Kontakt + Impressum
Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
Verlosung

Mitmachen & Gewinnen
Gewinnen Sie 6 Flaschen Wein und besuchen Sie die RegioWein vom 14. Bis 22. März 2015 im Rahmen der Rheinland-Pfalz Ausstellung.
rpl-ausstellung+wein-regio Ausführlichere Informationen finden Sie hier >>>

Werbung

Titelstory

Hindernislauf zum Arbeitsplatz

Nur zu gerne würden viele Flüchtlinge arbeiten, sich und ihre Familien selbst versorgen, statt sich in den Unterkünften zu langweilen. Nur zu gerne würden hiesige Unternehmen offene Arbeitsplätze und Ausbildungsplätze besetzen. Wie kommen hier Angebot und Nachfrage zusammen?


Flüchtlinge

Der Demographie-Knick fordert Opfer: Händeringend suchen Unternehmen in Mainz und Rheinhessen nach Fachkräften und Auszubildenden. Insgesamt 40 % der IHK-Unternehmen in Rheinhessen sehen, einer Konjunkturumfrage der IHK zufolge, den Fachkräftemangel als größtes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens. Grund zur Sorge haben die Unternehmen u.a. da die Zahl der Schulabgänger zurückgeht: in den Jahren 2008 bis 2018 landesweit von 47.860 auf 40.544. Zum Ende eines Ausbildungsjahres werden bei der Agentur für Arbeit Mainz seit Jahren unbesetzt gebliebene Ausbildungsplätze in Rheinhessen registriert, 2014 waren es 160. Laut Fachkräftemonitor der rheinland-pfälzischen IHKs fehlen bis 2030 in Rheinland-Pfalz rund 100.000 beruflich qualifizierte Fachkräfte und rund 6.200 Akademiker.

In den kommenden Jahren wird sich diese Situation verschärfen. IHK und HwK wissen darum und versuchen mit Maßnahmen und Projekten wie »Durchstarten: Neuer Weg zur Fachkraft«, in dem Unternehmen und Studienaussteiger zusammen gebracht werden, gegenzusteuern.

Derweil leben in Mainzer Flüchtlingsunterkünften zurzeit knapp 900 Menschen, von denen viele arbeitswillig und arbeitsfähig sind. Allerdings sprechen sie kein oder wenig Deutsch und die Ausbildung, die sie in ihrer Heimat gemacht haben, den Beruf, den sie erlernt haben, können sie mangels Papiere entweder nicht nachweisen, die Gleichwertigkeit dieser Ausbildung muss in Deutschland erst festgestellt werden, bevor diese Menschen eine entsprechende Arbeit aufnehmen dürfen (Berufsanerkennungsverfahren). Oder die potenziellen Arbeitgeber schrecken vor den erforderlichen Formalien zurück.

Schlüsselkompetenz: Deutsch

Was ist zu tun, damit Flüchtlinge arbeiten können und so nicht nur ihren Lebensunterhalt weitestgehend selbständig finanzieren, sondern auch die Arbeitskräfte­nachfrage der Unternehmen abdecken? Bei der Suche nach Antworten auf diese Frage geht es zuerst um die Vermittlung der deutschen Sprache.

Malteser Hilfswerke gGmbH und die juvente-Stiftung Mainz sind in den Mainzer Flüchtlingsunterkünften für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig. Dazu zählt auch, Angebote für Deutschkurse zu koordinieren und die Flüchtlinge zu unterstützen, um Arbeit aufzunehmen.

Nefret Abu El-Ez, bei der Stiftung juvente Mainz u.a. zuständig für die Flüchtlingsunterkünfte Zwerchallee und Wilhelm-Quetsch-Straße, fasst die Angebote in beiden Unterkünften zusammen: von Montag bis Freitag gibt es täglich, über den Tag verteilt mehre Kurse, sowohl für alle, als auch für unterschiedliche Sprachlevels oder z.B. nur für Frauen. Zusätzlich gibt es (für die Bewohner der Zwerchallee-Unterkunft), extern finanzierte Kurse in der Paulus-Gemeinde, DAF- Kurse (Deutsch als Fremdsprache) in der VHS, im Caritas-Zentrum Debrel.

