Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

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Die Theaterseiten des Mainzers

spielart

EIN HERZSCHLAG IST KEINE MASSENBEWEGUNG


Foto: Martina Pipprich
Patricia Roach in »Erwartung«
Foto: Martina Pipprich

Nach »Maria Hilf« in der vergangenen Spielzeit verbindet Regisseur Georg Schütky erneut Werke zu einer spannenden musiktheatralischen Konstellation: Gustav Mahlers »Lied von der Erde« und Arnold Schönbergs »Erwartung«, ein epochales Stück Musiktheater, ein »Monodram« mit einer einsamen, panischen Protagonistin. Beide Werke entstehen 1909.

Bei aller Vorsicht gegenüber biographischen Deutungen lässt sich die Lebenssituation Gustav Mahlers in diesen Jahren schwer ausblenden: Seine Tochter starb und eine ärztliche Diagnose erklärte ihm, dass er nicht mehr lange zu leben habe. Insbesondere wenn man den letzten Satz des Werkes hört, den »Abschied«, drängt sich der Gedanke auf, dass hier das Ende eines Lebens künstlerisch gestaltet wird.

Arnold Schönberg komponiert mit »Erwartung« den Zerfall einer Welt, die Auflösung eines Ichs in expressive Gebärden: Hat diese Frau einen Mann ermordet? Was ist das für ein Wald, an dessen Rändern sie sich bewegt?

Georg Schütky nimmt den Wettlauf zwischen dem Norweger Roald Amundsen und dem Briten Robert Scott zum Südpol 1911 - also fast gleichzeitig mit der Entstehung beider Musikwerke - als Ansatz seiner szenischen Interpretation. Der Norweger gewann den Wettlauf, Scott verlor das Rennen - und sein Leben.

Georg Schütky: »Wer etwas Großes leisten will, muss mit Einsamkeit rechnen und Mut haben. In Mahlers Lied von der Erde nimmt jemand Abschied, um einen einsamen Weg zu gehen. Doch was bleibt auf der Strecke? Der Frau in Schönbergs Erwartung bringt all der strahlende, blendende Heroismus gar nichts, sie ist verlassen worden und jetzt alleine, auch das erfordert Mut. Zwei Wege, die im Nichts enden.«

Musikalische Leitung: Stephan Zilias
Inszenierung: Georg Schütky Mit: Patricia Roach; Richard Morrison, Alexander Spemann.

Premiere: 14. Dezember 2013, 19.30 Uhr, Kleines Haus

Einführung und öffentliche Probe: 9. Dezember, 18 Uhr

Interaktiver Einführungsworkshop mit Musiktheaterpädagogin Anna Scherer: Donnerstag, 12. Dezember, 16.30 Uhr
Anmeldung: 06131-2851151 und ascherer@staatstheater-mainz.de



»GIFT«

von Lot Vekemans

Foto: Martina Pipprich
Andrea Quirbach und Stefan Walz
Foto: Bettina Müller

Zwei Menschen, eine gemeinsame Vergangenheit, ein schmerzliches Wiedersehen - mehr braucht es nicht, damit ein Drama unter die Haut geht. Lot Vekemans Ehegeschichte »Gift« kommt mit wenigen Mitteln aus, um den Zuschauer auf eine gnadenlose Seelenschau zu schicken. Nach der Uraufführung in Belgien und ersten Inszenierungen am Deutschen Theater Berlin und den Münchener Kammerspielen offenbart auch das Staatstheater Mainz mit dieser zusätzlichen Neuproduktion hinter dem Eisernen Vorhang des Kleinen Hauses die Kämpfe und die Ängste einer zerbrochenen Ehe.

