Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

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Weihnachtsgeschenke

Wer hat's erfunden?

Deutschland ist eine geteilte Nation: Während im Norden, wie in vielen anderen Ländern, der Weihnachtsmann (auch bekannt als »Santa Claus«, »Father Christmas«, »Père Noël«, »Babbo Natale« etc.) durch die Kamine rauscht und seine Gaben verteilt ist es im Süden (sowie in einigen Alpenländern, Teilen Osteuropas und in Lateinamerika) das »Christkind«, über dessen Herkunft wir an dieser Stelle schon früher gerätselt haben. Heute fragen wir uns: Wer hat eigentlich die ersten Geschenke verpackt?

Geschenke unterm Weihnachtsbaum

Da steht man an einem dieser berüchtigten Adventssamstagen in einer schier endlosen, sich nicht vorwärts bewegen wollenden, Schlange auf der Saarstraße oder an einer Kaufhauskasse und plötzlich geht einem ein Gedanke durch den Kopf: »Wer hat mit dieser ganzen Schenkerei eigentlich angefangen?«

Wir wollten dieser Frage einmal ausführlich auf den Grund gehen und haben dazu unseren in Brauchtums­fragen besonders kompetenten Redaktionsethnologen mit auf den Mainzer Weihnachtsmarkt genommen. Der winkte jedoch, beeindruckt von Glanz, Gesang und Glühweinstandgedränge erst einmal nervös ab: Zu heikel sei das Thema, besonders in der Vorweihnachtszeit.

Er wolle, quasi im Schatten des Mainzer Doms, nicht allzu laut auf »heidnische« und nicht-christliche Ursprünge hinweisen. Nicht jeder mag so etwas in der heißen Phase der Vorweihnachtszeit gerne hören. Nach dem Konsum von drei Glühwein (mit Schuss) und der Inhalation des Dampfes zahlreicher grimmig drein schauender, dickbäuchiger Räuchermännchen war er dann jedoch wesentlich gesprächsbereiter und begann zu erzählen:

Da sind zum Beispiel die vorchristlichen »wihen nahten« - die zumindest etymologisch für die Entstehung des Begriffes »Weihnachten« herangezogen werden: Zwölf »Rauhe Nächte«, rund um die Verehrung des Sonnengottes, in denen wohl auch schon kleine Geschenke verteilt wurden um die Hoffnung auf ein helles, sonniges und fruchtbares neues Jahr zu verstärken.

Erwähnt werden auch gerne die in römischer Zeit üblichen Präsente an die Dienerschaft. Diese waren allerdings ein Zeichen des Dankes für die geleistete Arbeit in den vergangenen zwölf Monaten - und hatten nichts mit Weihnachten oder einem vergleichbaren Vorläuferfest zu tun.

Da ist es schon wahrscheinlicher, dass die Julgaben der Alten Germanen eine gewisse Ahnenrolle für unsere Paketestapel unterm Weihnachtsbaum spielen könnten: Am Julfest war die Freude groß, die Sonne »kam wieder zurück«, zahlreiche Gaben wurden auf einen großen Haufen gelegt - und jeder nahm sich, was ihm gefiel. - Soweit die populären Beschreibungen. Ob dieses Ritual immer reibungslos ablief ist nicht belegt. Zum Nachahmen ist es jedenfalls nicht unbedingt empfehlenswert.

Andere Quellen verweisen auf verschiedene »Heischebräuche« bei denen arme Kinder, in einigen Regionen aber auch Erwachsene, von Tür zu Tür zogen und um milde Gaben baten. Einige dieser Rituale haben sich als »Martinsbrot«, »Luzienbrot« (benannt nach der heiligen Lucia) aber auch als »Nikolausgeschenke« bis in die heutige Zeit erhalten.

Die Idee des Dr. Martin Luther

Geschenke unterm Weihnachtsbaum

Eine Zäsur brachte hier der Protestantismus: Kein geringerer als Martin Luther selbst verlegte die Bescherung auf Weihnachten. Bisher war es meist der 6. Dezember, an dem Kinder und das Dienstpersonale kleine Geschenke erhielten - Päckchen für erwachsene Familienmitglieder, Freunde, Kollegen etc. gibt es erst in neuerer Zeit.