In der Regel, so Abu El-Ez, nähmen pro Kurs etwa 20 Personen teil: Es bestehe zwar keine Teilnahmepflicht, zudem hätten die Flüchtlinge immer wieder Termine auch außerhalb der Unterkünfte, z.B. bei Behörden wahrzunehmen, aber die Betreuer motivieren diejenigen, die nicht sowieso schon motiviert sind, regelmäßig teilzunehmen.

Die Angebote in den Unterkünften organisiert juvente, die meisten »Lehrenden«, oft pensionierte Lehrer, verzichten bewusst auf eine Aufwandsentschädigung, sagt Frau Abe El-Ez. Das Lehrmaterial für diese Kurse wird aus Spenden finanziert.

Da in der Flüchtlingsunterkunft Zwerchallee zurzeit etwa 30 Jugendliche untergebracht sind, die nicht mehr der Schulpflicht unterliegen, sei man bei juvente dabei, spezielle Kurse für diese jungen Erwachsenen ab 17 Jahre einzurichten. Die entsprechend ausgebildeten Lehrkräfte würden über Spenden finanziert.

Hindernislauf: Arbeitsvermittlung

Seit 1.1.15 können Asylsuchende und geduldete Ausländer bereits nach drei Monaten und ohne dass ihr Asylsuchverfahren abgeschlossen ist, eine Arbeit aufnehmen.

Das Verfahren dazu beschreibt Petra Seifert, Sprecherin der Agentur für Arbeit Mainz, wie folgt: Der Flüchtling hat einen potentiellen Arbeitgeber, der stellt beim Mainzer Bürgeramt, Abteilung Ausländerangelegenheiten einen Arbeitserlaubnisantrag, dieser wird an die Zentrale Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn geschickt und geprüft: Es gilt festzustellen, ob für das konkrete Stellenangebot keine deutschen Arbeitnehmer, EU-Bürger oder entsprechend rechtlich gleichgestellte Ausländer zur Verfügung stehen. Außerdem dürfen sich durch die Beschäftigung keine nachteiligen Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt ergeben. (Vorrangprüfung- Prüfung des Arbeitsmarktes). Ist die Prüfung zugunsten des Antragstellers und seines Arbeitgebers abgeschlossen, erteilt die Mainzer Abteilung Ausländerangelegenheiten die Arbeitserlaubnis für diesen Arbeitgeber und trägt dies in die Nebenbestimmungen im Ausweis des Flüchtlings ein.

Juvente-Mitarbeiterin Abu El-Ez nennt es ein großes Problem, dass die Bearbeitung dieses Verfahrens bis zu drei Monate dauern kann, was u.a. darauf zurückzuführen sei, dass die Personalkapazitäten nicht dem Bearbeitungsbedarf entsprechen.

Noch mehr Zeit braucht es, wenn Flüchtlinge das Berufsanerkennungsverfahren durchlaufen. Selbst für solche Berufe, die derzeit hier händeringend nachgefragt werden (Pflegekräfte, Erzieherinnen, Facharbeiter) wird Inhalt und Qualität der beruflichen Qualifikation des jeweiligen Antragstellers geprüft. Für diese Prüfungen sind u.a. die jeweiligen berufsständischen Institutionen zuständig. Laut Gesetz sollen diese Verfahren innerhalb von drei Monaten abgeschlossen sein. In der Regel dauert die komplexe Prüfung länger, so die Erfahrung von Frau Abu El Ez.

Aufgrund der meist langen Verfahrensdauern kann die paradoxe Situation entstehen, dass Flüchtlinge ein Arbeitsangebot erhalten, das, wird ihnen zwei, drei Monate später die Arbeitsgenehmigung erteilt, anderweitig vergeben ist, berichtet Nefret Abu El-Ez von juvente.