Zehn Jahre sind vergangen und die wesentlichen Fragen zwischen dem einstigen Ehepaar sind doch die Gleichen geblieben: Warum hat er sie verlassen? Wie ist mit Verlusten umzugehen und kann es im Leben einen Neuanfang geben? Auf das »warum« der Trennung können sich beide nicht viel entgegnen. Allein »wie« man auseinander gegangen ist und welche Wunden man dem anderen damit zugefügt hat, scheint zwischen ihnen noch verhandelbar. Denn indem sich ein Mann nach dem Unfalltod ihres gemeinsamen Sohnes wortlos von seiner Frau trennt, lässt er seine Ehe hinter sich und seine Frau mit ihrem Schmerz allein zurück. Seine inneren Beweggründe und unmittelbaren Gedanken bleibt er ihr auch in den folgenden Jahren bis zu ihrem Wiedersehen schuldig. Denn während sie Erklärungen in der Vergangenheit sucht, ist seine Hoffnung klar auf die Zukunft gerichtet.

Das einander Ausweichen, die Andeutungen, die kleinen und großen Anschuldigungen erweisen sich als symptomatisch für die gescheiterte Beziehung der beiden Ehepartner, die das leise aber schonungslose Drama »Gift« vor der Kulisse der Friedhofshalle portraitiert.

Inszenierung: Nadja Blank
Bühne: Martin Gries
Kostüme: Valerie Hirschmann
Musik: Christian Grifa
Mit: Andrea Quirbach; Stefan Walz

Premiere: am 21. Dezember, 19.30 Uhr, Kleines Haus, Hinter dem Eisernen

Weitere Vorstellungen: 23. Dezember, 18. Januar



»DIE BERECHTIGTE REVOLTE«

zur Wiederaufname von Albert Camus' »Die Gerechten«

»Die berechtigte Revolte«
Stefan Graf, Pascale Pfeuti und Christoph Türkay
Foto: Bettina Müller

»Camus verlangt uns etwas ab: selbst unserem Todfeind die Humanität zu lassen. Das moralisch Relevante an einer Position der Stärke sah er nicht in der tollen Leistung, diese errungen zu haben, sondern darin, im Namen der Menschlichkeit auf ihre Ausübung verzichten zu können«, schrieb Nils Minkmar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor knapp einem Monat anlässlich des 100. Geburtstags von Albert Camus. Zu diesem Jubiläum kehrt sein Stück »Die Gerechten« in der Inszenierung von Dominique Schnizer am 3. Dezember um 19.30 Uhr wieder auf den Spielplan im Kleinen Haus zurück.

»Im Februar 1905 plante eine Gruppe von Terroristen, Mitglieder der Partei der Sozialrevolutionäre, ein Bombenattentat auf den Großfürsten Sergej, den Onkel des Zaren. Dieser An­schlag und die besonderen Begleitumstände vor und nach der Tat bilden den Gegenstand von »Die Gerechten«. Mit gedanklicher Schärfe analysiert Albert Camus Positionen zur Legitimität politisch motivierter Gewalt. Der Widerspruch zwischen Ideologie und Menschlichkeit wird dabei zur Zerreißprobe für seine Revolutionäre. »Ein Grund mehr, diese großen Schatten herauf zu beschwören, ihre berechtigte Revolte, ihre komplizierte Brüderlichkeit, die maßlosen Anstrengungen, die sie unternahmen, um sich mit dem Mord zu versöhnen«, so Camus im Vorwort zu seinem Stück.

Das Stück fragt nach der Rechtfertigung des politischen Mordes, der zum einzigen Mittel gegen das Töten wird. »Die Gerechten« sind immer wieder aktuell geworden, wenn es um politisch motivierte Gewalt geht: vom deutschen Herbst der RAF über den 11. September 2001 bis zu den Selbstmordattentaten religiöser Fundamentalisten: »In Wahrheit geht das euch und uns alle etwas an.« (Albert Camus 1944). Darüber hinaus ist der 100. Geburtstag von Albert Camus eine gute Gelegenheit, sich mit seinem Werk und seinen Schriften wieder zu beschäftigen.

Mit: Jele Brückner, Pascale Pfeuti, Stefan Graf, Marcus Mislin, Hendrik Richter, Tilman Rose und Christoph Türkay

Wiederaufnahme am Dienstag, 3. Dezember, 19.30 Uhr, Kleines Haus

Weitere Vorstellung: 21. Januar 2014


www.staatstheater-mainz.com