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»Trauer ist auch ein Aufbruch in etwas Neues«

Trauer - ein Thema, ein Gefühl, das noch nicht in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist. Mit Trauernden umzugehen, ist für viele Menschen schwierig. Nicht für Petra Theumer. Die ausgebildete Trauerbegleiterin unterstützt Menschen in Verlustsituationen.

Petra Theumer

Petra Theumer arbeitet seit 13 Jahren für TrauerWege. Ehrenamtlich. »Die Angebote des Vereins sind auf die Zeit nach dem Tod ausgerichtet«, grenzt sie die Arbeit zur Sterbebegleitung ab. TrauerWege e.V. ist in Mainz die älteste Institution dieser Art, sie besteht seit 1991.

Die 53-Jährige ist verantwortlich für die Geschäftsführung, leitet die Gruppen und übernimmt die Einzelberatung, betreut die anderen Ehrenamtlichen im Trauercafé. Hauptberuflich arbeitet sie Vollzeit im Dreischichtdienst auf einer Intensivstation in der Mainzer Unimedizin. Zusätzlich macht sie eine Weiterbildung zur systemischen Therapeutin beim IF Weinheim.

Bedarf nimmt zu

TrauerWege lernte sie durch eine berufliche Supervision kennen. Nach dem Tod von Angehörigen nahm sie die Angebote auch privat in Anspruch. 1997 machte sie eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin bei Petra Hugo, der Gründerin des Vereins.

Noch funktioniere die Vereinsarbeit als Ein-Frau-Betrieb mit Sekretärin - aber der Bedarf nehme zu, beobachtet Theumer. Vielleicht auch, weil Trauernde, die begleitet wurden, schneller ins Leben zurückfinden, wie eine Studie des Projekts TrauErLeben kürzlich herausfand. »Nicht alle trauernden Menschen brauchen Hilfe«, weiß Theumer. »Wer gut sozial gehalten ist, sich mit Familie und Freunden austauschen kann, kommt besser durch den Trauerprozess.« Der i.d.R. drei bis vier Jahre andauere.

Frustrierend sei die Trauerbegleitung überhaupt nicht, stellt Petra Theumer resolut klar. Im Gegenteil, sie begleite Menschen in einer Aufbruchsituation: »Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt, auch wenn der Anfang sehr schmerzhaft ist und die Erinnerungen zehren.« Ziel dieses Prozesses ist eine neue Einzelidentität - eine Art Coaching in ein neues Leben hinein.

Um selbst gut mit dieser Arbeit zurecht zu kommen, brauche sie eine große Egoethik: »Ich mache viel, was mir gut tut - Musik zum Beispiel.« Sie spielt Blockflöte und singt im Chor. Außerdem gehe sie gerne spazieren, erfreue sich an vielen kleinen Dingen und ist in ihrer Familie wie in ihrer christlichen Spiritualität fest verankert: »Durch die Nähe zu den endlichen Dingen, kann ich schöne Dinge sehr intensiv erleben.«

Es habe sich, was die Themen Sterben und Tod angehe, in der Gesellschaft einiges verändert, stellt Theumer fest, aber das Thema Trauer sei noch nicht allgegenwärtig. »Es stört, wenn jemand traurig ist, es gibt große Unsicherheiten im Umgang mit Trauernden.«

Viele Klienten gehörten einer Generation an, die Gefühle nicht zeigen könne, die kaum »Handwerkszeug« habe, um zu trauern. Vielleicht, analysiert die Trauerbegleiterin, rühre dies noch aus den Kriegs- und Nachkriegszeiten: »Damals war keine Zeit, um den Verlust geliebter Menschen zu betrauern - das Leben musste ja weiter gehen und war anstrengend genug.«

Ganz normales Verhalten

trauerwege-flyer

Gleichzeitig trauten sich viele Menschen nicht, sich »ganz normal« zu verhalten, Unterstützung bei Alltäglichem anzubieten. Schonhaltung und Betulichkeit aber seien keine wirksamen Helfer: »Ich trainiere mit den Trauernden, Nein zu sagen oder eindeutig um etwas zu bitten, Bedürfnisse und Wünsche klar zu artikulieren.« Trauernde müssten auch lernen, starke Ambivalenzen auszuhalten: »Trauern schließt fröhlich sein nicht aus und man sollte Trauer nicht kultivieren, in ihr versinken.«

Als Begleiterin in Verlustsituationen müsse man offen sein und neugierig, nicht nur fragen sondern auch schweigen können: »Ich möchte zu den Trauernden in Resonanz gehen, erspüren auch was hinter ihren Worten, ihrem Verhalten steckt.«

| SoS

www.trauerwege-mainz.de

Am 23.11. findet um 17 Uhr eine Lesung zum Thema Suizid mit Petra Endres (»Wir wollen leben - Suizid in der Familie bewältigen«) in den Räumen der Ev. Paulusgemeinde, Moltkestr. 1, statt.