Der Mainzer - Die Stadtillustrierte


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Mainzer Köpfe

Mit wenigen Zutaten und ohne Wortungetüme:

Peter Stamm schlüpft in andere Rollen


Peter Stamm
Peter Stamm bei seiner Antrittslesung als Mainzer Stadtschreiber 2013 im Rathaus. Der 1963 in der Schweiz geborene Journalist und Schriftsteller verfasst erzählende Prosa, Hörspiele und Theaterstücke.

Am 22. Februar wurde Peter Stamm als neuer Stadtschreiber in sein Amt eingeführt. Mit Hilfe vieler Fragen konnte DER MAINZER dem vielreisenden Schriftsteller schon vor dem Amtsantritt näher kommen.

Um Fastnacht und Verkleiden, Wein und alltägliche Gerichte, Er­wartungen und literarische Verarbeitung rankt sich dieser Schriftwechsel.

DER MAINZER: Waren Sie schon einmal in Mainz oder der unmittelbaren Umgebung, bevor Sie zum Mainzer Stadtschreiber ernannt wurden?

Stamm: »Ich habe schon ein paar Mal in Mainz gelesen, eine meiner allerersten Lesungen hatte ich in der Stadt in der schönen Buchhandlung ,Shakespeare und so'. Ich kann mich an einen hässlichen Fastnachtsbrunnen erinnern. Sonst habe ich leider nicht allzu viel gesehen von der Stadt, da ich auf Lesereisen immer gleich weiter muss. Ich war aber auch oft in Wiesbaden und natürlich in Frankfurt, wo mein Verlag ist.«

Fastnacht spielt in Mainz eine ganz besondere Rolle - haben Sie, in der Schweiz oder andernorts, Kontakt zu Fastnacht, Fasching, Karneval gehabt? Verkleiden, kostümieren Sie sich gerne?

Stamm: »Ich habe immer in traditionell protestantischen Gebieten gelebt, erst im Thurgau, dann in Winterthur. Da spielte die Fastnacht keine große Rolle, je­denfalls hat sie keine Tradition. Ich habe mich auch nie besonders gerne verkleidet. In gewissem Sinn tue ich das aber natürlich als Schriftsteller, indem ich in andere Rollen schlüpfe.«

Mit welchen Erwartungen kommen Sie nach Mainz?

Stamm: »Ich versuche immer, möglichst unvoreingenommen an einen Ort zu kommen. Man spürt in einer Stadt dann relativ schnell, ob man sich da wohl fühlt oder nicht.«

Wein gilt als Symbol für die hiesige Lebensfreude, für die Aufgeschlossenheit vieler Menschen, den teils lockeren Umgang miteinander. Die Weinstuben hier sind Dreh- und Angelpunkte des Miteinanders. Mögen Sie Wein und geselliges Beisammensein?

Stamm: »Ich bin nicht wirklich der Wirtshaussitzer, schon weil ich Kinder habe, lade ich Freunde lieber zu mir nach Hause ein. Aber Wein mag ich sehr wohl, vor allem trockene Rotweine. Das geht von Burgunder über italienische und spanische Weine. Auch Zweigelt mag ich, den habe ich in Österreich kennengelernt. Und manchmal auch Blauburgunder, allerdings gibt es da ziemlich große Unterschiede.«

Außer »Woi« gehören »Weck« und »Worscht« zur Mainzer Lebensart. Haben Sie diese »Spezialitäten« schon genossen?

Stamm: »Ich kann mich nicht erinnern, mal 'Weck und Wurst' in Mainz gegessen zu haben, aber die Schweiz ist auch ein Land, in dem viele Würste gegessen werden. Ich habe einen Freund, der Metzger ist, der sehr gute Käsewürste macht (die zum größten Teil aus Fleisch bestehen), dann gibt es in der französischen Schweiz sehr gute Saucissons und in meiner Heimat vor allem Bratwürste.«

Haben Sie ein Lieblingsgericht?

Stamm: »Ein Lieblingsgericht habe ich nicht, aber ich mag Haus­mannskost und koche sehr oft zu Hause. Ich bin aber nicht nur der Koch für Gäste sondern koche vor allem im Alltag, alltägliche Gerichte: geschmortes Fleisch, gefüllte Paprika, Risotto, selbstgemachte Suppen. Ich den­ke, ich koche wie ich schreibe: mit wenigen Zutaten und ohne dicke Soßen, so dass man noch schmeckt, was man isst.«

Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem Amt als Stadtschreiber? Worauf freuen Sie sich?

Stamm: »Als ich die Einladung bekam, war mein erstes Halbjahr leider schon ziemlich ausgebucht mit Reisen unter anderem nach Mexiko und Kolumbien, Spanien und Italien. In Kolumbien besuche ich eine Buchmesse, in Mexiko bin ich zu einem Festival eingeladen, wo ich einen Vortrag halten soll. In Spanien bekomme ich einen Preis verliehen, den Gymnasiasten jedes Jahr vergeben. Er ist nicht hoch dotiert, aber sehr sympathisch. Und nach Italien wurde ich eingeladen, um in Ruhe schreiben zu können.

Also werde ich erst ab dem Sommer nach Mainz kommen können. Und da ich schulpflichtige Kinder habe auch das nicht allzu oft. Aber ganz allgemein bin ich immer froh um einen Ort, an dem ich in Ruhe arbeiten kann. Und natürlich ist es eine Gelegenheit, die Gegend etwas besser kennenzulernen.«

Manche Mainzer erwarten, die jeweiligen Stadtschreiber/innen würden ihre natürlich angenehmen Erlebnisse, Erfahrungen wäh­rend dieser Zeit in einem Roman, einer Erzählung verarbeiten. Ha­ben Sie vor in der Mainzer Stadtschreiberwohnung zu schreiben?

Stamm: »Ich werde ganz bestimmt in Mainz schreiben, allerdings vermutlich nicht über Mainz. Ich schreibe praktisch nie über den Ort, an dem ich mich gerade befinde. Aber es kann durchaus sein, dass sich meine Aufenthalte in Mainz in meinen Büchern niederschlagen werden. Allerdings sind die angenehmen Erlebnisse zwar schön, aber für die Literatur nicht unbedingt die ergiebigsten.«

Haben Sie auch Interessen, die nichts mit dem Schreiben zu tun haben? Oder solche, die Sie als Ausgleich empfinden?

Stamm: »Meine Familie ist mir sehr wichtig. Und ich arbeite gerne im Garten, gehe wandern, schwimmen und manchmal auch klettern. Aber sonst beschäftige ich mich schon vor allem mit dem Schreiben.«

SoS