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Sport

DAS GROSSE SPIEL MIT DEM KLEINEN BALL

Golfen ist langweilig und etwas für ältere, wohlsituierte Herrschaften? Unser Autor erkundet beim Mainzer Golfclub im Freizeit- Sport- und Erholungspark am Lenneberg, was es tatsächlich mit diesem Sport auf sich hat.

Mathias Gruber · www.gruberimages.com

Vor gut zwei Jahren hat er mich erwischt. Hinterrücks, heimtückisch, unvorbereitet: der Golf-Virus. Ich gebe es zu, ich spiele Golf. Jenes angeblich so elitäre Spiel, das auch gerne als »Versuch, einen viel zu kleinen Ball mit dafür völlig ungeeignetem Gerät in ein winziges Loch zu befördern« bezeichnet wird.

Und natürlich kenne ich den Spruch: »Was? Du spielst Golf? Hast du keinen Sex mehr?« Dabei ist Golf viel mehr als nur ein schlechter Treppenwitz, Erotikersatz oder softe Bewegungstherapie für alternde Millionäre. Ein - persönliches - Plädoyer für das große Spiel mit dem kleinen weißen Ball.

1. Golf ist überhaupt kein Sport!

Beim Golfen fährt man mit einem Elektrowägelchen quer über den Platz, steigt lediglich aus, um seinen Ball zu schlagen und am anstrengendsten ist es, am Ende jeder Bahn auf dem Grün die Fahne aus dem Loch zu ziehen. Man kann so Golf spielen, muss es aber nicht. Die meisten Spieler gehen zu Fuß, tragen Schlägertasche (»Bag«) plus Zubehör auf dem Rücken oder schieben das Ganze mit einem speziellen Handwagen (»Trolley«). Und das - je nach Platzlänge - über eine Distanz von zehn bis zwölf Kilometer, bergauf und bergab. Dazu kommen bis zu 130 Schläge pro 18-Loch-Runde (abhängig von der Spielstärke), von extralangen Drives, über Annäherungen bis hin zu kurzen Putts. Und das bei höchster Konzentration, über vier bis fünf Stunden. Wenn das kein Sport ist .

2. können sich nur reiche leisten!

Es gibt Klubs, in die man sich quasi einkaufen muss, um spielen zu dürfen (was schon mal ein Netto-Jahresgehalt kosten kann). Golfen kann man aber auch für kleines Geld. Lange Schläge trainieren auf der Driving Rang und Putten auf den Übungsgrüns kosten - bis auf die Bälle - oft gar nichts. Schläger kann man sich schon für ein paar Euro leihen. Und spezielle Klamotten muss man auch nicht unbedingt haben. Wer »richtig« Golf spielen will, muss natürlich etwas mehr investieren. Allein die Platzreife (eine Art Golfführerschein) schlägt mit mindestens 200 ? zu Buche. Schläger, Bälle, sonstige Ausrüstung und nicht zuletzt der Mitgliedsbeitrag tun ein Übriges. Dabei gilt aber: Kaum etwas muss und schon gar nicht alles auf einmal. Ach ja: Für ein paar Fußballschuhe kann man auch 300 ? loswerden.

3. nur ein Schön-Wetter-Sport!

Sicher: Bei strahlend-blauem Himmel, Sonne satt und Windstille macht Golfen natürlich am meisten Spaß. Wer aber vom Golf-Virus befallen ist, lässt sich auch von widrigsten Witterungsverhältnissen nicht abhalten - im Gegenteil. Sturmböen und schlechte Sicht steigern die persönliche Herausforderung und machen eine Runde erst richtig interessant.

4. Golf ist viel zu kompliziert!

Ein Regelbuch, fast so dick wie eine Bibel, gefüllt mit Vorschriften, die sogar das Reinigen des Balles regeln. Auf den ersten Blick ist Golf schrecklich kompliziert und offenbar nur für Profi-Bürokraten ein Genuss. Die vielleicht wichtigste Golfregel aber sagt, dass man lediglich wissen muss, wo im Regelbuch man nachschauen sollte, wenn man nicht mehr weiter kommt. Weiß man dann noch, wann genau ein Ball im Aus ist, wie man sich verhält, wenn er im Wasser oder im Ge­büsch landet und was auf dem Grün erlaubt ist, steht einer locker-flockigen Partie nichts im Weg.

5. Golf ist langweilig!

Schaut man Profis beim Ab­schlag zu, wenn sie zigfach Probe schwingen, ehe sie endlich schlagen. Oder, wenn sie gefühlt stundenlang das Grün lesen, obwohl der Ball doch schon fast im Loch liegt (und das alles bei absoluter Stille, denn selbst das Klicken einer Kamera stört der Meister Konzentration): Ja, dann wirkt das einschläfernd - zumindest, wenn man selbst KEIN Golf spielt. Wer dagegen weiß, warum sich ein Tiger Woods oder ein Martin Kaymer so lange Zeit lassen, wieso sie jeden einzelnen Grashalm unter die Lupe zu nehmen scheinen, der ist fasziniert von dem, was die ganz Großen ihrer Zunft da tun. Genauigkeit ist Trumpf in einem Spiel, bei dem ein nur um wenige Grad verkannteter Schläger den Ball beim Abschlag ins Wasserhindernis fliegen oder - auf dem Grün - am Loch vorbei rollen lässt.

6. Golf ist nur was für Snobs!

Polo-Hemden, karierte Pollunder, Hosen und Socken für den Herrn, Faltenröcke, Kniestrümpfe und ja nicht zu tief ausgeschnittene Oberteile für die Dame. Oh ja, auf dem Golfplatz geht's kleidungstechnisch mitunter schon etwas konservativ zu (wobei es außer der männlichen »Kragenpflicht« und dem »Anti-Freizügigkeits-Gebot« für Frauen kaum echte Vorschriften gibt). Aber gerade das kann auch einen ge­wissen Reiz ausüben. Oder wie es der US-Schauspieler Samuel L. Jackson ausgedrückt hat: »Limettengrüne Hosen und Schuhe aus Krokoleder - der Golfplatz ist der einzige Ort, wo ich wie ein Zuhälter rumlaufen kann, ohne weiter aufzufallen.«

7. kann nur spielen, wer Zeit hat!

Das stimmt, zumindest wenn man sich eine komplette 18-Loch-Runde vornimmt. Wer nur trainieren will, dem reicht eine intensive 45-Minuteneinheit auf der Driving Range. Und fürs kurze Spiel? Da gibt's das praktische Büroset mit Putter, Ball und Loch. Alles zu­sammen in einem Köfferchen - perfekt für die Mittagspause.

| Mario Bast