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Kultursensible Pflege

UMDENKEN ZU KULTUR-SENSIBLER PFLEGE

Hüseyin Kaya hätte nicht gedacht, dass er länger als zwei Jahre in Mainz leben würde, als er am 1. April 1966 nach Deutschland kam. Aus dem geplanten Kurzaufenthalt sind 47 Jahre geworden.

Hüseyin Kaya
Hüseyin Kaya

Seinerzeit fand Hüseyin Kaya (Foto r.) bei einem Polstermöbelhersteller in Gensingen Arbeit. Mit dem Geld finanzierte er seine Familie in der Türkei und einen Deutschsprachkurs. »Ich war in meiner Heimat Berufsschullehrer und wollte schnell wieder zurück«, erzählt er.

Dass er jetzt in die Türkei zurückziehe, sei für ihn nicht mehr vorstellbar. Es gebe dort niemanden, der sich um ihn kümmern könne, so Kaya. Zugleich zerfällt hier die traditionelle Betreuungsstruktur seiner Kultur, bei der sich Kinder und vor allem Frauen um ihre Eltern zu Hause kümmern. »Die Verhältnisse sind jetzt anders. Meine Töchter und Söhne müssen arbeiten. Ich gehe nicht davon aus, dass sie mich später zu sich nehmen werden.«

Kulinarische Probleme

pflege fotolia

Er könne sich zwar vorstellen, später in einer deutschen Senioreneinrichtung zu leben, »aber ich sehe ein kulinarisches Problem, denn ich kann nicht als Einziger den Koch bitten, mir kein Schweinefleisch zu servieren.« Außerdem will er aus Scham nicht von einer Frau gewaschen werden, falls das notwendig sein sollte. Die Sprache stelle für ihn zwar kein Hindernis dar, allerdings für andere seines Alters schon, was zu Problemen führen könnte, glaubt er.

Dass im Zeichen des demografischen Wandels die Zahl der auf Pflegedienstleistungen angewiesenen Senioren aus unterschiedlichen Kulturkreisen zunehmen wird, liegt auf der Hand - auch in Mainz. Hier lebten im letzten Jahr 12.140 Menschen mit Migrationshintergrund, die älter als 60 Jahre sind. Für die stationäre und ambulante Versorgung bedeutet dies ein Umdenken hin zu kultursensibler Pflege.

Karim Elkhawaga hat die Notwendigkeit, dass Pflegebedürftige entsprechend ihrer individuellen Werte, kulturellen und religiösen Prägungen und Bedürfnisse leben können, erkannt. Der Geschäftsführer des Ambulanten Dienstes Gesundheitspflege hält es für wichtig, dass sich der Pflegebereich interkulturell aufgrund des größeren Bedarfs weiter öffnet. Sieben Prozent seiner Klienten haben bereits einen Migrationshintergrund, weshalb 17 seiner 63 Mitarbeiter aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen. »Es zeigt sich, dass aber auch vie­le junge Migranten einen Pflegeberuf ergrei­fen möchten«, erklärt der diplomierte Pflegewirt und examinierte Altenpfleger. Pro Jahr bilde er fünf Jugendliche aus, davon hätten inzwischen zwei bis drei Migrations­hintergrund. Dies sei vor zehn Jahren nicht der Fall gewesen, so Elkhawaga. »Es begüns­tigt natürlich die Situation, wenn Menschen des gleichen Kulturkreises aufeinander treffen und dieselbe Sprache sprechen.«

Empathie und Verständnis

Geht der Pflegeschlüssel personell und organisatorisch einmal nicht auf, dann setzt er auf die Empathie und das Verständnis seiner deutschen Pflegekräfte, die regelmäßig interkulturell geschult werden. »Dieses Betreuungsverhältnis ist ebenfalls positiv«, erklärt der gebürtige Palästinenser. »Entscheidend ist die Einstellung der Leitung einer Pflegorganisation, die sich auf die Mitarbeiter überträgt und sich in der Philosophie wiederfindet. Sie hat grundsätzlich Auswirkung auf die Pflegekultur.« Elkhawaga, der den Dienst 1998 gründete und auch ein Stück weit aufgrund seiner Herkunft den Bedarf für die besondere Pflegeart gesehen hat, ist davon überzeugt: »Kultursensible Pflege kostet nicht mehr Geld, sondern eine andere Haltung.«

www.pflege-in-mainz.de

| KH