf Professor Guski gefallen sei, interpretiert Kaltenbach wie folgt: »Sein Forschungsschwerpunkt als Psychologe ist auf Fragen der veränderten Lärmempfindlichkeit gerichtet, was der Luftfahrt nicht so gefährlich werden kann, wie z.B. Fragen zur Gesundheit.«

Kaltenbach bemängelt weiter, dass die NORAH-Studie sich weitgehend auf einen einzigen Flughafen beschränke, an dem auch noch ein Nachtflugverbot bestehe. Aus seiner Sicht hätte bereits vor Inbetriebnahme der neuen Landebahn mit der Untersuchung begonnen werden müssen, um im Sinne eines Längsschnitts gesicherte Aussagen zu erhalten. »Dies ist nicht der Fall, die Studie hat deshalb und aus vielen anderen Gründen insbesondere im Blutdruckmonitoring keinen allgemein gültigen Aussagewert«, ist Kaltenbach nach wie vor überzeugt und bleibt bei seinem Fazit: »Das Ganze war mehr eine Auftragsforschung als eine wissenschaftliche Studie. Keinesfalls wird durch NORAH der Stand der Internationalen Lärmwirkungsforschung, wonach insbesondere der nächtliche Fluglärm zu Blutdruckerhöhungen führt, in irgendeiner Weise abgeschwächt.«

| SoS

Hinweis zum Weiterlesen:
Auf die von Münzel, Kaltenbach und Greiser am 30.10.15 vorgetragene Kritik reagieren die NORAH-Wissenschaftler:
www.laermstudie.de/wissen/klartext-wissenschaftler-antworten