Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

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Bahnchaos

Es fährt (k)ein Zug

Am Mainzer Hauptbahnhof ist wieder Ruhe eingekehrt. Heißt, die meisten Züge fahren, wie es im Fahrplan steht. In den Gemütern der Menschen, die von dem Chaos betroffen waren, wird so schnell keine Ruhe einkehren. Die folgende Geschichte ist eine von vielen.

Mainzer Hauptbahnhof

Man kann dieses Erlebnis erzählen als ein Beispiel für die Profitgier von Unternehmen. Deren Verantwortliche in Kauf nehmen, dass Tausende Menschen leiden müssen. Hauptsache die Unternehmenszahlen »stimmen«.

Isolde Berg* wollte am 1. August zu Bekannten nach Hamburg. Der durchgehende Zug sollte um 17.20 Uhr am Mainzer Hauptbahnhof abfahren und um 23.20 Uhr in Hamburg ankommen.

Isolde Berg kam tatsächlich in Hamburg an. Einen Tag später, um 12.12 Uhr.

Der 1. August 2013 war ein heißer Sommertag und der erste, der unter »Mainzer Hauptbahnhof-Chaos« firmiert.

Isolde Berg war pünktlich am Hauptbahnhof und wunderte sich: »Sehr viele Menschen standen herum, es wirkte irgendwie chaotisch und Aggressionen waren deutlich zu spüren.« Die Gründe für diese Situation erahnte sie nach der zufällig aufgeschnappten Bemerkung: »Hier geht seit vier Stunden gar nichts mehr!«

Etliche Züge waren ausgefallen. Bergs Zug nach Hamburg wurde zuerst mit 30 Minuten, dann mit einer Stunde Verspätung angekündigt. Plötzlich war der Zug von der Anzeigentafel verschwunden.

Die Mitfünfzigerin reihte sich ein in die lange Schlange vor der DB-Information. Weder die junge Frau hinter dem Schalter (die sich wirklich bemühte), noch ein Kollege, der sich mit lauter Stimme unter den Reisenden Gehör zu verschaffen suchte, wussten, wann welcher Zug fahren würde.

Bahnchaos

Auf gut Glück begab sich Frau Berg zum übervollen Gleis, erfuhr von einem älteren Ehepaar, das eine noch ältere Dame abholen wollten, dass niemand wisse, ob der angekündigte Zug kommen und auf welchem Gleis er halten würde.

Beunruhigend! Die alte Dame im Zug hatte kein Mobiltelefon!

Die genuschelten, viel zu leisen Lautsprecherdurchsagen waren nicht zu verstehen, den hilflosen Touristen konnte niemand helfen.

Frau Berg schleppte ihren schweren Koffer wieder hoch zum Infopoint. Hier mussten mittlerweile drei Sicherheitsleute dafür sorgen, dass Tätlichkeiten unterblieben. Im DB-ReiseZentrum warteten min­destens 50 Menschen - alle Verkaufsstände in der Halle waren überfüllt. Gegen 19 Uhr war klar, der Zug nach Hamburg fällt aus. Nun begann der Fragemarathon, kombiniert mit Schlange stehen - vor der DB-Information und im ReiseZentrum: »Kann ich mit meiner Fahrkarte einen anderen

Zug nehmen, soll ich einen Zug in eine andere Stadt nehmen, um von dort weiterzukommen, wann fährt überhaupt ein Zug?« Die eine Frage wurde hier beantwortet, die andere dort.

Sie solle einen Zug nach Koblenz nehmen, riet man ihr schließlich. Dort war das ReiseZentrum von allen Gestrandeten überfüllt. Wieder Schlange stehen, wieder Hinundherlaufen zwischen Infopoint und ReiseZentrum. Irgendwer empfahl einen Zug nach Dortmund, der über Köln fahren sollte - von dort ginge es bestimmt weiter nach Hamburg. Isolde Berg überlegte nicht mehr. Sie stieg ein. Fix und alle. Es war kurz nach 20 Uhr.

Gegen 21.30 Uhr dann erneutes Schlangestehen in Köln. Man empfahl ihr einen Nachtexpress, der um 4 Uhr früh in Hamburg ankommen sollte. Eine Sitzplatzgarantie gab es nicht. Sie könne sich ja an den Zug stellen, vielleicht bliebe ein reservierte Platz übrig, lautete die Empfehlung.

Das war zuviel! Der nachdrücklichen Forderung von Frau Berg, man möge ihr jetzt sofort ein Zimmer in einem Hotel besorgen, gaben die Bahnbediensteten schließlich nach und »spendierten« noch zwei Gutscheine für je zwei Euro - als Verzehrbon am Bahnhof.

Im Hotel traf Isolde Berg andere Gestrandete - die empfahlen, sich ein Beschwerdeformular zu besorgen. Gut zu wissen! Nur damit sind Regressansprüche möglich!

Die Weiterfahrt am nächsten Morgen verlief tatsächlich ohne Probleme.

Trotzdem traute sich Frau Berg nicht, ihre 85-jährige Mutter zwei Wochen später alleine mit dem Zug nach St. Peter Ording fahren zu lassen. Sie kaufte sich eine Fahrkarte und begleitete die alte Dame. Die Fahrt verlief problemlos. Auch die Rückfahrt.

Manchmal hat man halt Glück beim Bahn fahren! Im Verhältnis zu den Fahrpreisen allerdings viel zu selten.

|SoS

* Name von der Redaktion geändert