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Fluglärm

Mainzer Kardiologe geht in die Offensive

Die Studienergebnisse, die Prof. Dr. Thomas Münzel Anfang Juli vorstellte, könnten sich zu einer Art »Urknall in der Lärmproblematik« entwickeln. Erstmals wurde belegt, wie Fluglärm Gefäßfunktionen negativ beeinflusst. Derweil will Fraport kommendes Jahr mit dem Bau des 3. Terminals beginnen.

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Wo Leukozyten, Makrophagen, NADPHoxidase und XO am Werk sind, treten vermehrt freie Radikale (O₂•+) auf: kranke Gefäße durch oxidativen Stress können eine Folge sein.

Dass Fluglärm Bluthochdruck, Herzinfarkte und sogar Schlaganfälle auslösen kann, so der Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz, sei hinreichend bekannt. Nun aber, verweist er auf die Ergebnisse einer »Fluglärmstudie«, die unter seiner Leitung durchgeführt wurde, könne ganz konkret aufgezeigt werden, wie und bei welchen Schallpegeln Gefäßschäden entstünden.

Die Studienteilnehmer, gesunde Männer und Frauen, durchschnittlich 26 Jahren alt, wurden zu Hause während des Schlafs drei unterschiedlichen Lärmszenarien ausgesetzt. Simuliert wurden, mal 30, mal 60 Nachtflüge mit einem durchschnittlichen Lärmwert von 60 Dezibel und zur Kontrolle lärmfreies Nacht-Szenario.

Durch den Lärm verursacht werden mehr freie Radikale gebildet, welche die Gefäßfunktionen negativ beeinflussen können. Die Tatsache, dass die nachfolgende Einnahme von Vitamin C die Werte verbesserte, führt zur Annahme, dass die Verschlechterung der Gefäßfunktion durch oxidativen Stress ein wichtiger Mechanismus für die Entstehung von lärmbedingtem Bluthochdruck und möglicherweise dessen Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall ist, erklärt Münzel.

Darüber hinaus sei ein sogenannter »priming«-Effekt festgestellt worden, ergänzt der Kardiologe: »Eine Beschallung mit 30 Überflügen induzierte bei einer nachfolgenden Nacht mit 60 Überflügen eine deutlich schlechtere Gefäßfunktion. Das bedeutet, dass man sich im Rahmen von mehreren Beschallungen nicht an den Fluglärm gewöhnt, sondern das Ausmaß der Gefäßschäden eher zunimmt«, ergänzt Pro. Münzel. Dies müsse allerdings in weiteren Studien intensiv geprüft werden.

Gewinnoptimierung auf Kosten der Gesundheit

Flugzeug über Klinik
Kein Ausnahmezustand: Flugzeug direkt über der Universitätsmedizin der Mainzer Uniklinik. Foto Peter Pulkowski

Wenige Tage, nachdem die »Fluglärmstudie« vorgestellt worden war, ließ Fraport Chef Stefan Schulte in einem Interview mit der Mainzer Allgemeinen Zeitung verlauten, der Zeitplan für den Bau des 3. Terminals am Frankfurter Flughafen werde eingehalten, der erste Abschnitt 2020 in Betrieb gehen. Außerdem erläuterte Schulte die Kapazitätserweiterung auf dem Flughafen St. Petersburg, an dessen Betrieb Fraport ebenfalls beteiligt ist.

Daraufhin konterte Prof. Thomas Münzel, der auch Vorsitzender der Gesundheitsregion Rheinhessen und Vorstandsmitglied der Stiftung Mainzer Herz ist, mit dem Vorwurf, wer von zweistelligen Zuwächsen bei den Passagierzahlen träume, mache klar, dass Gesundheitsgefahren und Lebensqualität auf dem Altar des schnöden Mammons geopfert würden. Münzel zeigte sich fassungslos, dass ein Unternehmen wie Fraport, das sich im Besitz der öffentlichen Hand befinde, scheinbar ohne jede Rücksicht auf die Menschen in der Region Gewinnoptimierung betreiben könne.

»Damit sind Sie kein ehrbarer Kaufmann« klagte Münzel und erklärte dem Fraport-Chef via Pressmitteilung, was unter einem ehrbaren Kaufmann zu verstehen sei: darunter fachliches Wissen ergänzt durch gefestigten Charakter. Eben jener feste Charakter, zitiert Münzel die Definition von Wikipedia, schütze den Kaufmann auch vor unüberlegten Handlungen, um sich kurzfristig auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Münzel formuliert die Überzeugung, das 3. Terminal müsse unter allen Umständen verhindert werden. »Keiner will es hören, ich sage es deshalb noch ein bisschen lauter: Fluglärm macht krank, eine ganze Region leidet unter dem Frankfurter Flughafen, weil Firmen wie Fraport Gewinnoptimierung betreiben - eine unerträgliche Situation.«

| SoS

Die ZRM befragt am 22.8.13, 19 Uhr die Kandidaten zum Thema Fluglärm in der Rheingoldhalle