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AUSGESCHENKT: RHEINHESSENWEIN IN TOKIO

Vergorener Rebensaft aus Rheinhessen und dem Rheingau, Bratwürste und Haxe mit Sauerkraut. Hierzulande wahrlich nichts Besonderes. In der japanischen Hauptstadt Tokio dagegen schon. Dennoch wird dort seit 1975 Rheinhessenwein ausgeschenkt - in Lokalen, die »Rheingau« heißen.

Sasaki
Kimiyuki Sasaki sorgt dafür, dass im Tokioter »Rheingau« der rhein­hessische Wein nicht ausgeht

Die Idee, in der japanischen Hauptstadt eine Gaststätte mit deutschem Wein im Ausschank und entsprechenden Gerichten auf den Tellern einzurichten, entstand in Mainzer Weinkneipen. Anfang der 60er Jahre studierte Kimiyuki Sasaki in Mainz und lernte Mainzer Gemütlichkeit in entsprechenden Lokalitäten kennen. Ein Glas Wein oder auch eines mehr, gehörten dazu.

Der heute 74-Jährige erkannte damals auch, Wein löst die Zunge - die Hemmungen, deutsch zu sprechen, schwinden. Dieses, man könnte sagen »Sprachförderungselement« des Weins bildete den Ausgangspunkt für eine Wein-Gaststätte in Tokio, direkt unter einer Sprachschule gelegen. 1975 eröffnete Kimiyuki Sasaki mit seinem Bruder das erste »Rheingau« in Tokio.

Geschäftsidee, die ankommt

Wie viele Sprachschüler Dank des vergorenen Rebensaftes so gut deutsch gelernt haben wie Herr Sasaki wissen wir nicht. Die Geschäftsidee hat sich auf jeden Fall bewährt, die Tokioter können Rheinhessenwein mit deftiger Kost schon lange in zwei Lokalitäten genießen.

Dass die Idee für Weingaststätten in Tokio in Mainz ausgebrütet wurde, die Lokalitäten dennoch ausgerechnet »Rheingau« heißen, irritiert den Liebhaber rheinhessischer Weine - lässt sich aber historisch leicht erklären: Als Herrn Sasaki in Mainzer Weinstuben das Weintrinken nahe gebracht wurde, gab es hier fast ausschließlich Rheingauer Weine zu trinken. (Der Rheinhessenwein galt unter Weinkennern damals als »wenig bekömmlich«).

Weinseligkeit und Tradition

Yorio Yamaguchi
Koch und Geschäftsführer Yorio Yama­guchi sorgt für deftige deutsche Gerichte

Damit die deftigen Gerichte nicht nur so aussehen wie in Mainzer Weinkneipen sondern auch so schmecken, erlernte der japanische Koch Yorio Yamaguchi deren Zubereitung hierzulande. Im Auftrag der Brüder Sasaki, die im Betrieb der Weingaststätten eine Art Hobby sahen, übernahm er zudem die Geschäftsführung - bis heute.

Kimiyuki Sasaki, der mit seiner Frau, einer Mainzerin, in Laubenheim lebt, arbeitete hier als Reiseagent, verkaufte Reisen durch Deutschland an seine japanischen Landsleute. Bruder Kazuyoshi Sasaki lernte Deutschland und die hiesige Weinkultur von 1976-78 als Gastarzt kennen, lebt und arbeitet aber immer in Japan.

Den Wein für die Gaststätten in Tokio kauft Kimiyuki Sasaki noch immer direkt bei hiesigen Winzern. 7.000-8.000 Flaschen verschifft er pro Jahr nach Japan. Riesling aus dem Rheingau und von der Mosel, Silvaner aus Rheinhessen und aus Franken, Lemberger aus Württemberg. Die Tokioter müssten pro 0,2 l-Glas etwa 5,50 Euro zahlen, erzählt er.

Lange schon hätten sich Nachahmer gefunden, weitere Lokale eröffnet, die deutschen Wein ausschenken, in der Regel allerdings teurer, da sie über Zwischenhändler importieren würden. Im Vergleich zu südafrikanischen und kalifornischen Weinen sei der deutsche Rebensaft sowieso teurer.

Die weinselige Geselligkeit, die sich in Mainz und Rheinhessen oft und schnell einstellt, ließe sich nicht so leicht nach Tokio exportieren, stellt Kimiyuki Sasaki fest: »Mit nur einem Glas Wein lassen sich gewachsene Traditionen nicht verändern.« Allerdings beobachtet er einen Trend in Tokio, der hiesigen Gastwirten sicher gefallen würde: Immer mehr junge Frauen kämen ohne männliche Begleitung, oft gar ganz alleine zum Weintrinken.

Übrigens wird auch in Japan Wein angebaut: Silvaner auf der nördlichsten Hauptinsel Hokkaido - die Winzer seien Absolventen der Hochschule in Geisenheim.

www.rheingau.co.jp

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