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Denkmalpflege

»Geschichte zum Anfassen« – Muss das sein?

Die Anforderungen des Denkmalschutzes werden oft als Kostentreiber und Schikane verstanden. Mit Blick auf den Tag des Offenen Denkmals am 14. September 2014 bat DER MAINZER Landeskonservator Dr. Joachim Glatz um eine Stellungnahme.


Dr. Joachim Glatz
Dr. Joachim Glatz
© www.vitruv.net

Alljährlich am »Tag des offenen Denkmals« erfreuen sich Millionen an der Zeitreise in die Vergangenheit. Ziel des von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz koordinierten »Kulturereignisses« ist es, die Menschen für die Bedeutung des kulturellen Erbes und die Belange des Denkmalschutzes zu sensibilisieren. In diesem Jahr steht der Tag des offenen Denkmals unter dem Motto »Farbe«.

Die farbliche Erscheinung, im Zusammenspiel mit den jeweiligen Lichtverhältnissen prägt, neben der formalen Gestalt eines Objekts, ganz wesentlich die Wahrnehmung unserer Umwelt, so die Begründung für die Wahl dieses Mottos.

In Mainz widmen sich Veranstaltungen der Farbgestaltung von Baudenkmälern wie Rathaus, Dom, Christuskirche, Schloss u.a.

Auch in ganz Rheinhessen (siehe Seite 58/59) laden sonst oft verschlossene Denkmäler zu einer Erkundung ein.

Den Rest des Jahres wird in Diskussionen um Sanierung, Renovierung oder Umbau von öffentlichen wie privaten Gebäuden der Denkmalschutz oft als »Kostentreiber« verstanden. Warum ein bestimmtes Fenstermaß beibehalten werden muss oder warum der Außenanstrich nur mit einer bestimmten Farbe gestaltet werden darf, ist vielen Zeitgenossen nicht immer ver­mittelbar. Ins­besondere wenn sie meinen, dafür zusätzliches Geld ausgeben zu müssen.

St. Ignaz
Eingestellt in die hoch aufragende Fassade von St. Ignaz sind zahlreiche Nischenfiguren, die nach der Sanierung das rote Mauerwerk wieder in ihrem ursprünglichen, leuchtendem Weiß kontrastieren

Dr. Joachim Glatz, Landeskonservator, Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz entgegnet auf die MAINZER-Frage: Sind die zusätzlichen Kosten für den Denkmalschutz bei der Sanierung von privaten wie öffentlichen Gebäuden gerechtfertigt?

»Man kann, man darf Denkmalschutz nicht auf Geld und Kosten reduzieren. Kulturdenkmäler sind wesentlicher Bestandteil unseres kulturellen Erbes, Teil unserer gebauten Umwelt und positive Standortfaktoren.«

Wirtschaftsfaktor Denkmalpflege

Die Kosten für den Denkmalschutz bei der Instandsetzung von Gebäuden seien im Vergleich mit Neubauprojekten oder der Sanierung von modernen Eisenbahnbrücken nicht unverhältnismäßig hoch, meint Glatz. »Denkmalpflege ist gleichzeitig ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; es gibt Aufträge für Architekten und das qualifizierte Handwerk. Jeder Euro Zuschuss bewegt rund zehn Euro Investitionen.«

Das Schreckgespenst Denkmalschutz entbehre tatsächlich jeder Grundlage, bilanziert Glatz, »denn im Gesetz ist festgeschrieben, dass die Maßnahmen zumutbar sein müssen. Das beinhaltet für uns Denkmalpfleger, dass wir im direkten Austausch mit dem Eigentümer die Arbeiten absprechen. Dabei werden auch die Kosten berücksichtigt. Im Regelfall werden Kompromisse zwischen denkmalpflegerischen Ansprüchen und den Möglichkeiten und Wünschen der Eigentümer gefunden. Dies gilt auch für energetische Verbesserungen. Die Denkmalbehörden sehen ihre Hauptaufgabe in der Beratung und Vermittlung.«

Wenn die Eigentümer nachweisen könnten, so Glatz, dass die Erhaltung ihres Bau­denkmals nicht zumutbar ist, dann habe nicht der Denkmalschutz das Nachsehen, sondern die Gesellschaft, denn die Denkmalpfleger arbeiteten im öffentlichen Interesse.«

| SoS

Das gesamte Programm zum Tag des offenen Denkmals in Mainz:
http://tag-des-offenen-denkmals.de/laender/rp/kreisfrei/3806/