Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
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Titelstory

MCV fordert mehr Unterstützung

Höhepunkt einer jeden Fastnachts- Kampagne ist der Rosenmontagszug. Dessen Finanzierung wird immer schwieriger. Darüber und über andere aktuelle Fragen sprach DER MAINZER mit dem Präsidenten des Mainzer Carneval-Vereins, Richard Wagner.

Richard Wagner

DER MAINZER: Seit kurzem sind Sie ja Romanheld, regieren Sie in Johannes Gersters neuem Krimi »Bombenstimmung am Rosenmontag« als Ritschi Diamond den Mainzer Champagner Verein. Haben Sie das als Satire abgehakt?

Richard Wagner: Satire ist für mich eine gelungene Verspottung, in der keine Menschen umkommen. Ich habe nur 30 Seiten gelesen und dann die letzte Seite. Von schriftstellerischer Qualität habe ich eine andere Vorstellung.

DER MAINZER: Wir haben gehört, dass es im MCV einige Leute gibt, die Johannes Gerster mit einer Klage drohen, weil er verdiente Fastnachter, die man in seinem Roman mit einigem Hinter­grund­wissen leicht entschlüsseln kann, ehrverletzend porträtiert. Einem wird gar unterstellt, den Tod eines angeblich von ihm geschwängerten Ballett­mädchens auf dem Gewissen zu haben. Geht es hinter den Kulissen wirklich so zu?

Wagner: Wie es hinter den Kulissen zugeht, hängt immer von den Personen oder Persönlichkeiten ab, die für einen Verein oder eine Garde arbeiten oder zuständig sind. Verfehlungen gibt es in allen Lebensbereichen. Allerdings erscheint mir die Phantasie von Herrn Gerster sehr eigenartig. Ich vermisse die positive Darstellung von Mainz, den Menschen, die sich um die Fastnacht verantwortlich kümmern. Man erhält durch die Brille von Gerster das Gefühl, dass es sich bei Fastnachtern, die nicht in der Ranzengarde sind, nahezu ausnahmslos um einfältige Naturen handelt. Wer als Außenstehender das Buch liest, erhält kein positives Bild von Mainz und seinem Volksfest. Für mich ist es weder ein literarisches Meisterwerk, noch empfehlenswert. Seine Entstehung ist sicher auch auf Herrn Gersters eigene Eitelkeitsvorstellungen zurückzuführen.

DER MAINZER: Johannes Gerster, der sich ja selbst gern als oberster Brauchtumshüter des organisierten Frohsinns fühlt, beschreibt die Mainzer Fastnacht als ein Tollhaus der Eitelkeiten. Ist das so?

Wagner: Meint sich Herr Gerster selbst damit? Die Mainzer Fastnacht ist kein Tollhaus der Eitelkeiten, obwohl es durchaus Menschentypen gibt, die sich für unentbehrlich und wichtig halten. Ich meine, man sollte sich in Zurückhaltung üben und vor allem Teamarbeit anstreben.

DER MAINZER: Wie es aussieht, läuft die aktuelle Kampagne gut bis sehr gut. Viele Veranstaltungen sind schon jetzt ausverkauft. Gibt es dafür Gründe?

titel-plaketscher Richard Wagner: Die Mainzer Fastnacht hat ihre Qualitäten, wie die Veranstaltungen der vergangenen Jahre zeigten. Es ist kein billiges Comedy-Einerlei. Man erkennt auch in dem, dass man sich untereinander kennt und unterstützt, Bräuche und Traditionen der Mainzer Fastnacht pflegt, eine soziale Gemeinschaft. Das stärkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Natürlich ist der Zulauf zu den Veranstaltungen eine Anerkennung der Leistung vieler Fastnachter.

DER MAINZER: Immer mehr Vorort-Vereine, etwa aus Kastel oder Gonsenheim, drängen mit ihren Sitzungen auch in die großen Säle der Innenstadt. Beginnt ein neuer Wettbewerb um närrische Marktanteile?

Wagner: Konkurrenz belebt das Geschäft, allerdings sollte man sich nicht gegenseitig die Butter vom Brot nehmen. Jeder Verein sollte auf seine Eigenständigkeit achten. Wenn immer wieder die gleichen Redner oder Gruppen bei den einzelnen Vereinen oder Garden auftreten, kann das zur Abnutzung der närrischen Idee führen.

