Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
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Ehrlich Brothers
am 27.12.2014, 20 Uhr
in der Phönix-Halle Mainz

Ehrlich Brothers Selbst in der Fachwelt wird über die Geheimnisse der Zauberbrüder gerätselt und mit Begeisterung zur Kenntnis genommen, dass Andreas und Chris Ehrlich die Zauberkunst in ein neues Zeitalter geführt haben.

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Mainzer Kopf

Der Theatermann in der Phönix-Halle

Veranstaltungstechnik ist: »Hoch, runter, laut, leise, hell, dunkel.« Matthias Becker mag es kurz und plakativ. Als »handwerklicher Künstler« machte er die Phönix-Halle zum beliebten Veranstaltungsort. Diese Ära steuert auf ihr Ende zu.


Matthias Becker

Es war im November 1997. Der Mainzer Stadtrat beschloss, mit Matthias Becker einen Mietvertrag für die Phönix-Halle abzuschließen. Der Anlass: Das Staatstheater Mainz brauchte während der Sanierung des Großen Hauses eine Ausweichspielstätte. »Mir ging es darum für das Theater eine Lösung herbeizuführen, das war mein Antrieb«, sagt Matthias Becker. »Denn im Grunde meines Herzens bin ich ein Theatermann.«

Um das nachvollziehen zu können bohren wir ein wenig in der Vergangenheit des Geschäftsführers der »Phönix Halle Betriebs- und Veranstaltungs GmbH«.

Sein Berufswunsch lautete ursprünglich: Orchesterdirigent. Für die Aufnahme am Frankfurter Konservatorium fehlte ihm ein einziger Punkt. Die Klavierprüfung war nicht so gelaufen, wie gewünscht, Becker verordnete sich eine Denkpause und fing an zu jobben.

Gastfreundschaft und Hausmusik

Als die Denkpause vorbei war studierte Becker Elektrotechnik: »Ich wollte wissen, wie Musik elektronisch funktioniert.« Den Meister in Beleuchtungs- und in Bühnentechnik setzte er obendrauf. Gute Voraussetzungen, um als »Veranstaltungstech­niker« zu reüssieren. 1987 gründete er »bst«, die Becker Studio Technik GmbH. Das Unternehmen hat mittlerweile 14 Mitarbeiter und ist u.a. für die Technik des Rheingau Musik Festivals verantwortlich.

Matthias Becker ist Ober-Olmer, die Eltern (der Vater ist 1899 geboren) waren jeweils verwitwet, so dass Becker insgesamt sechs Geschwister hat, mit denen er entweder den Vater oder die Mutter teilt und die alle mindestens 20 Jahre älter sind als er. Er sei in einem »offenen Haus« groß geworden, in dem Gastfreundschaft genauso selbstverständlich war, wie Hausmusik, blickt der 50-Jährige zurück. Becker spielte und spielt auch heute noch Kirchenorgel und lebte damals seine Leidenschaft, »etwas für andere zu organisieren« bei der katholischen Jugend aus.

Für Andere da sein, das sei ihm angeboren, »etwas zu bewegen« bezeichnet er als eine Art Urtrieb. Trotz seinem nicht geringen Arbeitspensum ist Becker seit Jahren im Ober-Olmer Gemeinderat aktiv. Als Sponsor ist u.a. er mit dabei, wenn im Vincenzstift Aulhausen das Kinderfest des Rheingau Musik Festivals stattfindet.

Besonders gut ausleben kann Becker seine Organisationsleidenschaft, gepaart mit allen Musik- und Theaterfreuden seit 1998 in der Phönix Halle. Im April 2015 ist damit Schluss: »Ich habe schon einige Tränen vergossen und spätestens wenn wir den Orchestergraben zuschütten müssen, werden weitere fließen.« Becker soll das komplette Inventar inkl. Estrich und Toiletten rausreißen. Der Vermieter wolle es so.

Ende einer kulturellen Ära

Dass Becker etwas »richtig gemacht hat« mit der Phönix Halle zeigen ihm die Reaktionen vieler Künstler: Bevor er dicht macht, wollen sie unbedingt noch einmal dort auftreten. Auch viele Aussteller sind gar nicht begeistert, dass ihnen ausgerechnet der Veranstaltungsort genommen wird, den sie ob seiner Lage, seinem Ambiente und seinen Bedingungen sehr schätzen: In welche Mainzer Halle kann man mit einem Sattelschlepper reinfahren und direkt ausladen? Oder: welche Mainzer Halle ist komplett barrierefrei?

