Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

Werbung

GESELLSCHAFT

MEIN OBJEKT DER BEGIERDE

Es ist gerade geschnitten, besteht aus Baumwolle mit ein wenig Elastan, der Bund sitzt zwischen Taille und Bauchnabel und misst 28 inch, die Beine sind schmal, aber keine Röhren und 36 inch lang.

Hose

Eine ganz normale Hose. So wie sie zuhauf in der Stadt herum getragen werden. Wie viele solcher Objekte ich in den großen und kleinen Geschäften der Mainzer Innenstadt anprobiert habe, weiß ich nicht mehr. Keine Hose passt.

Ich laufe auf Beinen durch die Welt, deren innere Länge 83 cm misst. Ein Segen, sagen neidische Geschlechtsgenossinnen. Die müssen für diesen »Segen« auch keine Beinkleider kaufen.

Brauche ich neue Hosen, geht die immer gleiche Rennerei los. Freiwillig nehme ich das schon seit Jahren nicht mehr auf mich. Ich kaufe, weil ich muss. Nicht weil ich Lust dazu habe. Einkaufsvergnügen? Kenne ich nicht. Weil die Beine länger sind, als »normale« Beine. Und der Hüftumfang nicht den Proportionen entspricht, die Hosenproduzenten im Kopf haben: Hüfte und Po müssen so breit sein wie die Beine lang!

Süß ist der entsetzte Augenaufschlag der Verkäuferin in einem Mainzer Bekleidungskaufhaus, die ich nach Hosen in 36er Länge frage. »Nein, bei uns ist bei 34 Schluss!«

Die junge Frau ist mindestens so groß wie ich. Mein Blick taxiert ihre Beine - die dürften eher länger sein, als die meinigen. Trotzdem reichen die Hosenbeine bis an die Absätze ihrer Schuhe. Sogar die Miniaturausgabe ihres Pos ist erkennbar.

»Verraten Sie mir, wo Sie Ihre Hosen kaufen?«, wage ich zu fragen. »Na online, wo denn sonst«, kommt die Antwort ein klein wenig schnippisch.

Nun ja, wenn eine Verkäuferin, die ihr Geld damit verdient, anderen Menschen in einem Geschäft Kleidung zu verkaufen, ihre eigenen Hosen im Internet kauft, muss ich kein schlechtes Gewissen haben, gleiches zu tun. Spaß macht das zwar auch nicht, aber ich trage jetzt mein Objekt der Begierde mit mir rum. Und renne ihm nicht mehr hinterher.

| SoS