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Fastnacht

Ernst Neger-Avatar rockt den Domplatz

Die Mainzer Fastnacht steht vor gewaltigen Umbrüchen. Professionalisierung und Kommerzialisierung heißen die Schlagworte, mit denen man das närrische Treiben neu organisieren will. Der MAINZER hat deshalb schon einmal in die närrische Kampagne des Jahres 2035 geschaut – nicht ganz Ernst zugegeben.


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Illustration: Winfried Oehrlein

Nach zähem Ringen hatte sich im Juni eine Jury auf das neue Fastnachtsmotto geeinigt. »Du kommen Party«, lautet es. Reimvorschläge fanden aus Zeitgründen kein Gehör mehr. Zum Fastnachtsauftakt am Elften im Elften versammeln sich mehr als 15.000 großteils kostümierte Feierbiester auf dem Domplatz. Musik bestimmt die mehrstündige Riesen-Party, zu deren Auftakt um 11 Uhr 11 der neue Prinz an einem Seil vom Dom herabsteigt. Seine feierliche Inthronisation wird als Theaterspektakel von einer Eventagentur inszeniert. Lasershows und Pyrotechnik umrahmen das Ereignis.

Den Umzug der Garden, 2019 erstmals auf den Nachmittag des Neujahrstages verlegt, hat ab 2022 ein närrisches Spekakel in der überdachten Zalando-Arena, vormals Coface-Arena, ersetzt. Dort messen die Garden in einer närrischen Olympiade ihre Kräfte. Zum Programm gehören ein Eselrennen, bei dem die Reiter rückwärts auf den Grautieren sitzen, Luftschlangen-Weitwerfen und ein Fleischwurst-Wettessen.

Mit einer Riesenparty auf dem Domplatz startet Mainz am Fastnachtsdonnerstag in die närrischen Tage. Publikumsliebling ist ein von einer japanischen Firma entwickelter Ernst Neger-Avatar, der Schlager wie Rucki Zucki oder Humba Tätära im Etno-Rock-Gewand präsentiert. Wer auf dem Domplatz live dabei sein will, zahlt Eintritt. Auf der Zitadelle ist die Veranstaltung kostenlos auf Riesenleinwänden zu sehen. Damit wollen die Veranstalter Vorwürfe kontern, die Mainzer Fastnacht sei eine rein kommerzielle Veranstaltung.

Das neue Mainzer Fastnachtsmuseum ist an den Fastnachtstagen bis 22 Uhr geöffnet. Der ein oder andere einheimische Besucher rätselt noch immer, ob der dort in einem gläsernen Schrein gezeigte mumifizierte Prinz Bibi reale Knochen eines Gonsenheimer Mitbürgers zeigt oder nicht. Viel Aufmerksamkeit findet ein Video, das den ehemaligen Obermessdiener Andreas Schmitt in seiner Rolle als Papst zeigt, mit der er ab 2018 auf der närrischen Bühne brillierte. Am Fastnachtsfreitag überträgt der Pay-TV-Sender »Sky+60« die Fernsehsitzung »Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht«. Der letzte noch verbliebene öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehsender hatte die Übertragung anno 2023 aufgegeben. Besonders gern wird die Sendung in den Demenz-Ressorts in Afrika und Asien gesehen, wo die staatliche Pflegeversicherung aus Kostengründen viele Zehntausend Deutsche untergebracht hat.

Nach Aufgabe der traditionellen Rekrutenvereidigung treffen sich die Garden seit Jahren am Fastnachtssamstag am Zollhafen zu einem feucht-fröhlichen Spektakel, in dessen Rahmen rund hundert als Mucker und Philister verkleidete Mainzer Sporttaucher von uniformierten Gardisten auf die andere Rheinseite Richtung Wiesbaden verjagt werden. In der Rheingoldhalle haben Mainzer Gastronomen ein Schlaraffenland aufgebaut, hängen Würste und Schinken von den Decken, gibt es Wein- und Bierbrunnen. Diese närrische Form des »All You Can Eat«, wie es im 19. Jahrhundert ähnlich in den ersten Gardelagern praktiziert wurde, ist vor allem bei jungen Touristen beliebt.

Mit einem nächtlichen Korso starten die großen Mainzer Fastnachtsparaden. Mehr als 100.000 Euro kosten die prunkvollsten Festkarossen. Politische Themen finden sich keine mehr im Zug, weil sich kaum noch jemand für Politik interessiert. Mainzer Markenzeichen sind und bleiben die Schwellköpp`, zu denen sich meterhohe, von innen illuminierte Ballonfiguren gesellt haben. Wegen der Größe der Wagen und Figuren wurde der Zugweg in den letzten Jahren geändert und verkürzt. Kostenlos ist die närrische Parade nur noch im Aufstellungsbereich zu sehen. Die Innenstadt zwischen Großer Bleiche und Römerschiff-Museum ist eine von Sicherheitsdiensten abgeriegelte eintrittspflichtige Zone, in der zahlreiche Bühnen aufgebaut sind. Rund 6.000 Tribünenplätze wurden im Rahmen touristischer Pauschalarrangements verkauft. In der abgeriegelten und von fast 1000 Videokameras überwachten Sicherheitszone ist der Genuss mitgebrachter Getränke und Speisen verboten. Taschen und Rucksäcke werden gescannt.

Viele Mainzer meiden deshalb die Innenstadt, treffen sich statt dessen am Goetheplatz, wo ein großes Multikulti-Fest steigt. Die Neustadt-Clubs und Garden haben hier eine kleine Zeltstadt aufgeschlagen, in der sich auffallend viele Migranten einfinden, viele verkleidet. Ärger gab es um den Gottesdienst für die Narren im Dom, wo am Fastnachtssonntag statt der Hostie kleine konsekrierte Mini-Paarweck ausgeteilt werden sollten. Schon vor acht Jahren hatte der Gottesdienst im Dom für Aufregung gesorgt, als Buben und Mädchen in Hexen- und Teufelskostümen ministrierten.

Sonntagmittags geht die närrische Parade vom Vortag erneut in der abgesperrten Innenstadt auf Tour. Erst bei Tageslicht, dann wieder am Abend. Viele Mainzer findet man in den Vororten, wo kleine Umzüge unterwegs sind. Häufig finden Hausbälle statt, trifft man sich kostümiert zu gemeinsamen Unternehmungen.

Am Rosenmontag gehen die großen Karnevals-Paraden ein letztes mal über die Bühne. Die Nachmittags-Parade sendet das Fernsehen in weltweit 43 Länder. Mit dabei sind auch Fastnachtsgruppen aus Sardinien, Griechenland und Spanien, deren Auftritte die Fremdenverkehrsämter der Länder sponsern. Auf dem Domplatz ist am Dienstagabend noch einmal Party, spielen Bands zum Kehraus. Ein lautstarkes Lichterspektakel über den Domtürmen signalisiert pünktlich um Mitternacht das Ende der Fastnacht.

25.000 Touristen, meldet die Lokalzeitung am Aschermittwoch, hätten die Fastnachtstage in Mainz und Umgebung verbracht. Bei den Touristikern der Stadt ist man zufrieden. Schlägereien über die Fastnachstage forderten über Hundert Verletzte. 592 Menschen mussten zur Ausnüchterung. Zahlen, die im üblichen Rahmen lägen, meinte ein Zeitungskommentator. Schon morgen will man die Planungen für die Kampagne 2036 starten.

| Spectator