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ECE UND LUDWIGSSTRASSE: ZWISCHENSTAND MIT ECKPUNKTEN

Kröten hätten in den langen und schwierigen Verhandlungen alle schlucken müssen, lautete der Tenor bei der Vorstellung der »Eckpunkte" als »Zwischenstand" der Verhandlungen zwischen der Stadt Mainz und ECE. Aber es seien auch alle zufrieden mit dem erreichten Ergebnis. Alle? Nicht wirklich!

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Eine schöne Vorstellung: die hässlichen Pavillons (Foto re. unten) werden abgelöst von einem luftigen modernen Einkauszentrum. Bis zum Spatenstich ist noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten, u.a. müssen Grundstücks­eigentümer zum Verkauf bewegt werden. (Fotos: Stadt Mainz)

Monatelang herrschte Schweigen, dann saßen die Beteiligten einträchtig nebeneinander: Oberbürgermeister Michael Ebling eingerahmt von Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte und ECE-Geschäftsführer Gerd Wilhelmus. Die maßgeblich beteiligte Baudezernentin Marianne Grosse fehlte aus privaten Gründen.

Die »Eckpunkte«, die sie als »Zwischenstand der Verhandlungen Mitte Juni vorstellten, überraschten: Auf einen Konsens zu grundlegenden Fragen, was kann ECE am Standort Ludwigsstraße wie bauen, waren die wenigsten vorbereitet.

Kaum waren Zwischenstand und Eckpunkte in den Medien, traten Kritiker auf den Plan darunter: BI Ludwigsstraße, Architektenkammer, Werbegemeinschaft, Altstadt-Grüne, Die Linke, CDU.

Die Anzahl der Gebäude und die Offenheit des Zentrums zu den umgebenden Straßen und Plätze, gehören zu den zentralen Kritikpunkten. In den Leitlinien des Ludwigsstraßenforums finden sich dazu dezidierte Aussagen. DER MAINZER hat sie mit den entsprechenden Kritiken kombiniert und den zuständigen Dezernenten vorgelegt. Lesen Sie deren ungekürzte Stellungnahmen.

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»Monolith« oder Einzelgebäude?

In den Leitlinien heißt es unter Gebäude/ Architektur: 3.31(L) »Erwartet wird eine »Mainz typische Lösung«, die sich nicht als Monolith versteht und nicht als Dominante in gestalterische Konkurrenz zu den benachbarten Dominanten wie Dom, Staatstheater und Johanniskirche tritt.«

Bei der Vorstellung des Zwischenstands wurde betont, dass es keinen monolithischen Baukörper geben werde, sondern das Einkaufscenter werde aus fünf Einzelgebäuden bestehen, die sich in ihrem äußeren Erscheinungsbild unterschieden.

Dem entgegnet der Präsident der Architektenkammer RLP in einer Pressmitteilung, er wolle sich »durch »luftige« Visualisierungen nicht darüber hinweg täuschen lassen, dass das Verhandlungsergebnis zwischen ECE und Stadt letztendlich eine aus zwei Blöcken bestehende Mall vorsieht und eben keine fünf Einzelgebäude.«

Die Mainzer Werbegemeinschaft schreibt dazu: »Klarstellen muss man auch, dass es sich nicht um fünf, durch öffentliche Flächen getrennte Baukörper handelt, sondern lediglich um zwei.«

Frage an die Dezernenten: Welche Gestalt wird das Einkaufscenter haben: Fünf Einzelgebäude oder zwei durch die Fuststraße getrennte Baukörper?

Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte: »Die im Zwischenbericht vorgestellten Eckpunkte, auf die sich die Stadt mit ECE verständigt hat, vereinen den Anspruch einerseits ein flexibles Handelsquartier zu schaffen, welches andererseits städtebaulichen Ansprüchen entspricht und sich durch eine geforderte Körnigkeit auszeichnet. Es wird fünf Baukörper geben, die aber auch teilweise Verbindungen haben werden.

Auf Grund der verhandelten Eckpunkte wird ECE nun die Planungen konkretisieren. Ferner wird es einen Wettbewerb geben, der dann auch die städtebauliche Qualität sicherstellen wird. Wichtig ist, dass unter Berücksichtigung der Forderungen der Stadt die ECE-Ansiedlung mit 700 neuen Arbeitsplätzen und einem Invest von 250 Mio. Euro realisiert wird.«

Baudezernentin Marianne Grosse: »In den Verhandlungen zwischen ECE und der Stadt Mainz wurden funktionale Planungen, die das Hause ECE erstellt hat, diskutiert. Die Aufgabe der städtischen Vertreter war es, zu überprüfen, ob diese Planungen mit den 89 Leitlinien und Empfehlungen übereinstimmen. Im Eckpunktepapier und im Zwischenbericht sind diese Ergebnisse dargelegt. Danach wird ECE im Einkaufsquartier Ludwigsstraße fünf Einzelbaukörper bauen, die u. a. gekennzeichnet sind, dass die Fassade zum Innenbereich die gleiche, hohe Qualität und das gleiche Aussehen wie nach außen zur Stadt hin hat. Alles Weitere wird sich im weiteren Planungsprozess zeigen, insbesondere im Rahmen des noch durchzuführenden Wettbewerbs. Der Stadt Mainz liegen heute natürlich noch keine Pläne von ECE zur Ausgestaltung des Einkaufsquartiers Ludwigsstraße vor.«

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Die Zugänge über öffentliche Straßen und Plätze (Grafik oben) sind in den »Leitlinien« verankert.

