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Weihnachtsfeiern

DAS TOPPST DU NUR ZUR WEIHNACHTSZEIT.

Weihnachten ist bekanntlich das Fest der Liebe und der Freude, von Beschaulichkeit und Ent­span­nung. Es sei denn, man ist für die Ausrichtung einer betrieblichen Weihnachtsfeier verantwortlich. Dann kann der Dezember zu einem schweiß­treibenden Monat werden.

Foto: djd

Wir haben uns in den vergangenen Jahren an dieser Stelle schon öfters mit jenen Zeitgenossen beschäftigt, die irgendwo im christlichen Abendland für die Ausrichtung einer Weihnachtsfeier verantwortlich zeichnen.

Sei es im kalten Skandinavien, wo man sogar vor dem Konsum von Alkohol nicht zurück­schreckt - oder im etwas wärmeren Spanien, wo bei keiner Krippe der kleine Mann fehlen darf, der herzhaft sein »Geschäft« ins Gras verrichtet - ein Zeichen für Fruchtbarkeit.

Für Mitteleuropa haben wir stellvertretend jenen als Witz verpackten Aufschrei aller Weihnachtsfeierorganisatoren erzählt, in dem ein geschundenes Mitglied jener Gruppe die Bedürfnisse von Muslimen und Christen, Vegetariern und Fleischessern, Rauchern und Nichtrauchern, Homos und Heteros etc. nicht vereinbaren konnte und schließlich in der Psychiatrie endete.

Dabei kamen einige andere Aspekte vielleicht etwas zu kurz - zum Beispiel der in fast jedem von uns verankerte Wunsch zum Wettbewerb: »Ich möchte gerne schon alle Geschenke gekauft haben, wenn der Rummel so richtig los geht!«, »... einen mindestens genauso gerade gewachsenen Baum wie der meines Nachbarn«, »... die schönste Weihnachts­garten­beleuchtung in unserer Straße« ...

»Weihnachtsmann fällt vom Dach«

Betrachten wir es einmal nüchtern: Weihnachten bereitet vielen Leuten Stress. Und damit ist nicht das nervenaufreibende Stehen in der Schlange am Glühweinstand, das verzweifelte Warten auf den Paketboten (der alle im Internet bestellten Sachen jeden Morgen - wie man online mitverfolgen kann - in sein Auto lädt und abends im Paketzentrum wieder ausräumt) oder der endlose Stau am Adventssamstag in der Saarstraße gemeint.

Ich denke auch nicht an die Verrenkungen die man bei dem Versuch macht, eine original Wildschwein-Bratwurst beim Ober-Olmer Förster zu essen - und gleichzeitig zwei Weihnachtsbäume so zu halten, dass die Familie eine Diskussionsgrundlage für die Entscheidung hat, welcher der beiden Waldschönheiten später Lametta-behängt in unserem Wohnzimmer langsam vor sich hin nadeln darf.

Zum vorweihnachtlichen Alltag (der spätestens im Oktober beginnt) gehören auch die verzweifelten Versuche, in den »Sozialen« Netzwerken den geschmacklosesten Weihnachtswitz, die kitschigsten Grüße und den absurdesten Videoclip zu posten: »Weihnachtsmann fällt vom Dach« mag zwar bestimmte Gemüter durchaus erheitern, aber dessen dauerhafter Konsum - quasi eine virtuelle Endlosschleife - ist ebenso gesundheitsschädlich wie eine Intensivbeschallung mit »Jingle Bells«, »White Christmas« und/oder »Stille Nacht«.

Der Schönste

Es gibt Mitmenschen, die darüber hinaus nichts unversucht lassen, um ganz persönlich einen weihnachtsspezifischen Rekord aufzustellen oder zumindest dafür mitverantwortlich zu sein - sei es auf lokaler, nationaler oder globaler Ebene (= Weltrekord!).

Dies beginnt schon mit der Frage nach dem »schönsten Weihnachtsbaum« und den dieser Aussage zu Grunde liegenden Parametern - sprich: Wann ist ein Weihnachtsbaum eigentlich »schön«? Eine Frage, die jedes Jahr von zahlreichen Zeitungsredaktionen gestellt wird, verbunden mit der Aufforderung, ein Bild vom eigenen (= schönsten) Kandidaten einzusenden.

Eine einfache »Google-Suche« nach diesem Stichwort bringt ein ebenso überwältigendes wie erschlagendes Ergebnis: Groß muss er sein, bunt und leuchtend. Wenn er dann schon bis zur Grenze des Erträglichen behängt ist, kann er noch durch festtäglich angezogene Kinder mit strahlenden Augen aufgepeppt werden. (Mich persönlich hat nur der Zeitgenosse begeistert, der sein Fahrrad ins Wohnzimmer gestellt und entsprechend dekoriert hat.)

Merke: Heute wird der Baum noch vor der Bescherung von zahlreichen Handys fotografiert und sofort ins »Soziale« Netz gestellt. So kann die ganze Welt (oder zumindest alle »Freunde«) das Prachtstück sehen und ihm ein »gefällt mir« zu klicken.

Der Modernste

Alternativ gibt es natürlich die Möglichkeit, statt eines Baumes einen Großbildschirm zu installieren, auf dem verschiedene Bäume und weihnachtliche Motive ständig neue visuelle Aspekte in das weihnachtliche Zuhause projizieren. Für einige von uns sicherlich noch schlecht vorstellbar - die Vorteile (keine Nadeln, keine tropfende Kerzen, kein Kampf mit dem Christbaumständer, keine Brandgefahr) sind aber nicht von der Hand zu weisen.