»Es hätte andere Möglichkeiten gegeben«, ist Becker überzeugt. Aber vorbei ist vorbei. »Dann habe ich vielleicht mehr Zeit, wieder Klavier zu spielen und erkunde mit meiner Frau per Pedelec Rheinhessen.« Das klingt ein wenig, als wolle sich Becker selbst trösten.

| SoS »Acid, Mao und I Ging – Erinnerungen eines Berliner Haschrebellen«, so heißt das Buch, das Miriam Spies unbedingt gedruckt sehen wollte. Die damals 25-Jährige gründete den gONZo-Verlag und aus der ursprünglichen Nebenbeschäftigung wurde ein »Rundumdieuhrjob«.

Miriam Spies entstammt einer pragmatisch orientierten Familie, wie sie sagt. Der Vater ist Wirtschaftsprüfer, die Mutter Steuerberaterin, der »kleine Bruder« Steuerfachangestellter. Sie selbst sei einerseits aus der Art geschlagen, andererseits sei die ganze Familie künstlerisch durchaus gut drauf – sie habe ihre Interessen zum Beruf gemacht, umschreibt Spies recht lakonisch die Tatsache, dass für sie selbst der Gelderwerb eben nicht an erster Stelle steht.

Auf den Geschmack gekommen

Mainz hat Miriam Spies nie wirklich verlassen – den achtmonatigen Ausflug zum Studium an die Berliner Humboldt Universität hätte sie sich schenken können, bilanziert sie: »Die Fallhöhe der Erwartungen war wohl zu hoch gewesen.« An Mainz schätzt sie vor allem die Möglichkeit, rasch ins Grüne zu gelangen. Die Mainzer Subkultur allerdings, also der kulturelle Raum, in dem sie sich beruflich wie privat bewegt, der sei nun nicht so dolle.

Bücher wurden ihr nicht direkt in die Wiege gelegt, meint die Verlegerin. Als 14-, 15-Jährige habe sie Goethe, Janosch und Tucholsky gelesen, aber erst das Germanistikstudium (neben Kulturanthropologie und Buchwissenschaft) brachte sie richtig auf den Geschmack – auf den Geschmack für die in den USA entstandene Beat-Literatur der 1950er Jahre, die in Deutschland u.a. Rolf Dieter Brinkmann aufgriff. »Diese Zeiten, die 68er, alles was sich damals entwickelte, waren spannend, es war der Neuanfang nach dem Krieg.«

Weniger spannend findet die 1982 Geborene dagegen aktuelle Entwicklungen: »Ich habe den Eindruck, vielerorts herrscht Agonie vor, vielleicht weil der Druck von allen Seiten immens ist, der Druck am Arbeitsplatz, die vielen Katastrophen, die über alle Medienkanäle unablässig auf die Menschen einwirken... dabei gibt es doch so viele Themen, auf die man drauf gucken muss!«

Grenzgänger und »Hardboiled«

Genau das versucht Miriam Spies mit ihrem Verlagsprogramm, mit literarischem Rock’n’Roll, Beatlyrik, Literatur gesellschaftlicher Grenzgänger und experimentellen Mischformen. Deshalb ist auch der Krimi, der jetzt erscheint, ein »hardboiled-Krimi« und die Verlegerin widmet sich aktuell den Entwicklungen im Journalismus. Schließlich ist der Name ihres Verlags angelehnt an den Gonzo-Journalismus, der auf den amerikanischen Schriftsteller und Journalisten Hunter S. Thompson zurückgeht.

Die Mischung macht’s

Miriam Spies ist im Verlagswesen eine Ausnahmeerscheinung: »Jung, weiblich, independent – diese Mischung gibt’s nicht oft.« Als sie anfing, hätten die meisten wohl nicht damit gerechnet, dass sie so lange durchhalten werde: »Ich habe mir meinen Platz erkämpft und das wird auch anerkannt.«

Ihren gONZo-Verlag betreibt sie als Einfrau-Verlag: »Ich mache alles selbst, außer drucken.« Deshalb kommt sie kaum zum Lesen – von Manuskripten abgesehen. Will sie abschalten, hilft Musik: Bob Dylan, Jack White, Patty Smith. Musik die zur Beat-Literatur passt. Wie das Urlaubsziel Tanger in Marokko. Spies nennt es eine »Pilgerfahrt«, denn Tanger ist ähnlich wie Marrakesch, wo sie 2008 war, eine Hochburg der Beat-Literaten. Bei Miriam Spies passt eben alles zusammen.

| SoS