Doch die Bindung an einen Namenstag (Nikolaus) - der von den Protestanten nicht gefeiert wird - gefiel dem reformfreudigen Theologen nicht. Er zog den 25. Dezember vor - der damals keinem Heiligen gewidmet war. Eine Tradition, die sich dann auch auf die katholischen Landstriche ausgebreitet hat.

Die eigentliche Bescherung findet bei uns am Heiligen Abend (24. Dezember) statt. Ursprünglich war dies um Mitternacht - nach dem Besuch der Christmette. Die Zeiten änderten sich, der Besuch der späten Gottesdienste ließ nach, Geschenke wurden immer früher ausgepackt - um die Kinder nach einem gemeinsamen Abendessen »rechtzeitig« ins Bett zu schicken und am nächsten Tag selbst ausschlafen zu können. Viele Pfarreien schlossen sich dem Trend an und verlegten die »Mette« daher schon in den Nachmittag um die traditionelle Abfolge des Festtages zu ermöglichen.

In anderen Ländern werden an diesem Tag nur Socken (angelsächsischer Bereich) oder Schuhe (Frankreich) an den Kamin oder das Fenster (Frankreich) gestellt um gefüllt zu werden. Behältnisse, die in heutiger Zeit in den meisten Fällen natürlich viel zu klein sind - und auch ohne Kamin muss man keine Angst haben von dem Gabenverteiler übersehen zu werden.

Etwas länger muss man in vielen Teilen Spaniens warten - hier wird erst am 6. Januar, in Erinnerung an die Gaben der Heiligen Drei Könige, zum großen Auspacken gebeten.

»Sol invictus« oder »Geburt des Herrn«

Geschenke unterm Weihnachtsbaum

Warum wird die »Geburt des Herrn« aber am 25. Dezember gefeiert? Auch hier verweisen viele Autoren auf die frühchristliche Technik, Termine sogenannter »heidnischer Feste« mit eigenen Feiertagen zu belegen.

So konnte man einerseits die Institution des traditionellen Tages für sich selbst nutzen und gleichzeitig die Idee und die Erinnerung an das ursprüngliche Fest verdrängen. In römischer Zeit wurde am 25. Dezember der »unbesiegten Sonne« (sol invictus) gedacht, ein Tag, an dem auch dem Kaiser gehuldigt wurde.

Bereits aus dem Jahr 354 liegen Hinweise vor, dass damals schon an diesem Termin von den Christen die »Geburt des Herrn« gefeiert wurde: Da ein Geburtstag von Jesus nicht überliefert war, wurde er kurzerhand auf diesen Termin gelegt. Erst viel später, im Jahr 813, wurde dieser Tag auch bei uns ein, zunächst nur kirchlicher, Feiertag.

Aus dem 14. Jahrhundert sind Bräuche überliefert, die starke Fruchtbarkeitsaspekte wider­spiegeln. So habe man den Tieren eine Sonderration Futter mit den Worten »Hai Viach, haust au wos: des haud da's Christkindl brauchd, das ma glückli san mit dir« gegeben, Mägde hätten an Weihnachten mit »teigigen Armen« Obstbäume umarmt um eine gute Ernte im nächsten Jahr sicherzustellen und im Fichtelgebirge gingen junge Mädchen nachts in den Stall um das »Hühnerorakel« zu hören: »Gackert der Hoahn, do krieg ich an Moan, gackert de Henn', do krieg ich kenn'«

Weihnachten im 19. Jahrhundert

Geschenke unterm Weihnachtsbaum

Im 17. Jahrhundert tauchen dann erste Beschreibungen von Weihnachten mit geschmückten - und später auch beleuchteten - Bäumen auf. Aber erst im 19. Jahrhundert war dies alles aus bürgerlichen Wohnzimmern nicht mehr wegzudenken.