Eindeutiger wird es, wenn es um die Frage nach dem schönsten, größten oder dicksten geht. Dabei sind nicht nur Weihnachtsbäume gemeint, sondern jegliche Ausprägung von kunsthandwerklichen und genusskulturellen Objekten mit jahresendzeitlicher Beziehung.

Der Größte

Es ist nicht verwunderlich, dass sich die USA hier in allen Kategorien als Sieger sehen - zumindest in der Abteilung »natürliche Weihnachtsbäume«: Um diesen Titel kämpfen seit Jahren

  • der von Präsident Calvin Coolidge im Jahr 1926 zum Nation's Christmas Tree be­stimmte General Grant Tree im Sequoia National Park (82 Meter)

  • der im australischen Styx Forest stehende Eucalyptus regnans, der 1999 im Rahmen einer Aktion für den Schutz bedrohter Urwälder festlich geschmückt und kurzerhand als »größter Weihnachtsbaum aller Zeiten« bezeichnet wurde (80 Meter) und

  • eine 1950 in Seattle aufgestellte Douglasie, die zwar nur 67,4 Meter hoch - dafür aber die einzige Konifere im Club der Großen ist.

Mit Sicherheit ist letztgenannte der größte »Weihnachtsbaum« der an seinem Wachstumsort »geschlagen« und zum baldigen Verbrauch bestimmt an einen anderen Ort verbracht wurde. Geradezu zwergenhaft wirken dagegen europäischen Kandidaten wie die in Rom 2008 aufgestellte niederösterreichische Fichte (33 Meter), die im Freilichtmuseum Kommern jährlich präsentierten deutschen Kandidaten (36 bis 38 Meter) oder die Wermelskirchener Mammutkiefer die alljährlich zu einem der größten lebenden Weihnachtsbäume Europas umdekoriert wird.

Ob Douglasie, Eucalyptus oder Sequoia - sie stehen alle in direkter Auseinandersetzung mit ihren oft recht eigenwillig aussehenden »Kollegen« aus Kunststoff und Metall. Dortmund nimmt für sich in Anspruch, den »größten« und »kleinsten« Tannenbaum zu besitzen. Dabei besteht der Maximus aus einem 45 Meter hohen Stahlgestell auf dem diverse kleinere Bäume montiert wurden, während es die Mini-Ausgabe auf gerade einmal 14 Millimeter bringt.

Wahrhafte Größe zeigt dagegen die größte schwimmende Ausgabe, ein brasilianisches Produkt, 85 Meter hoch, 542 Tonnen schwer und mit rund 3.300.000 Glühlampen bestückt. Wer die entsprechende weihnachtliche Stromrechnung bezahlt konnte nicht herausgefunden werden. Für den ehrenvollen Titel »größter unnatürlicher Tannenbaum« reicht dieser Auftritt trotzdem nicht. Er geht an die umbrische Stadt Gubbio für ein immerhin 800 Meter hohes und 400 Meter breites Objekt.

Hauptsache einmalig

Selbstverständlich kann man auch in anderen Kategorien wetteifern: Das größte Lebkuchenhaus der Welt baute ein Mr. Pelcher in Minnesota: Knapp 14 Meter lang, 11 Meter breit und 18 Meter hoch. Da passt ein durchschnittliches Einfamilienhaus bequem rein. Über die Statik liegen keine detaillierten Informationen vor.

Die größte Weihnachtspyramide befindet sich in Dresden, die größte Naturwurzelkrippe in Waldbreitbach und um den größten Weihnachtsmännerlauf streiten sich mehrere Städte, darunter Dillingen (»Santa-Lauf«) und Liverpool.

Im Saarland soll es eine Edeltanne 5½ Jahre in einem Wohnzimmer ausgehalten haben, in Kitzingen steht die »größte Adventskerze Bayerns« (die sich als verkleideter Marktturm demaskiert), Weimar nimmt für sich in Anspruch als erste deutsche Stadt einen Weihnachtsbaum öffentlich aufgestellt zu haben (1815), der größte Nussknacker steht in Hessisch Lichtenau (750 cm) und der längste Weihnachtskalender der Welt ist in Tönninger Hafen.

Das alles wird locker nur noch von einer Stadt an Rhein und Main in den Schatten gestellt, die auf ihrer Weihnachtspyramide einen Bundesligaspieler, einen Marathonläufer, ein Mainzel­männchen, den Schoppestecher, einen Ranzengardisten und den Bajazz aufmarschieren bzw. sich im Kreis drehen lässt.

My Home is my Lightshow

Deutsche Gärten sind in der Weihnachtszeit noch eine wahre Wüste. Vielen Amerikanern treten Tränen in die Augen, wenn Sie überlegen, was da alles an blinkenden Rentieren, strahlenden Weihnachtsmännern und funkensprühenden Engeln noch montiert werden könnte.

Geduld liebe transatlantischen Freunde: Die NSA hat Euch sicherlich schon berichtet, dass uns die Halloween-Seuche inzwischen in voller Breite erwischt hat. Da werden die vereinzelt an Schornsteinen herumbaumelnden Kunststoff-Nikoläuse sicher nicht das Ende unserer weihnachtlichen Vorgarten-Dekowut sein.

Was mein Nachbar kann, kann ich genauso gut - auch wenn ich den Rasen komplett aufgraben und ein paar neue Leitungen verlegen muss. Ich habe schließlich im Internet ein paar Figuren gefunden die viel größer und heller sind. Na, die werden im Dezember vielleicht Augen machen!!!

| MDL