DER MAINZER: Um die Finanzierung des Rosenmontagszuges hat es zuletzt heftige Diskussionen gegeben. Unter anderem forderte der Zugmarschall von den Garden, sich an den Kosten der Organisation zu beteiligen. Andererseits hört man, es gebe inzwischen ein Konzept für die künftige Finanzierung der Straßenfastnacht. Ist das ein Gerücht oder was ist da dran?

Wagner: Es gibt noch kein Konzept, allerhöchstens Vorstellungen, was man machen könnte. Die Zukunft wird zeigen, mit welchen Mitteln ein Rosenmontagszug gestaltet werden kann.

DER MAINZER: Berlin verzichtet dieses Jahr auf seinen Karnevalszug. Weil die Stadtverwaltung den Narren immer mehr Steine in den Weg legte und auch finanziell immer neue Forderungen stellte, hat man den Umzug aufgegeben. Ähnliches kennt man ja auch aus der Geschichte des MCV, der mit den Stadtvätern nicht immer einer Meinung war. Wie ist das heute?

Wagner: Die Fastnacht in Mainz mit ihren Bräuchen und Traditionen ist seit mehr als 175 Jahren gewachsen und nicht mehr wegzudenken. Verwaltung und Behörden - dazu gehören Ordnungskräfte, Sanitätsdienste, Feuerwehr, Polizei und Sicherheitsdienste - müssen kooperieren, zusammenarbeiten. Kontroverse Diskussionen gehören zum Alltag, ihr Ziel sollte aber immer eine gemeinsam tragfähige Lösung sein.

DER MAINZER: Müssen Sie die Stadt, was die Finanzierung närrischer Aktivitäten angeht, nicht stärker in die Pflicht nehmen? Jahrzehntelang gab es einen städtischen Zuschuss für die Zugorganisation. Muss man den neu und lauter wieder einfordern?

Wagner: Die Stadt sollte sich der Bedeutung der Mainzer Fastnacht stärker bewusst werden. Der im Rahmen der Fastnacht nach Steuern erzielte Gewinn sollte durchaus einmal Anlass sein, darüber nachzudenken, wie man den für die Stadt bedeutungsvollen Rosenmontagszug stärker unterstützen kann als nur im Engagement für die anschließende Straßenreinigung.

DER MAINZER: Sicherheit ist wichtig, aber in keinem Land Europas werden den Narren bei der Organisation ihrer Veranstaltungen solche Fesseln angelegt wie bei uns. Steht am Ende eine Fastnacht bei der nur noch Security-Leute den Ton angeben?

Wagner: Sicherheit ist wichtig und notwendig, denn nur eine sichere Veranstaltung ist letztendlich eine schöne Veranstaltung. Deshalb hat man in der jüngsten Vergangenheit immer wieder gemeinsame Gespräche mit den Behörden gesucht, abgewogen, um zu vernünftigen, machbaren Ergebnissen zu kommen, die ein gewohntes, auch ausgelassenes Feiern garantieren. Man muss aufeinander zugehen können!

DER MAINZER: Ist es sinnvoll, im fastnachtlichen Rahmen noch mehr Eventagenturen, Künstlervermittler und andere kommerzielle Veranstalter mit ins Boot zu nehmen, oder sollte man nicht stärker auf Laien setzen? Auf engagierte Männer und Frauen, denen es um die Fastnacht geht, nicht um neue Einnahmequellen?

Wagner: Man kennt die typischen Fastnachter, die ganz mit dem Herzen dabei sind, nicht wegen des Profits. Aber es gibt auch die Entwicklung von Fastnachtern zum Profi, der mit seinen Auftritten seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Er kann Gastredner bei der einen oder anderen Veranstaltung sein. Profis allein freilich wären das Ende der urwüchsigen, vom Volk getragenen Fastnacht. Die Ehrenamtlichen, Engagierten sind definitiv unentbehrlich. Dennoch spielt bei allen Bemühungen die Finanzierung all der Mühen eine bedeutende Rolle. Deshalb gilt es speziell für diesen Bereich immer wieder neue Wege zu suchen, um neue Mittel zu erschließen.

| Spectator