Caroline von Humboldt wundert sich im Jahre 1815: "Der Weihnachtsabend ist allerdings eine fixe Idee bei den Berlinern ..., alles beschenkt sich durcheinander. Mein Weihnachten wird diesmal ungemein brillant werden, die Krone wird, seitdem sie im Salon hängt, hier zum ersten Male angesteckt werden, und darunter der Tisch mit allen Geschenken.«

Bei E.T.A. Hoffmann lesen wir: »Das schönste an dem Wunderbaum muß aber wohl gerühmet werden, daß in seinen dunklen Zweigen hundert kleine Lichter wie Sternlein funkeln und er selbst in sich hinein- und herausleuchtend die Kinder freundlich einlud, seine Blüten und Früchte zu pflücken.«

Das weihnachtliche Berlin machte auch auf Heinrich Heine Eindruck. Wie meinte Heinrich Heine so schön in seinem zweiten Brief aus Berlin (1822)?

»Wie in allen protestantischen Städten spielt hier Weihnachten die Hauptrolle in der großen Winterkomödie. Schon eine Woche vorher ist alles beschäftigt mit Einkauf von Weihnachts­geschenken. Alle Modemagazine und Bijouterie- und Quincailleriehandlungen haben ihre schönsten Artikel - wie unsere Stutzer ihre gelehrten Kenntnisse - leuchtend ausgestellt; auf dem Schloßplatze stehen eine Menge hölzerner Buden mit Putz-, Haushaltung- und Spielsachen; und die beweglichen Berlinerinnen flattern, wie Schmetterlinge, von Laden zu Laden und kaufen und schwatzen und äugeln und zeigen ihren Geschmack und zeigen sich selber den lauschenden Anbetern.«

»Eine Woche vorher...« - was hätte Heine wohl 2013 geschrieben, wenn er Anfang Dezember den Mainzer Weihnachtsmarkt besucht hätte?

Die Renaissance des Julklapp...

Werfen wir noch einen Blick nach Skandinaviern, wo sich noch relativ viele Elemente des alten Julfestes in den dortigen Weihnachtsbräuchen weiter leben:

Nach dem großen Weihnachtsessen am 24. Dezember werden zahlreiche Julklapp-Päckchen an die Familienmitglieder verteilt und der Reihe nach (nicht wie bei uns alle gleichzeitig) ausgepackt. Das Besondere daran ist, das jedes Geschenk in zahlreiche Lagen Papier eingewickelt ist - auf dem jeweils der Name eines anderen Anwesenden notiert ist. Man wickelt also jeweils nur »seine« Lage ab und reicht das Geschenk dann an denjenigen weiter, dessen Namen erschienen ist. Ist das Päckchen schließlich bei der Zielperson, findet diese neben dem eigentlichen Geschenk noch ein paar lustige Verse darin, die sie laut vorlesen muss. Hat sich dann das Gelächter gelegt, geht es mit dem nächsten Päckchen weiter. Ist alles ausgepackt, tanzt die ganze Familie ausgelassen um den Weihnachtsbaum herum.

Es ist übrigens nicht bewiesen, dass die Geschenkpapierindustrie diese Tradition am Leben erhält - oder umgekehrt.

...und das White-Elephant-Julklapp

Es gibt in unseren Breiten verschiedene Lite-Versionen des Julklappen - meist als »Wichteln« bezeichnet - die in größeren Gruppen gerne gespielt werden.

In der einfachsten Form zieht man einen Namenszettel und beschenkt den dort Bezeichneten anonym. Man kann auch alle Geschenke in einen Sack stecken und blind ziehen. (»Grabbelsack«) Bei der sadistischen Variante wird gewürfelt: und die bereits ausgepackten Geschenke wandern entsprechend weiter. (Bei der »eins« muss das Geschenk an den linken Nachbar abgegeben werden, bei einer »sechs« darf man jemand aussuchen der mit einem tauschen muss etc.)

Eine extreme Variante ist White-Elephant-Julklapp, auch »Greuelklapp« oder »Schrottwichteln« genannt. Hier geht es darum, besonders hässliche, schrottige oder absolut nutzlose Dinge zu verschenken. Für Weihnachten dann auch nicht soooo geeignet.

| MDL