Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

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Strutz-Jubiläum

»Was machst Du eigentlich hier?«

Harald Strutz hat die »Nullfünfer« in einem Vierteljahrhundert aus einer ihrer größten Krisen geführt und im Oberhaus des deutschen Fußballs etabliert. DER MAINZER sprach mit dem Jubilar über die aufregenden Jahre und die Entwicklung des Vereins in dieser Zeit.

Harald Strutz
Harald Strutz - damals, vor 25 Jahren, als er die Führung des 1. FSV Mainz 05 über­nahm und heute, anlässlich seines Präsi­den­ten-Jubiläums.

Er hat aus einem finanziell angeschlagenen Zweitligaverein einen wirtschaftlich gesunden Erstligaclub gemacht, dem 1. FSV Mainz 05 in allen gesellschaftlichen Gruppen der Domstadt ein hohes Standing verschafft, eine Marke kreiert mit der sich die Mainzerinnen und Mainzer national wie international positiv identifizieren können, seine Nullfünfer aus dem geliebten aber völlig veralteten Bruchwegstadion in eine der schönsten Arenen des deutschen Fußballs geführt, ist selbst Vizepräsident des Ligaverbandes und im DFB-Präsidium sowie Mitglied des DFB-Vorstandes geworden, sitzt für die FDP im Stadtrat seiner Heimatstadt und brilliert als Leadsänger in der eigenen Band »The Stags«.

Wenn man Harald Strutz, den mit Abstand dienstältesten Präsidenten eines Proficlubs, auf seine Erfolge anspricht, relativiert er gerne die eigenen Verdienste und verweist auf seine Mitstreiter, die gemeinsam mit ihm etwas geschaffen haben, das im deutschen Sport seinesgleichen sucht.

Hätte er bei seinem Dienstantritt vor 25 Jahren entsprechende Visionen geäußert, wäre er wohl vom damaligen Umfeld - wie er dem MAINZER in einem Gespräch gesteht - als »völlig verrückt« eingestuft worden.

»Okay ich mach's!«

Als Harald Strutz am Abend des 19. September 1988 zur Mitgliederversammlung seines Vereins ging, hatte er jedenfalls keine Ahnung gehabt, dass dieser Tag den Verlauf seines weiteren Lebens und die Geschichte des 1. FSV Mainz 05 entscheidend beeinflussen sollte.

Bereits vor diesem Datum war einigen Männern in und um den Verein klar gewesen, dass der Verein vor einem Abgrund stand, der mit dem damaligen Präsidenten nicht mehr zu bewältigen war. Auf der Versammlung kippte plötzlich die Stimmung.

Noch-Präsident Hertlein verlor den ersten Wahlgang 90:99, ein Gegenkandidat wurde gesucht. Plötzlich ertönte der Ruf »Harald Strutz soll antreten« - und der junge Rechtsanwalt trat »aus einem Bauchgefühl heraus« an und gewann mit 107:84 Stimmen.

Vorher hatte man ihm signalisiert, dass SAT.1 unter seiner Präsidentschaft mit einer großen Summe als Sponsor einsteigen würde - ein Betrag den der Verein für sein wirtschaftliches Überleben unbedingt benötigte.

Vergangenheitsbewältigung

Strutz' Amtszeit begann mit einer deftigen 1:6 Niederlage gegen Meppen und einer Serie von Marathonsitzungen, in der die verworrene Finanzsituation des Vereins aufgearbeitet und Lösungsmöglichkeiten gesucht wurden.

Dem nicht mehr zu entgehenden Abstieg in die Drittklassigkeit folgte glücklicherweise der sofortige Wiederaufstieg unter dem neuen Trainer Robert Jung.

Am Anfang dieser Phase stellte sich der Präsident die später oft zitierte Frage »Was machst Du hier eigentlich?« - die ihm die Sporthistoriker ein Vierteljahrhundert später leicht beantworten können: »Alles richtig!«

Der »Glücksfall«

Sucht man nach dem Schlüssel für die sich jetzt langsam anbahnende Erfolgsgeschichte, verweist Harald Strutz gerne auf eine Bemerkung, die aus dem Munde von Jürgen Klopp stammt: In Mainz trafen zum richtigen Zeitpunkt drei Männer zusammen, die sich perfekt ergänzten und in der Kombination ein ausgesprochener Glücksfall für den Verein waren: Harald Strutz, Manager Christian Heidel und eben der Spieler und spätere Trainer Jürgen Klopp.

Und der Präsident ergänzt, dass es der gesamte Vorstand war und ist, der in einer einzigartigen Geschlossenheit diesen Weg ermöglicht hat. Und natürlich die neu entstandene Fankultur: Wo sonst, fragt Strutz, kamen in Deutschland Zigtausende zusammen, um die Mannschaft mit einer »Fastaufstiegs-Feier« zu trösten? Wer die legendären Zusammenkünfte auf dem Theaterplatz miterlebt hat, kann das nur unterschreiben.

Eine (fast) unbekannte Sportlerkarriere

Was viele Mainzer nicht wissen: Harald Strutz war in seiner Jugend selbst ein großer Sportler gewesen: Zehnkämpfer, Stabhochspringer (Bestleistung: 4,25 Meter) und vor allem Dreispringer. In dieser Disziplin war er Deutscher Juniorenmeister, zweimal Deutscher Vizemeister und zeitweise Inhaber des Juniorenweltrekords (16,21 Meter). Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in München 1972 musste er wegen einer Fußverletzung kurzfristig absagen.

Zukunftsvisionen

Wie geht es mit Mainz 05 weiter? Auch hier lässt die Antwort von Harald Strutz nicht lange auf sich warten: Es gilt nun, das Erreichte zu erhalten und auf hohem Niveau - wirtschaftlich wie sportlich - weiterzuarbeiten.

Die Grundsteine sind gelegt: Durch ein gesundes Wirtschaftskonzept, das waghalsige Transaktionen vermeidet und einen Trainer Thomas Tuchel, den der Präsident hoch einschätzt und den er für einen weiteren Glücksfall hält - einen Coach, der das System Mainz 05 versteht und in ihm arbeitet.

Es kann nicht darum gehen, zu Giganten wie Bayern München und Borussia Dortmund aufschließen zu wollen, sondern darum, auf Dauer einen Platz im gesicherten Mittelfeld zu halten - Blicke nach oben nicht ausgeschlossen.

»I Love Rock n Roll«

Stags Cover Harald Strutz - das ist auch der Leadsänger der Rock-Gruppe »The Stags«. Gerade ist ihre erste CD »Number ONE« erschienen. Mit dem Kaufpreis gehen 2,00 EUR an die Aktion »Mainz05 hilft e.V.« - und damit schließt sich der Kreis: Unter dem Präsidenten ist eine Charity-Initiative entstanden, die das soziale Engagement von Mainz 05 bündeln und konzentrieren und über Spenden vor allem in Not geratenen Familien und Kindern oder karitativen Einrichtungen aus Mainz und der Region unbürokratisch Hilfe leisten will.

Es ist müßig darüber zu spekulieren, wo der 1. FSV Mainz 05 ohne die Strutz'sche Bauch­ent­scheidung vom September 1988 stehen würde. Verein, Stadt und Fans wissen, was er geleistet hat - und entsprechend unisono sind die zahllosen Glückwünsche für ein Vierteljahrhundert beispiellose Arbeit und Engagement denen sich die Redaktion des MAINZERs gerne anschließt: Danke, Harald Strutz!

| MDL

Musik-CD-Bestellungen:
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und inkl. 2 Euro zugunsten »Mainz05 hilft e.V.«