Offen zu Straßen und Plätzen?

In den Leitlinien heißt es unter dem Stichwort Offene Strukturen/Wegebeziehungen/Eingänge: 3.16 (L) »Das Einkaufsquartier muss seine Offenheit zur umgebenden Stadtstruktur dadurch nachweisen, dass die unterschiedlichen Eingangssituationen an vorhandenen Wegebeziehungen anknüpfen. Der Zugang zu den Geschäften im EG (Straßenebene) hat prinzipiell über öffentliche Flächen (Straßen, Gassen, Plätze) zu erfolgen. Große gewerbliche Einheiten (insbesondere das Warenhaus) haben sich durch Zugänge zu allen angrenzenden öffentlichen Flächen zu öffnen.«

Architektenkammerpräsident Reker stellt nach Analyse der Eckpunkte fest: Im Inneren der Mall entstehe nach den vorgestellten Ergebnissen kein öffentlicher, auch kein quasi öffentlicher Raum, sondern ein das gesamte Areal zwischen Fuststraße, Ludwigsstraße, Weißlinien- und Eppichmauergasse zusammenfassender Gebäudeblock, dessen innere Wege an Glasfassaden enden. »Innen erleben wir keine innerstädtischen Gassen, die zum Schutz vor Regen mit ein paar Glasscheiben überdeckt sind, sondern die klassische Mall, die außerhalb der Geschäftszeiten geschlossen ist. Die zentrale Forderung nach der öffentlichen Durchwegung wurde nicht erfüllt.«

Die Werbegemeinschaft schreibt dazu: »Auch bei einer filigranen Glasbedachung bleibt es ein in sich geschlossenes Bauwerk, dessen Zugang vom öffentlichen Straßenraum durch die vorgeschlagene Änderung der Leitlinie 3.16 stark beschränkt werden kann.«

Frage an die Dezernenten: Beinhaltet die »Textliche Konkretisierung« zu 3.16 eine Verringerung der Zugänge?

Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte: »Eine Verringerung der Zugänge lässt sich hieraus nicht ableiten. Es ist ratsam, die Konkretisierungen von ECE abzuwarten, die auf Grundlage der verhandelten Eckpunkte jetzt erst erstellt werden. Die notwendige Durchlässigkeit und die Anbindung der historischen Altstadt war immer ein wichtiges Thema. Durch die neu zu schaffende Hintere Präsenzgasse, einer Verbindung vom Bischofsplatz zur Weißliliengasse, kann diese Durchlässigkeit auch zusätzlich verstärkt werden.«

Baudezernentin Marianne Grosse: »Die bisher diskutierten Funktionalplanungen aus dem Hause ECE zeigten abstrakt, wo verschiedene Geschäftsgrößen angesiedelt werden könnten und wo Erschließungsbereiche platziert werden könnten und wo nicht. Eine Detailierung und Konkretisierung auf einzelne Eingänge hat bisher nicht stattgefunden. Aus dem Grobkonzept des Hauses ECE lässt sich bisher folgendes ableiten: Im Bereich der südlichen Weißliliengasse wird die Zufahrt zur Tiefgarage und die Andienung sein. Dieser Bereich scheidet als Zone mit Schaufenstern und Eingängen daher weitestgehend aus. Der Eingang zur neugeschaffenen Hinteren Präsenzgasse wird von der Weißliliengasse begehbar sein. Eine weitere Konkretisierung der Planung hat bisher nicht stattgefunden und wird Aufgabe des noch anstehenden Wettbewerbes sein.«

KOMMENTAR: Konsens gefährdet

Die einen finden es klasse. Endlich scheint der hässliche Klotz in der Ludwigsstraße angezählt, der Spatenstich für ein neues Einkaufscenter in Reichweite. Andere suchen und finden erneut Haare in der Suppe. Dabei ist noch gar nichts wirklich festgezurrt. Die Konkretisierung, die Detailplanung erfolgt ab der zweiten Jahreshälfte. Dann wird sichtbar, ob Innen wie Außen fünf oder zwei Baukörper gebaut werden und wie viele Türen an welchen Stellen die Besucher des Einkaufszentrums auf öffentliche Straßen und Plätze entlassen dürfen.
Stutzig macht allerdings der Zeitplan: Am 4. September findet das letzte LuFo statt, eine Woche später soll der Stadtrat über die Eckpunkte und die »textlichen Konkretisierungen« der Leitlinien entscheiden - ohne die konkreten Pläne zu kennen?
Warum denn diese Hektik? Sie gefährdet den Konsens zwischen Politikern, Stadtplanern, Einzelhändlern, Architekten und den Bürgern, die mit außerordentlichem Engagement und Sachkenntnis diesen Beteiligungsprozess mitgetragen haben. Ein hoher Einsatz bedenkt man die Tatsache, dass die Eigentümer der Grundstücke, die unbedingt für den Neubau benötigt werden, sehr auf Eintracht in dieser Stadt bauen.

| SoS