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DER BLICK ÜBER GRENZEN HINWEG

Mainz und das Weinanbaugebiet Rheinhessen sind seit 2008 Mitglied der Great Wine Capitals GWC. Zum Wohle der Stadt, der Winzer, der Qualität des Rheinhessenweins. Hans Willi Fleischer und Wolfgang Schleicher erörtern im MAINZER-Gespräch, welche Rolle der Rheingau dabei spielt.

Weinberge

Die beiden Herren kennen sich lange. Sie haben einiges gemeinsam. Hans Willi Fleischer engagiert sich seit vielen Jahren für den Rheinhessenwein. Als Winzer, als Chef des Weinguts der Stadt Mainz und als Vertreter in vielen Gremien der Wein­wirt­schaft. Wolfgang Schleicher, bis zu seinem Ruhestand Domänenrat von Schloss Johannisberg im Rheingau, überzeugter Mainzer und inzwischen ebenfalls engagierter Botschafter der Rheinhessenweine.

In einem ausführlichen Beitrag in der Allgemeinen Zeitung Mainz (10.04.13) plädierte Schleicher für die Berücksichtigung der historischen und kulturellen Verbundenheit von Mainz und dem Rheingau. Die detailliert begründete und bis auf das Jahr 983 zurückreichende Verbindung sollte die GWC-Verantwortlichen in Mainz wachrütteln, erläutert Schleicher die Stoßrichtung seiner Idee: »Ich liefere eine ideelle Aufrüstung, denn wenn schon Mitglied in der GWC, dann auch historisch richtig!«

Unter den hiesigen Winzern aber sei der Eindruck entstanden, man halte sie für nicht würdig in dem erlauchten Kreis der GWC vertreten zu sein, erklärt Fleischer die teils harschen Reaktionen von Vertretern der rheinhessischen Weinwirtschaft: »Wir Winzer haben eine große Aufwertung erfahren durch die GWC - wir werden auch von der Stadt Mainz ernster genommen, aber wir haben auch lange und hart dafür gearbeitet.«

Fleischer
Hans Willi Fleischer

Unterschiedliche Mentalitäten

Das »Ende der Fahnenstange« im Entwicklungspotenzial rheinhessischer Qualitätsweine sieht Wolfgang Schleicher allerdings noch lange nicht erreicht: »Viele Betriebe sonnen sich im Licht der Medien und nicht im Lichte ihrer betriebswirtschaftlichen Ergebnisse.«

Hans Willi Fleischer hat für diese Art Kritik offene Ohren und ergänzt: »Es bleibt noch viel zu tun, um die Potenziale der GWC für den Rheinhessenwein auszuschöpfen. Ich bin unzufrieden mit dem Anteil der Selbstvermarkter, das sind noch zu wenige. Die Vermarktungsstrukturen müssen verbessert werden, dafür brauchen wir auch politische Unterstützung.«

Fleischer weiß, dass beispielsweise Fluggesellschaften und internationale Hotelketten ihre Weine nur dort ordern, wo sie in ausreichenden Mengen vorhanden sind: »Wir können keine 100.000 Flaschen derselben Sorte liefern. Wir bräuchten dafür mehr große Betriebe. Früher konnten die rheinhessischen Winzergenossenschaften solche Mengen abdecken. Leider sind sie insolvent geworden.«

Während Schleicher erneut präzisiert, dass er keinesfalls der Eingliederung von Rheingauer Winzern in die GWC das Wort geredet habe, weist er gleichzeitig auf Bedingungen hin, die unter ökonomischen Gesichtspunkten auch für die rheinhessische Weinwirtschaft relevant seien: »Im Rheingau herrscht in der Weinwirtschaft eine Managermentalität - in Rheinhessen eine Inhabermentalität, das ist ein ganz anderes betriebswirtschaftliches Denken. Die Rheingauer können weltweit Wein vertreiben.«

Gleichzeitig beobachtet Schleicher in Rheinhessen eine Innovationskraft, die man im Rheingau so nicht mehr finde und erkennt die Potenziale der jungen Winzergeneration hierzulande: »Ich bin oft unterwegs, um Rheinhessenweine zu testen und vorzustellen, das macht viel Freude und ist interessant.«

Wolfgang Schleicher
Wolfgang Schleicher

Weltmarke »Rhein Riesling«

Eine Sichtweise, der sich Hans Willi Fleischer im Großen und Ganzen anschließt, aber: »Es braucht viele Vollblut- und Vollzeitwinzer um das Image und die Qualität dauerhaft zu bessern. Unser Rheinhessen ist in vielem noch zu kleinkariert, zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wir müssten uns mehr um Marketingstrategien und um die internationale Vermarktung unserer Weine kümmern.«

Fleischer erinnert auch daran, dass Weintrinker in Amerika und Asien mit den Namen »Rheinhessen« und »Rheingau« nichts anfangen könnten, selbst deutschen Konsumenten müsste man erklären, man komme aus dem Rhein-Main-Gebiet. »Der Rhein verbindet als Symbol deutscher Weinkultur nicht nur Rheingau und Rheinhessen, sondern schließt auch alle anderen Anbaugebiete ein, die am Rhein liegen. Die Bezeichnung ,Rhein Riesling' kombiniert die Herkunft mit der Rebsorte, einer weiteren deutschen Marke von Weltruf.«

Eine kleine Nachhilfe in Sachen Rheinüberschreitendes Miteinander gibt Hans Willi Fleischer seinem »Rheingauer-Weinkollegen« abschließend noch mit auf den Weg: »Es gibt übrigens nicht nur historische und kulturelle Verbindungen zwischen Mainz und dem Rheingau. Es gibt auch historisch gewachsene Animositäten: die Rheingauer Winzer dürfen auf allen Mainzer Weinfesten ihren Wein ausschenken, aber die Mainzer dürfen immer noch nicht an der Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden teilnehmen.«

www.mainz.de
Suchbegriff: Great Wine Capitals

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