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Mainzer Kopf

ZWISCHEN DEN WELTEN

Wolfgang Klein ist Kneipier und schrieb sieben Bücher. Wolfi, wie ihn die meisten nennen, wandelt zudem zwischen den Welten. Die alte Heimat lässt ihn nicht los, von der neuen will er nicht lassen.

Wolfgang Klein

Eigentlich habe er alle Brücken hinter sich abbrechen wollen, als er vor 33 Jahren Rumänien verließ. »Auf offener Straße wurde ich als Hitlersau bezeichnet, nur weil ich Siebenbürger Sachse bin«, erinnert sich der 57-Jährige. Für 11.000 Mark wurde Wolfi 1980 von der BRD freigekauft, sein Vater, »ein Studierter« kostete 20.000 Mark. Ihren gesamten Besitz mussten sie in Hermannstadt zurücklassen und fingen in Deutschland von vorne an.

Blickt Wolfi zurück, ist er trotzdem froh, in Sibiu aufgewachsen zu sein. Seine Jugend sei unbeschwert und schön gewesen, man hielt zusammen unter den Siebenbürger Sachsen, das Leben war weniger materialistisch ausgerichtet - das könne man sich so heute nicht mehr vorstellen. »Meine Freunde von damals sind auch heute meine Freunde, wir haben immer noch regen Kontakt.«

Nicht ganz einfach

Wolfi verschlug es ins Mainzer Kneipenleben. Als Wirt im Quartier Mayence, im Caveau und wieder im Quartier Mayence. Dann sollte Schluss sein. Seiner Frau war er allerdings zu unruhig. Also übernahm er 2009 den »Löwen« in Gonsenheim.

Kneipier, sagt Wolfi, sei ein schwerer Beruf: »Man arbeitet rund um die Uhr, ich laufe dabei mehr als ein Marathonläufer, dazu noch die Schlepperei von Getränkekisten und Fässern und das stundenlange ,Dauergrinsen' ist auch nicht ganz einfach.«

Trotzdem, meint Wolfi, sei er gerne Wirt. Aber nicht nur. Ein paar »intellektuelle Ausflüge« müssten schon sein - Schreiben zum Beispiel. Anstifter für diese »Nebenbeschäftigung« seien allerdings die Biergärten am Rhein gewesen: »Es ist normal, dass im Sommer die Menschen nahe dem Wasser ihre Getränke zu sich nehmen wollen. Also ist in den Innenstadtkneipen wenig bis nichts los. Geld lässt sich so nicht viel verdienen. Langweilig ist es außerdem.« Wolfi begann aufzuschreiben, was er erlebt hat. Zuerst typische Kneipengeschichten. Zuletzt seine eigene Geschichte: »Heimatlos«.

Regelmäßig besucht Wolfi Hermannstadt. Musik und Kulturarbeit bilden die Brücke. Früher, vor der Ausreise, habe er schon Jazzkonzerte in Hermannstadt organisiert. Im Quartier Mayence dann waren die sonntäglichen Jazzfrühschoppen legendär. Längst ist er wieder dabei, wenn in Hermannstadt und am schwarzen Meer Jazzfestivals zu organisieren sind. Froh ist Wolfgang Klein auch, dass er sein Abitur nicht auf einem deutschen, sondern auf einem rumänischen Gymnasium in Hermannstadt gemacht hat. Er spricht noch immer fast perfekt rumänisch, kann seine Bücher selbst übersetzen, stellt sie in der »alten Heimat« bei Lesungen vor.

Um Vorurteile und Klischees gegenüber »den Rumänen« aufzubrechen, nimmt Wolfi oft Bekannte mit nach Hermannstadt - es habe sich natürlich viel verändert, das Protz- und Imponiergehabe der neu oder vermeintlich Reichen stößt ihn dort wie hier ab.

Freude und sehnsucht

Wolfi ohne Schirmkappe auf dem Kopf anzutreffen, ist nahezu unmöglich. Tatsächlich verbirgt sich darunter eine Glatze - aber aus Eitelkeit setze er die Mütze bestimmt nicht auf, weist Wolfi die entsprechende Frage zurück. Er fühle sich halt jünger, als die Glatze vermuten ließe: »Ich habe viel mit jungen Leuten zu tun, ich fühle mich so wie die, ich sehe halt nur nicht mehr so aus.«

Von der alten Heimat lassen mag Wolfgang Klein nicht und an der neuen hält er sowieso fest. Am wohlsten fühle er sich im Flugzeug, zwischen den beiden Welten pendelnd, wenn er sich auf die vor ihm liegende freuen könne und sich gleichzeitig nach der zurückliegenden sehne. »Heimat ist dort, wo man nicht gefragt wird, woher man kommt.« Diese Sichtweise hat Wolfi seinem Buch »Heimatlos« vorangestellt.

| SoS

Am 30.1.14 lesen Wolfgang Klein und Christine Eckert aus »Heimatlos«.
www.frankfurter-hof-mainz.de