Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
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Nullfünfer

ÜBER DAS ANSPRUCHSDENKEN EINIGER FANS

Zugegeben, Augsburg steht in der Tabelle gerade vor uns - aber Bremen, Frankfurt und so mancher Ex-Meister beneiden uns um unsere Punkte. Trotzdem sind viele Fans unzufrieden.

Weihnachtszeit ist Rechenzeit - zumindest für Fussballfans. Dann ist der Herbstmeister ermittelt, die Winterpause hat begonnen und es besteht ausgiebig Gelegenheit an Stammtischen, Weihnachtsmarktbuden und Familienfesten die bisherigen Saisonleistungen zu kritisieren und die Zielvorgaben gegebenenfalls zu korrigieren. Lediglich südlich des Weißwurstäquators ist dieser schöne Brauch etwas zum Erliegen gekommen: Man will vier bis fünf Titel pro Jahr einheimsen (mindestens) und ist wieder einmal auf dem besten Weg dahin. Fertig, aus, Prost - bzw.: Oans, zwoa, gsuffa!

In anderen Regionen des Landes hat das Zähneklappern längst schon die weihnachtsalltägliche Hintergrundmusik übertönt. Wer in Nürnberg, Freiburg oder Braunschweig die bisher eingefahrenen Punkte zählt ist sehr schnell fertig. »Tu felix Moguntia...« könnte man da mit den Resten seines Schullateins zu formulieren beginnen: Glückliches Mainz, aller Sorgen enthoben, sicher im Mittelfeld und weitab von Abstiegs- wie Europa League-Blamage-Gefahren. Doch halt! Beim selbsternannten »Karnevalsverein« sieht man manch' grimmige Miene. Unzufriedenheit allerorten - über liegengelassene Punkte, vermeintliche falsche Trainerreaktionen, nicht zufriedenstellende Einstellung einiger Spieler. Und über allem schwebt die »T-Frage«.

Foto: Mainz 05

Wer wird »Mr. T«?

»Er steht im Tor, im Tor, im Tor - und ich dahinter.« trällerte Wencke Myhre einst in der Gegend herum - weitab von unserer heutigen Realität. Stammtorhüter Heinz Müller ist immer noch verletzt und Christian Wetklo durch »Rot« sowie einige nicht bis ins Letzte überdachte Bemerkungen ebenfalls nicht »einsatzfähig«. Und obwohl Loris Karius, die ehemalige »Nummer Drei«, seine Sache ausgezeichnet macht (immerhin hat er in »Deutschlands Fußballmagazin Nr. 1« eine bessere Durchschnittsnote als die beiden alten Hasen) und mit Christian Mathenia eine »neue Nummer Zwei« auf der Bank sitzt (was Wetklo vorgeschlagen hatte und ihm zum Verhängnis wurde), sucht der Verein wohl einen neuen Torhüter. Zumindest saß eine Delegation aus Mainz in diesen Tagen bei den Grashoppers in Zürich auf der Tribüne, um den 23jährigen Roman Bürki zu beobachten, der dort im »Kasten« und kurz vor dem Sprung in den schweizer Nationalkader steht. Sicher ist wohl nur, dass er noch nicht in der Winterpause kommt.

Es scheint schon ewig her, dass Mainz nicht erstklassig (im Sinne von »in der Ersten Bundesliga«) gespielt hat - und mindestens genauso lange, dass sie dort im Abstiegskampf steckten. Was gestern noch wie ein Märchen klang (»sicherer Platz im Mittelfeld«) verbreitet heute eher Tristesse und provoziert zu merkwürdigen Sprüchen: »Die zehn Punkte zum Relegationsplatz sind schnell weg«.

Mittelfeld-Tristesse

Wer heute allzu Positives über den Verein sagt, erntet misstrauische Blicke. Wir spielen »schlecht gegen die Kleinen und nicht gut genug gegen die Großen«, »bauen gegnerische Mannschaften auf«, spielen »zu taktisch« und warten darauf, dass sich der eine oder andere »Neueinkauf endlich integriert«. Kaum zu glauben, dass man sich unter diesen Umständen noch in der oberen Tabellenhälfte bewegt. Oder, anders ausgedrückt: Was ist dann erst bei den anderen Vereinen los?

Sehr beliebt ist bei einigen auch der traurige Blick auf Klopp, Holtby, Polanski & Co.: »Der Verein lässt die besten einfach ziehen!« Zugegeben: Wenn man immer nur nach den Bayern schielt, sind Qualitätsunterschiede zum eigenen Team leicht auszumachen. Aber es ist einfach schade, wenn man sich über einen Fehlpass von Soto, ein Vertrippeln von Malli oder einen Schuss von »Mr. Chancentod« weit übers gegnerische Tor wesentlich länger aufgeregt als man sich über gute Torwartparaden (»Den hätt' der Anner nit gehalte!«), schöne Treffer (»Das wurde aber auch Zeit!«) und spannende Spiele (»Die Bayern haben gegen die aber höher gewonnen!«) freuen kann. Wär doch auch mal ein Vorsatz fürs Neue Jahr!

| Mdl