In den Mainzer Flüchtlingsunterkünften bemühen sich die Betreuungsorganisationen insbesondere um Ausbildungs- und Praktikumsplätze für die jugendlichen Flüchtlinge. Auch hier gilt es die Regularien zu beachten, erklärt AfA-Sprecherin Seifert: Praktika im Rahmen von Schulbesuch oder Studium sind ohne Zustimmung der ZAV möglich, ebenso wenn Asylbewerber an EU-geförderten Kursen/Programmen teilnehmen. Ansonsten brauchen potentielle Praktikanten ebenfalls eine Arbeitserlaubnis. Bei der Antragstellung muss der Praktikumsanbieter das Arbeitsentgelt angeben, was, erklärt Seiffert, eine Art Schutzfunktion darstelle, damit sich kein paralleler Arbeitsmarkt auftut, in dem Beschäftigungsbedingungen umgangen werden können.

Auch wenn die Verfahren kompliziert und langwierig sind, appelliert juvente-Mitarbeiterin Nefret Abu El-Ez an die hiesigen Unternehmen, bei der Besetzung von Arbeits- Ausbildungs- und Praktikantenplätzen an die Flüchtlinge zu denken. Die Betreuer, so die juvente-Mitarbeiterin, leisteten dabei eine Art »Vermittlungsdienst«: Sie wüssten meist, welche Berufe die Flüchtlinge im Herkunftsland erlernt und/oder ausgeübt haben und könnten einschätzen, welcher Flüchtling für welche Stelle in Frage käme.

Abu El-Ez macht außerdem den Vorschlag, einen »Runden Tisch« einzuberufen: Alle, die mit der Vermittlung von Arbeitskräften in Mainz zu tun haben, die Behörden, die Agentur für Arbeit, die Kammern (IHK, HwK), die Betreuungsorganisationen, Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit sollten sich zusammensetzen, um die konkreten Möglichkeiten zur Vermittlung in den hiesigen Arbeitsmarkt zu erkunden. Die Initiative für diesen »Runden Tisch« müsste von der Agentur für Arbeit ausgehen, meint die juvente-Mitarbeiterin.

| SoS


KOMMENTAR: Wer ergreift die Initiative?

Es ist zu bewundern, wie viele und mit welchem Einsatz Ehrenamtliche und bezahlte Betreuer den Flüchtlingen eine Lebensperspektive vermitteln wollen. Es gibt auch Unternehmer, die bereit und in der Lage sind, die Formalien zu erledigen, damit Flüchtlinge arbeiten und Geld verdienen können.

Aber positive Einzelbeispiele reichen nicht. Es braucht entsprechende Strukturen, damit viele, möglichst alle Flüchtlinge fundiert Deutsch lernen, auf Ausbildungsplätze vorbereitet werden und Arbeitsplätze besetzen können.

Ja, das Gesetz, das den Flüchtlingen erlaubt »schon« nach drei Monaten Arbeit aufzunehmen, ist erst seit 1.Januar in Kraft. Ja, es dauert, bis sich alle Verantwortlichen in den Ministerien, in der Arbeitsagentur und in den berufsständischen Interessenvertretungen mit den sich daraus ergebenden Möglichkeiten und Chancen vertraut gemacht haben. Ja, auch das Einwanderungsgesetz muss geändert werden, die Finanzzuweisungen vom Bund an die Länder für die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen sind nicht ausreichend, die Kommunen bleiben wieder einmal auf den Kosten sitzen: Ja, alle können weiterhin mit dem Finger auf andere zeigen und warten, bis die in die Gänge kommen.

Oder sie fangen einfach an. Auf kommunaler Ebene. Setzen sich zusammen. Unternehmer, Flüchtlingsbetreuer, Vertreter der zuständigen Behörden, der Agentur für Arbeit. Gemeinsam finden sie praktische Wege, damit z.B. die 30 allein reisenden Jugendlichen in der Unterkunft Zwerchallee, die älter als 16 Jahre sind, auf ihr Be­rufsleben in Mainz und Rheinhessen vorbereitet werden. In Bayern funktioniert das seit drei Jahren. Wäre doch gelacht, wenn das in Mainz nicht auch machbar ist.

| SoS