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Gesellschaft

Gehörlosigkeit: »Es ist meine Identität«

Peter Eichler begrüßt mich zu einem der ungewöhnlichsten Interviews, die ich bisher als Journalistin geführt habe. Der Gebärdensprachdolmetscher wird in einer Dreier-Telefonkonferenz meine Fragen an Roland Metz übersetzen und umgekehrt für mich, dessen Antworten in die Lautsprache.


Gebärdensprache
Ein Satz in der Lautsprache besteht aus der Aneinander­reihung von Worten. In einer Gebärde können dagegen mehrere Informationen gleichzeitig (simultan) ausdrückt werden. Deshalb benötigt die DGS durchschnittlich genauso viel Zeit wie das Aussprechen eines Satzes.

Ich bin überrascht, wie reibungslos das Telefongespräch mit zwei Partnern verläuft, die für ihre Kommunikation eine Videoverbindung mit einem zusätzlichen Textfeld benutzen. Roland Metz ist Beirat für Gebärdensprache und Gehörlosenkultur des Landesverbandes der Gehörlosen Rheinland-Pfalz und lässt mir gleich zu Beginn über den Dolmetscher übermitteln, wie froh er über den Service des Gebärdensprach-Dienstes Tess ist: »Endlich kann ich eigenständig Telefonate führen. Früher mussten meine Eltern für mich telefonieren.«

Auch im Fernsehen wurden einige Barrieren abgebaut, denn in vielen Sendungen werden inzwischen Untertitel eingeblendet, erzählt der 42-Jährige, der seinen Alltag mit vielen Tricks und Hilfen meistert. Denn Taubheit ist, wie er sagt, nicht sofort von außen ersichtlich, sozusagen eine »unsichtbare Behinderung«. Schließlich gäbe es nicht wie für Blinde die äußerlichen Erkennungsmerkmale eines Stockes oder einer Binde. Da seine Stimme relativ gut erhalten ist, versuche er zum Ausdruck zu bringen, dass er taub ist. Jedoch könne er die Stimme nicht kontrollieren, weshalb er sich meist mit einfachen Zeichen, die auch Hörenden vertraut sind, verständigt. »Manchmal benutze ich aber auch mein Handy, um etwas zu schreiben, oder frage nach Stift und Papier.«

Trotz der Widrigkeiten vermisst Metz das Hören nicht. Bei den Spätertaubten könne das Gefühl allerdings anders sein, meint er, und unterscheidet drei Gehör­losen-Gruppen: Die Taubgeborenen, jene, die mit ein oder zwei Jahren ertaub­ten und die Spätertaubten ab ungefähr sieben Jahren. Obwohl Metz bis zu seiner Meningitis-Erkrankung im Alter von zwei Jahren, die ihn ertauben ließ, gehört und gesprochen hat, kann er sich daran nicht mehr erinnern. »Deshalb kann man mich als Gehörlosen beschreiben. Mit einem Hörgerät kann ich Geräusche zwar wahrnehmen, aber kein gesprochenes Wort hören. Aber ich benutzte im Grunde kein Hörgerät«, erklärt er, und bringt über den Dolmetscher klar zum Ausdruck, dass Gehörlose genauso positiv leben wie hörende Menschen. »Ich akzeptiere meine Gehörlosigkeit, es ist meine Identität.«

Mit dieser Einstellung ist es fast naheliegend gewesen, dass der Bauzeichner neben seinem Beruf 2007 noch den Verein »SignTimes« gründete. Dieser bietet mehrere intensive Gebärdensprachkurse mit Konzepten an, die von tauben Dozenten, Linguisten und Mitarbeitern speziell für Anfänger und Fortgeschrittene entwickelt wurden. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine rein visuelle, lebendige Sprache, die hauptsächlich von deutschen Gehörlosen verwendet wird, und eine natürliche Sprache mit einer eigenständigen Grammatik. Ein ganzer Satz besteht daher aus einem Mundbild, der Mimik, den Handzeichen und der Gestik, erklärt der Dozent.

Inhaltlich ist die DGS jedoch der deutschen Lautsprache ähnlich, lediglich die Sprachübermittlung ist anders und die Mimik spielt eine wesentlich größere Rolle. So bedeutet zum Beispiel das Hochziehen der Augenbrauen eine Fragestellung – ein Mienenspiel, über das sich Hörende kaum noch bewusst sind. Der Behauptung, dass die Gebärdensprache grundsätzlich schwieriger für Hörende zu erlernen ist als für Gehörlose, widerspricht Metz, der ebenso die Amerikanische Gebärdensprache (American Sign Language, ASL) beherrscht und an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden und an der Georg-August-Universität in Göttingen unterrichtet. Vergleichbar sei sie eher mit dem Erlernen einer anspruchsvollen Sprache wie Russisch, manche haben Talent dafür und andere eben weniger.

| KH

www.signtimes.de