Der Mainzer - Die Stadtillustrierte


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Tiere in der Stadt

Gerät das Miteinander aus dem Gleichgewicht?

»Wilde« Tiere in der Stadt


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Verdrängt von der Naturlandschaft in die Stadtlandschaft: die Saatkrähen (Foto: Rainer Michalski).

Überall sieht man reges Frühlingstreiben: Eichhörnchen springen durch Bäume, Amseln zwitschern aus vollen Kehlen und Kröten bereiten ihren Laichplatz vor. Die Tierwelt ist erwacht, und mit ihr hat die Paarungs- und Brutzeit begonnen. Was für die einen die langersehnte Ankündigung der neuen Jahreszeit bedeutet, stellt für andere eine nervliche Herausforderung dar. Zu ihnen gehört Colette Choquet, die in der Unteren Zahlbacher Straße lebt.

Vor etwa fünf Jahren ließen sich die ersten Halsbandsittiche dort in den Bäumen nieder und flogen ihre Runden in der Gegend. Inzwischen hätten sie sich stark vermehrt, meint die Journalistin. Sie schätzt die Population, die sich konstant um das Haus herum aufhält, auf sechs bis acht Pärchen. Dabei gäben sie einen ungeheuren Lärm von sich. »Es ist kein Vogelgezwitscher, sondern ein Kreischen in einer hohen aggressiven Frequenz. Das übertönt sogar die Straßenbahn.«

Während sich die giftgrünen Papageien im Sommer und Winter relativ ruhig verhielten, sei ihr lautes Gezeter bei Sonnenaufgang und -untergang insbesondere im Frühling aber auch im Herbst zu hören. Diese Monate kollidierten allerdings mit der Nutzung ihrer großen Terrasse von April bis September, sagt Choquet, Unterhaltungen wären dann bisweilen schwierig. Aber nicht nur das Draußensitzen gestaltet sich als anstrengende Angelegenheit, auch in die Wohnung dringt das Geschrei der Sittiche, wenn sie in den Bäumen direkt vor dem Wohn- und Schlafzimmer sitzen. »Das schlaucht, denn ich arbeite manchmal bis spät abends. An länger schlafen morgens ist nicht zu denken, trotz Ohrstöpsel. Ich wünschte, es gäbe eine Lösung für das Problem.«

Die gibt es jedoch laut Dr. Dieter Rinne vom Naturschutzbund NABU nicht. »Die Halsbandsittiche vermehren sich kräftig weiter, und man kann ihnen keinen Einhalt gebieten. Sie haben allerdings natürliche Feinde wie den Habicht und andere Greifvogel. Auch Marder und Eichhörnchen rauben die Eier aus den Höhlen, in denen die Papageien brüten.« Erstmals in Deutschland wurden die Halsbandsittiche 1967 in Köln entdeckt. Dann verbreiteten sie sich in den milden Rheinebenen Worms, Wiesbaden, Mainz, Bonn, Düsseldorf, Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg. Trotz ihrer exotischen Herkunft aus den Savannengebieten Afrikas und dem indischen Subkontinent kommen sie mit dem deutschen Klima zurecht.

Ornithologe Rinne sieht keine Verdrängungsgefahr für Saatkrähen und Rabenkrähen, die sich in den Bäumen vor der Universitätsmedizin, am Hartenberghang und in der Hindenburgstraße aufhalten. Zum Leidwesen vieler Bürger plündern diese Allesfresser nicht nur Mülltonnen, sondern sorgen mit ihrem lauten Krächzen für Unmut. »Krähen sind jedoch Singvögel«, stellt Dr. Rinne klar, auch wenn das manch einer nicht so sehen mag. Außerdem stehen die Vögel unter Naturschutz, insbesondere die Saatkrähe, deren Bestand gefährdet ist. »Eben weil sich viele Menschen gestört fühlen, vernichten sie in den Bäumen die Nester.« In Kolonien werden diese Mitte März gebaut. Während der 16 bis 19 Tage Brutzeit und darauffolgenden Aufzucht versorgt das Männchen sowohl seine Partnerin als auch die Jungvögel mit Nahrung. Nach 32 bis 35 Tagen werden die jungen Saatkrähen flügge.

Wildschweine graben Gärten und Gräber um

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Auf der Suche nach Käferlaven haben Wildschweine eine Wiese im Park des Schlosses Waldthausen »umgegraben« (Foto: Christian Hembes).

Dass ein Tier von ganz anderer Größenordnung den Weg von Menschen in der Stadt kreuzen kann, zeigen Wildschweine auf ihrer Suche nach Futter. Vor allem nachts treiben sie ungestört ihr Unwesen. Dann werden nicht nur regelmäßig die Gräber auf dem Mombacher Waldfriedhof umgegraben, wie Stefan Dorschel Leiter des Forstreviers Lenneberg erzählt: »Sie suchen Buchecker, Eicheln, Käfer, Larven und Regenwürmer unter Grasnarben. Deswegen gehen sie auch in Gärten und Parkanlagen, denn dort finden sie das tierische Eiweiß, das sie neben dem pflanzlichen brauchen, viel einfacher als im Wald.« Zudem seien die Komposthaufen bei Privathäusern ein beliebter Fressplatz, dabei biete ein einfacher Maschendrahtzaun den Schweinen, die bis zu 60 Kilogramm wiegen können, kein Hindernis. Dennoch seien sie grundsätzlich nicht aggressiv, wie der Förster betont. »Wildschweine flüchten eher vor uns. Generell sollte man Abstand halten, denn sie könnten verletzen, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen oder Frischlinge dabei sind.« Im Frühjahr kämen diese zur Welt, und dürften wie der Keiler ganzjährig gejagt werden. Der Grund hierfür ist deren starke Vermehrung. Seit dem Herbst 2011, der viel Futter brachte, gab es zahlreiche Frischlinge, die bereits früh paarungsreif sind und somit die Zahl der Schweine in die Höhe schießen ließen.

Ob Wildschweine im Garten oder verschiedene Vögel in Baumkronen - Tiere als Störfaktor zu betrachten, das sieht Dr. Rinne mitnichten so, denn seiner Meinung nach führe vielmehr die Verdrängung durch den Mensch dazu, dass deren Lebensräume massiv eingeschränkt werden. »Jedes Tier hat seinen Platz im ökologischen Gefüge«, und ohne das läuft alles aus der Bahn.«

KH