Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

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Kardinal Lehmann Jubiläum

»Wir leisten einen großen Beitrag zum Zusammenleben der Menschen«

Im Oktober begeht Kardinal Lehmann ein Doppeljubiläum: Vor 30 Jahren wurde er zum Mainzer Bischof gewählt, vor 50 Jahren empfing er in Rom die Priesterweihe. Welchen Herausforderungen sich die katholische Kirche in Mainz stellen muss, fragte DER MAINZER den Jubilaren.

Kardinal Lehmann Herr Bischof Lehmann, was hat sich seit Ihrer Bischofsweihe aus Ihrer Sicht positiv in der katholischen Kirche in Mainz verändert?

Bischof Lehmann: Die katholische Kirche hat ihr Angebot in den eigenen Schulen, in den sozialen Einrichtungen, im Bildungsbereich und in vieler Hinsicht verstärkt. Man denke an die Ganztagsschuleinrichtungen, an die Einrichtung neuer Küchen, an den Ausbau des vielfältigen Beratungswesens von der Erziehungsberatung bis zur Schuldnerberatung, an die Betreuung des Frauenhauses und im Bildungsbereich an die sehr vielen Veranstaltungen im Erbacher Hof, der Bistumsakademie. Ich möchte auch die erst jetzt erfolgte Übernahme des Theresianum durch das Bistum Mainz hier erwähnen. Dies gilt aber ebenso z.B. für die Sanierung des Mainzer Domes, ein Wahrzeichen für unsere Stadt, aber auch für die Renovierung und den Ausbau von St. Stephan (Kreuzgang, Orgel). Gewiss ist auch das ökumenische Gespräch noch wichtiger geworden.

Und was werten Sie als negative Entwicklungen, als Probleme und Herausforderungen für die katholische Kirche hier?

Bischof Lehmann: Wir haben in unserer Gesellschaft einen sehr großen geistigen und religiösen Pluralismus, der zum Teil zu Lasten der christlichen Kirchen geht. Aber dies ist eine allgemeine Herausforderung in unserem Land und in den westlichen Gesellschaften. Wenn die Religion in unsere Gesellschaft zurückkehrt, ist dies manchmal auch ein zweideutiger Vorgang, wenn dies z.B. in Verbindung mit einer starken Politisierung geschieht. Religion muss heute Freiheit fördern, ohne der Bindungslosigkeit und der Willkür zu verfallen.

Wie, mit welchen Mitteln kann Religion diese Aufgabe erfüllen?

Bischof Lehmann: Wir kämpfen für Religionsfreiheit, für die Pluralität von Schulen, Beratungen und kulturelle Angebote, wehren uns aber gegen den Zerfall von Werten, die uns auch als Gesellschaft zusammenhalten. Wahre Freiheit gelingt nicht ohne eine selbst gewählte Verbindlichkeit.

Wenn man den Stellenwert der katholischen Kirche im gesellschaftlichen Gefüge Deutschlands betrachtet: Wo steht die Kirche heute? Welchen Einfluss hat sie auf das Miteinander der Menschen hier in dieser Stadt?

Bischof Lehmann: Wir sind - wohl anders als früher - eine Stimme im Konzert der gesellschaftlichen Meinungen. Dabei wird nicht immer deutlich, welchen großen menschlichen und auch gesellschaftlichen Beitrag wir zum Zusammenleben der Menschen in vielen Bereichen unseres Lebens leisten. Freilich, durch die Vielzahl der Einwirkungen ist so etwas wie Einfluss schwer zu messen. Unser Einwirken ist fragmentarisch, manchmal kurzlebig und zufällig. Aber es geht uns auch nicht einfach um Einfluss, sondern um die Verbesserung eines menschenwürdigen Zusammenlebens in einer mittleren Großstadt und in der Rhein-Main-Region. Wir müssen noch mehr sinnvolle Koalitionen für unsere Ziele suchen.

An welche Koalitionen denken Sie dabei?

Bischof Lehmann: Wir suchen diese zunächst einmal mit anderen christlichen Religionen, im Gespräch mit den nichtchristlichen Religionen, mit der säkularen Kultur, den verschiedenen Wissenschaften, den gesellschaftlichen Kräften aller Art (Gewerkschaften, Arbeitgeber, Handwerk, Wirtschaft usw.) und allen demokratischen Parteien.

Wie wird sich die katholische Kirche aus Ihrer Sicht weiterentwickeln? Welchen Stellenwert im Leben der Mainzer/­innen wird sie in den kommenden Jahren haben?

Bischof Lehmann: Im Grundsatz wird sich hier vielleicht nicht sehr viel ändern. Aber zahlenmäßig werden wir nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung weniger Mitglieder haben. Aber man darf auch nicht vergessen, dass Minderheiten eine starke unabhängige Kraft ausbilden können. Sie sind unabhängiger, wendiger und können rascher auf die Zeichen der Zeit reagieren. Dies ist auch eine Chance.

Dass die Mainzer/innen, auch solche ohne kirchliche Bindungen, Sie in ihr Herz geschlossen haben, ist bei Ihren öffentlichen Auftritten (z.B. im Fußballstadion) immer wieder zu erleben. Was schätzen Sie ganz besonders an den Mainzer/innen?

Bischof Lehmann: An den Mainzer/innen schätze ich die Offenheit, auch gegenüber Auswärtigen und Fremden, damit zusammenhängend Toleranz und eine gute Verträglichkeit untereinander, auch wenn man verschiedener Meinung ist. Es kommt mir auf ein offenes Verhältnis nicht nur zum Sport, sondern auch zur Wirtschaft, zur Kultur und zur Wissenschaft an, aus der ich selbst komme. Diese Dialogbereitschaft ist für die Kirche heute elementar wichtig.

| SoS