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Spitzfindig

Friedhofsstille

Das Thema passt gut in die Zeit. Von der kaum jemand genug hat. Um eine Grabstätte zu pflegen, zum Beispiel. Was wiederum voraussetzt, dass genügend Geld vorhanden ist für Grab und Begräbnis.


Friedhof

Kommt das Gespräch auf Bestattungen und Friedhöfe, stehen schnell die Kosten im Mittelpunkt. Beim Sarg angefangen, bei den Friedhofsgebühren hört es nicht auf, dazu jahrelange Grabpflege. Ein Grund warum alte Menschen vorsorgen: Mit Sterbeversicherungen, mit dem Ankauf des Grabs und mit dem steten Hinweis an die Nachkommen: Ihr braucht Euch um nichts mehr zu kümmern. Eine Bemerkung, die bei Selbigen meist Erleichterung auslöst – und beruhigt. Treffen die Auswahl von Sarg und Grabschmuck diejenigen, die zu bestatten sind, ist die Gefahr, etwas nicht im Sinne der Verstorbenen zu machen, geringer.

Die Statistiken belegen, Urnengräber, Kolumbarien, Friedwälder und anonyme Gräber sind die Favoriten unter den Begräbnisarten. Sie sind günstiger und bieten nur kleine bis klitzekleine Flächen, die gepflegt werden müssen. Oder gar keine mehr.

Die Trauerkultur verändert sich. Die beruhigend schönen Friedhofslandschaften auch.

Gerade an neblig-feuchten Tagen verströmen diese Stätten Ruhe und Besinnlichkeit. Die kann man nutzen. Nicht allein fürs Gedenken an die Verstorbenen. Doch das ist nur so lange möglich, wie die Friedhofsverwaltungen genügend Geld einnehmen, um die Bäume und Hecken, Wege und Toilettenanlagen zu pflegen. Überall auf hiesigen Friedhöfen sind zwischen den Gräbern immer größere Leerflächen zu sehen. In Hamburg werden Friedhöfe »stillgelegt«, in Berlin sind angeblich 50 Prozent der Friedhofsflächen überflüssig.

Natürlich könnten Friedhofsflächen als Park- und Grünanlagen erhalten bleiben. Aber wo der Platz der Lebenden in den Ballungsräumen immer geringer wird, dürfte der Platz der Toten in lukrative Bauplätze umgewandelt werden. Friedhöfe beanspruchen oft Raum in allerbester Lage – wer will den Lebenden verwehren, hier ein Haus zu bauen? Natürlich nicht gleich – aber vielleicht 20 Jahre nachdem die letzten Toten bestattet wurden?

Unter diesen Gesichtspunkten kann man Grabpflege auch als Beitrag zur Erhaltung der Friedhofslandschaften verstehen. Allerdings muss man sie sich leisten können. Zeitlich und finanziell.

| SoS