Heft 268 Februar 2013
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Fastnachtstreiben

Nächtliche Umzüge, spontane Büttenreden und ein Käfig voller Narren

Fastnachtstreiben in Rheinhessen & Mainz


Nachtumzug
Motivwagen, Fußgruppen und Musik: Der Büdesheimer Nachtumzug bietet alles, was das Narrenherz begehrt.

Die unumstrittene Fastnachtshauptstadt in Rheinhessen ist Mainz. Zweifel ob der närrischen Vormachtstellung der Landeshauptstadt werden gänzlich ausgeräumt, wirft man einen Blick in die Veranstaltungskalender der rheinhessischen Städte und Gemeinden in der fünften Jahreszeit: Umzüge an Rosenmontag sind größtenteils Fehlanzeige. Der Respekt vor dem großen Umzug in Mainz sei einfach zu hoch, bringt es Dirk Gaul-Roßkopf von der »Kreiznacher Narrefahrt« auf den Punkt. Dass in Bingen, Ingelheim und Co. dennoch kräftig Fastnacht gefeiert wird steht außer Frage.

DER MAINZER erweitert den närrischen Horizont und blickt über die Mainzer Stadtgrenzen.

Narrenfreiheit im Käfig: In Bad Kreuznach startet der Höhepunkt der fünften Jahreszeit pünktlich um 11:11 Uhr am Weiberdonnerstag: »Auf dem Kornmarkt und in der Roßstraße findet der Kreuznacher Narrenkäfig statt«, erklärt Gaul-Roßkopf. Auf dem durch einen Bauzaun abgeschlossenen Areal sorgen zwei Bühnen mit Tanz- und Musikvorführungen für die richtige Stimmung. Alle acht Fastnachtsvereine aus Bad Kreuznach sind mit Ständen vertreten. »Es werden Show- und Gardetänze vorgeführt, aber es gibt natürlich auch Büttenreden«, fasst Gaul-Roßkopf zusammen: »Man könnte sagen, der Narrenkäfig ist eine Fastnachtssitzung im Freien.« Gefeiert werden kann bis 20 Uhr, insgesamt bietet der Käfig Platz für 10.000 Narren.

Etwas besinnlicher mutet eine Fastnachtsveranstaltung in Ingelheim an. Am Fastnachtssamstag lädt die Saalkirche Ingelheim um 16 Uhr zur »Orgelmusik zum Schmunzeln«. Der Narhalla-Marsch darf im närrischen Orgelrepertoire nicht fehlen, ergänzt wird er durch Jazz- und Swingstücke. Die Moderation übernimmt Pfarrer Ernst Fellechner, ganz der Jahreszeit entsprechend im Clownskostüm. Und auch die Zuschauer dürfen ihrer Fantasie freien Lauf lassen und das Kon­-zert als Pirat, Cowboy oder Hexe besuchen.

Musikalisch geht es auch in Bingen zu, wenn am Fastnachtssamstag ab 18:33 der Nachtumzug durch Bingen-Büdesheim marschiert. Mit 60 Zugnummern und circa 20.000 Besuchern gehört er zu den größeren Umzügen in der Region, verrät Zugmarschall Josef Decker: »Es gibt Motivwagen, Fuß- und Musikgruppen, wie bei jedem Umzug. Das Besondere am Büdesheimer Umzug ist, dass er im Dunkeln stattfindet. Quasi wie ein Rosenmontagszug mit Fackeln.« Seit 2005 wird der Umzug von der TuS Büdesheim veranstaltet und hat sich mittlerweile zur Party-Location etabliert: »Ist der Umzug zu Ende findet im gesamten Ortszentrum eine Open-Air Party mit DJs statt«, erklärt Decker, »und in der Mehrzweckhalle gibt es eine Tanzveranstaltung.«

Fastnacht nach Alt-Binger Art verspricht der Büdesheimer DJK. Am Rosenmontag um 19:11 Uhr fällt im Weingut Hildegardishof der Startschuss zum Funzelabend: »Früher war es üblich an Fastnacht von Wirtschaft zu Wirtschaft zu laufen um zu feiern, aber natürlich auch um Reden zu schwingen«, sagt Astrid Krolla vom DJK. Diese Tradition wird beim Funzelabend wieder aufgenommen. Jeder Gast, der eine Büttenrede halten möchte, kann aufs Podium springen und sie zum Besten geben. »Allerdings sollte am Anfang des Abends kurz Bescheid gesagt werden, dass man eine Rede vorbereitet hat«, räumt Krolla ein.

