Der Mainzer - Die Stadtillustrierte


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Campus

Studienfach Geoinformatik und Vermessung

Die ganze Welt als Arbeitsplatz


Carina Justus
Carina Justus am Tachymeter: In ihrem Studium in Geoinformatik und Ver­mes­sung geht es um mehr als nur um Land­schafts­kataster.

Carina Justus war schon früh klar, in welcher Branche sie einmal arbeiten will. Ihr Vater ist Vermesser, und sein Job hatte sie schon immer fasziniert. »Außerdem habe ich früher gerne Bücher von Karl May gelesen. Und Old Shatterhand ist ja Landvermesser.« Die 26-Jährige wird Ende des Sommers ihren Masterabschluss in Geoinformatik und Vermessung an der FH Mainz machen. Danach darf sie sich Vermessungsingenieurin nennen.

Wie viele ihrer Kommilitonen hat sie vor Beginn des Studiums eine Ausbildung als Vermes­sungstechnikerin gemacht - auch wenn das keine Voraussetzung für das Studium ist. Carina lernte bei der Stadtverwaltung ihrer Heimatstadt Siegen im Amt für Bodenmanagement. »Aber ich wollte nicht bis zum Ende meines Lebens nur mit Katastern arbeiten«, sagt sie. In dem Beruf gebe es viele Möglichkeiten, Karriere zu machen, »aber wenn man einen Job mit Verantwortung und Entscheidungskompetenzen bekommen will, braucht man den Studienabschluss.«

Geoinformatik und Vermessung - das klingt nach einem sehr spezialisierten Fachgebiet. Das ist richtig und auch wieder nicht. Denn einerseits lernen die Studierenden sehr konkret und praxisorientiert, wie man Messtechnik bedient und Messergebnisse auswertet. Dazu kommt Informatikunterricht mit Programmiertechnik, Software Engineering und Anwendungsentwicklung. Die Einsatzgebiete für diese speziellen Fähigkeiten sind aber andererseits auch sehr vielfältig. »Energiewende, demografischer Wandel, globale Erwärmung - die großen gesellschaftlichen Aufgaben sind nur lösbar, wenn städtische, regionale oder globale Räume geometrisch bekannt und sachgerecht modelliert sind«, beschreibt Professor Fredie Kern, Studiengangsleiter in der Lehreinheit Geoinformatik und Vermessung, sein Fachgebiet.

Klaus Böhm
Klaus Böhm vor einer 3D-Animation der Stadt Mainz: »Geoinformatik und Ver­mes­sung beschäftigt sich im Wesentlichen mit dem ,Was', ,Wo' und ,Wie' von Dingen auf, über und unter der Erde.«

Jeder nutzt Geodaten

Es sind aber nicht nur die großen Herausforderungen an Wissenschaft und Politik, die Geoinformatiker und Vermesser helfen anzugehen. Google Earth, Google Maps, GPS, Navigationssysteme, Verkehrsleitsysteme - fast jeder nutzt Geodaten in seinem Alltag, oft, ohne sich dessen bewusst zu sein. Und der Bedarf an diesen Daten steigt - auch im Zusammenhang mit Themen wie Umweltschutz, Gesundheit, Logistik oder Denkmalschutz.

»Das Ineinandergreifen unterschiedlicher Aspekte macht dieses Studium so spannend«, findet Professor Klaus Böhm, der Leiter der Lehreinheit Geoinformatik und Vermessung. Das habe auch zur Folge, dass jeder Studierende sein Studium vergleichsweise individuell gestalten könne. So lernt zwar jeder Bachelorstudent, wie man ein Tachymeter bedient - das ist das Landvermessungsgerät, an dem man häufiger auf der Straße Vermessungstechniker stehen sieht und sich kurz fragt, ob es sich wohl um eine Radarfalle handelt. Ebenso lernen alle die Programmiersprache Java und wie man am Computer dreidimensionale Darstellungen von Vermessenem erzeugt. Ob er sich dann aber mehr der Vermessung von Denkmälern und Ausgrabungsstätten oder der Zusammenführung von Geodaten auf einer Webplattform oder für Apps widmet, entscheidet jeder Studierende selbst.

Carina Justus scannte für ihre Bachelorarbeit mit einem Streifenlichtprojektor den Opferwagen von Strettweg, einen bronzenen Kultwagen aus dem 7. Jahrhundert vor Christus, der bei archäologischen Ausgrabungen in einem Fürstengrab in Österreich gefunden wurde. »Der steht eigentlich im Universalmuseum Johanneum in Graz, war aber zur Restauration ans Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) in Mainz geschickt worden«, erklärt sie. Die Lehreinheit und das RGZM haben eine langfristige Kooperation aufgebaut, aus der auch regelmäßig Themen für Abschlussarbeiten von Studierenden abfallen, die sich für Archäologie und Denkmalschutz interessieren.

Aktuelle Forschung ist Teil der Lehre

Geoinformatiker und Vermessungsingenieure sind aber vor allem auch in der Industrie und bei Behörden gefragt. »Absolventen werden gesucht in den Vermessungsverwaltungen, bei Ver- und Entsorgungsbetrieben, großen Industrieunternehmen und in Ingenieurbüros«, berichtet Professor Kern. Die Wissenschaftler der FH sind mit ihren Forschungsprojekten für Unternehmen gefragte Partner. Deshalb hat die Lehreinheit 1998 ein eigenes Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Kooperationen mit externen Partnern gegründet, das i3mainz.

»Die Lehre ist auch deshalb immer auf dem neuesten Stand, weil die aktuelle Forschungsergebnisse mit einfließen«, erklärt Prof. Böhm. »Wenn man unsere Studierenden fragt, warum sie sich für den Studienort Mainz entschieden haben, spielt das i3mainz als Plattform für angewandte Forschung und auch als Verbindung zu möglichen späteren Arbeitgebern eine große Rolle.« Derzeit läuft beispielsweise ein Projekt in Kooperation mit der Deutschen Bahn und dem Flughafenbetreiber Fraport, bei dem das i3mainz eine lernfähige Software entwickelt, die in gescannten Landschaften Gegenstände und Bauwerke erkennt und einordnet. In einem anderen Projekt für Thyssen-Krupp arbeiten die Wissenschaftler an der Verbesserung optischer Messtechnik, die bei der Produktion von Bauteilen für Qualitätssicherung sorgt.

Streifenlichtprojektor
Mit dem Streifenlichtprojektor kann man Gegenstände wie diesen Nachbildung eines Terrakotta-Kriegers genau vermessen, ohne ihn dabei zu berühren.

Weiterbildung neben dem Beruf

Die FH Mainz ist außerdem eine von wenigen Hochschulen in Deutschland, die sowohl einen Bachelor- als auch einen Masterstudiengang in Geoinformatik und Vermessung anbieten. Dazu ist sie eine von zwei Hochschulen bundesweit (neben der Hochschule Anhalt in Dessau), an der man einen Berufsbegleitenden Masterstudiengang für Geoinformatik absolvieren kann. Hier können sich Absolventen verwandter Studiengänge wie Informatik, Geografie oder Agrarwissenschaften neben ihrem Job zu Fachleuten für Geoinformationssysteme ausbilden lassen.

Infos: www.fh-mainz.de/technik/geoinformatik-und-vermessung

Alice Gundlach