Rheinhessen hat also auch zur fünften Jahreszeit einiges zu bieten und ein stilles Ende findet die Fastnacht hier nicht. Sie wird pompös zu Grabe getragen, z.B. beim Gruber Narren Club im Kulturzentrum Bingen: Am Fastnachtsdienstag steigt hier um 19:30 die letzte närrische Veranstaltung, die um Mitternacht mit der Beerdigung der Fastnacht ihren Höhepunkt nimmt: »Der Elferrat tritt komplett in schwarzen Talaren auf und verkündet den Tod der Fastnacht. Das wird immer mit viel Radau entgegengenommen«, erzählt Klaus Dieter Heil, 1. Vorsitzender des Vereins. Eine anständige Trauerrede, die Segnung der Gemeinde - stilecht mit Klobürsten - und eine echte Leiche dürfen bei einer solchen Veranstaltung natürlich nicht fehlen: »Die `Leiche` ist immer ziemlich grell geschminkt und wird vorne in der Halle aufgebahrt. Früher musste derjenige die Leiche mimen, der an den Tagen zuvor am meisten getrunken hatte, diese Regel haben wir aber mittlerweile ein bisschen aufgelockert«, lacht Heil.

Umzug und Leichenschmaus

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Bei Fastnachtsbeerdigungen (hier im Weinhaus Quintin Flehlappe) ist die Kostümierung immer so echt wie die Tränen (Foto: Hans Joachim Mans)

Fastnachtsbeerdigungen gibt es auch in Mainz. Als Hans Joachim Mans vor sechs Jahren das Weinhaus Quintin Flehlappe übernahm, startete er mit der Tradition der Fastnachtsbeerdigung. An Aschermittwoch wird der Trauergemeinde in seinem Weinhaus die traurige Mitteilung überbracht: »Wir haben immer einen Redner und die meisten Gäste kommen im Trauerornat«, schmunzelt Mans. Eine Witwe darf natürlich auch nicht fehlen, »mit schwarzem Schleier und allem was dazu gehört.« Im Anschluss veranstaltet die Trauergemeinde einen kleinen Umzug um die Quintinskirche bevor sie zum Leichenschmaus, sprich Heringsessen, übergeht.

Ähnlich geht es am Aschermittwochabend vor dem Weinhaus Bluhm zu. Hier hält »Obermessdiener« Andreas Schmitt eine launige Abschiedsrede auf Prinz Karneval, bevor die vielköpfige Trauerschar zum »Umzug« durch die Altstadtgassen aufbricht: Klageweiber und Messdiener stilecht kostümiert und die Schaulustigen mit Wasser bespritzend, leiert die Narrenschar ihren schauerlich-schönen Klagegesang herunter. Entsteigt die »Leiche« dem Sarg rechtzeitig zum »Leichenschmaus« quicklebendig, wenn auch meist unterkühlt, ist das Aschekreuz auf der Stirn nicht mehr fern.

Katrin Henrich/SoS

INFOS:
In den letzten Jahren nimmt die Zahl der Fastnachtsbeerdigungen stetig zu, dieses Jahr lädt bspw. auch die Garde der Prinzessin zu Beerdigung und Kateressen in ihr Feldlager auf dem Narrenschiff am Rhein ein.
www.garde-der-prinzessin.de


Zusatzverkehr für Fastnachter


Auf den Schienenstrecken und den regionalen Buslinien bietet der Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd (ZSPNV) an den Fastnachtstagen zahlreiche Spät- und Zusatzfahrten rund um Mainz an. Auch im Stadtverkehr Mainz wird das Bus- und Straßenbahnangebot verstärkt. Zum Beispiel an Fastnachtsamstag - wenn Sie nach 1 und teilweise sogar nach 2 Uhr nachts von einem der Maskenbälle (GCV-Maskenball in der Große Turnhalle TGM Mainz-Gonsenheim, Casanovaball im Frankfurter Hof, Maskenball Golden Eye 011 im Casino Zur alten Portland . ) zurückfahren wollen, lohnt sich ein Blick in den MVG-Fahrplan: www.mvg-mainz.de

Außerdem sind von Altweiberdonnerstag bis Fastnachtssamstag zusätzliche Spätbusse nach Mitternacht bis 2 Uhr und Fastnachtsonntag abends jeweils auf den Linien 75/650 Richtung Stadecken und der Linie 660 bis Undenheim unterwegs. Fastnachtsamstag starten nach den Spätzügen nach 1 Uhr ab Mainz noch Zusatzzüge nach 2 Uhr bis Bingen und Worms.

Zum Rosenmontagszug nach Mainz werden insbesondere vormittags zahlreiche Zusatzzüge und Zusatzfahrten auf den regionalen Buslinien eingesetzt.

Als Fahrkarte an Fastnacht bietet sich übrigens die Gruppen-Tageskarte für bis zu 5 Personen an: nach Mainz kostet sie 10 bis 24 Euro. Infos: www.rnn.info.de und RNN-Servicetelefon 01801 - 766 766 (3,9 Ct/Min aus dem Festnetz, Mobilnetze max 42 Ct/Min.).