Heft 268 Februar 2013
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Mainzer Köpfe

Meenzer Drecksäck-Moderatorin Birgit Schütz

Diese Fassenacht ist »annerst«


Birgit Schütz
Birgit Schütz

Das Publikum tobt: »Drecksau, Drecksau, komm, komm, komm«, die Hände der Sitzungsgäste recken sich gen Saalhimmel. Mit Schwung befördern Birgit Schütz und Günter Beck die riesige Plüschsau ins Publikum.

Die »Meenzer Drecksäck« sind in der Mainzer Fassenacht seit 18 Jahren Garant für ungewöhnliche Rituale.

Birgit Schütz ist Gründungsmitglied des Vereins und steht seit 1996 auf der Bühne im Haus der Jugend und überall in Mainz und »uff de ebsch Seit« vor der Drecksäck-Kamera.

Kein Elferrat, kein Narrhallamarsch, keine Garde, nicht mal ein dreifach donnerndes Helau. Stattdessen Familie Becker im Eröffnungsfilm, »Schunkeln« mit Rockband, eine Plüschsau und ein Moderatorenpaar.

Nicht unbedingt alternativ, auf jeden Fall aber »annerst« ist die Meenzer Drecksäck-Fassenacht.

Birgit Schütz konnte mit der Mainzer Fassenacht jahrelang nichts anfangen. 80 Kilometer von Köln entfernt in der Eifel aufgewachsen, erlebte sie dort ab Weiberdonnerstag »Land unter« - aber ganz anders, als hierzulande. Kamen in Mainz die tollen Tage näher, suchte sie das Weite.

In Mainz studierte die 54-Jährige Ende der 70er Jahre katholische Religionspädagogik. 1981 wurde ihre erste Tochter geboren. Zwei Jahre arbeitete sie im Büro der Deutschen Friedensunion, die u.a. die Ostermärsche organisiert. Nach dem Sozialarbeitsstudium folgten vier Jahre im Mainzer Sozialdienst. 1988 wurde die zweite Tochter geboren. Seit 1. Juni 1990 leitet sie das Kinder- und Jugendzentrum AKK in der Kasteler Reduit (Kujakk).

Von der Kneipen- zur Saalfassenacht

»Hier konnte ich mich der Fassenacht nicht entziehen, der Umzug an Fassenachtsamstag in Kastel-Kostheim, der Maskenball im Kasteler Bürgerhaus mit 400 Kindern, mit Kollegen in den Kneipen schnorren - das muss sein.« Zumal Birgit Schütz ihre Lust am Verkleiden und zum Theater spielen gerne auslebt: zuerst in einer Eifeler Laienspielgruppe, dann, einmal, Frauen-Kabarett mit Claudia Wehner (Mainzer Kammerspiele), schließlich Theatergruppe im »Kujakk«.

Bis zur Gründung der Meenzer Drecksäck 1995 brauchte es allerdings noch einiger Initialzündungen: Birgit Schütz organisierte mit Freunden, anlässlich einer Ge­burtstagsfeier, mit viel Vergnügen eine »Kappesitzung«, als Gast der »ErzieherFassenacht« im Mainzer Neustadtzentrum hätte sie am liebsten direkt auf der Bühne mitgemischt, Günter Beck, den sie von der Open Ohr-Projektgruppe kannte, war sowieso der Meinung »wir müsse da was mache« und viele aus dem damals friedensbewegten Milieu machten mit: Rainer Christ, Monika Glaser, Dieter Kramer, Markus Höffer-Mehlmer, Angelika Spautz, .). Im »Muckel« in Gonsenheim gründeten sie den Verein, ein Jahr später zelebrierten sie die erste Drecksäck-Sitzung im Haus der Jugend. Mitgliedsbeiträge, Eintrittsgelder, die Gastro in eigener Hand und der unbezahlte Einsatz aller sind seither Finanzierungsstandbeine des Vereins - und seine Markenzeichen. Es geht auch ohne Quoten: klein aber fein!

Auf der Bühne und vor der Kamera gibt es seither Schütz und Beck fast immer im Doppelpack. Die Rollenverteilung ist klar: in der Familie Becker-Formation (mit »Supermama« Angelika Spautz) gibt Brüderlein Günter als Peter den Held, während Birgit ihre Margit als »dummen Augustin« inszeniert: »Ich spiele gerne Verlierer, die aber nicht untergehen!« Und typische Frauenklischees pariert Birgit Schütz gerne humorvoll-ironisch mit verbalen Schienbeintritten - am liebsten gegen ihren Co-Moderator.

In den Wochen vor und während der Sitzungsperiode herrscht unter den 80 Aktiven der Drecksäck-Ausnahmezustand. Birgit Schütz mag das, alle Widrigkeiten des Lebens treten in den Hintergrund, der Spaß, mit allen zusammen so etwas auf die Beine zu stellen, überwiegt.

Die Frage nach einem persönlichen Sitzungshöhepunkt kann sie nicht eindeutig beantworten - klar, ein echter Drecksack sieht alle anderen Drecksäcke gerne. Aber ein besonders schöner Augenblick bei jeder Sitzung fällt ihr dann doch ein: »Meine manchmal leicht sexistische Ansage der Männertanzgruppe.« Das liege zwar auch an deren »erotischer Formation« stellt die Moderatorin klar, mehr aber daran, »dass ich in diesem Moment weiß, gleich kommt das Finale, die Sitzung ist sozusagen gelaufen und jetzt kann nicht mehr viel schiefgehen.«

Hat Birgit Schütz nach 16 Sitzungsperioden schon mal ans Aufhören gedacht? »Warum denn?« so die erstaunte Reaktion, dann etwas nachdenklicher: »Natürlich fragen wir uns manchmal, wie viele Jahre wir noch die Becker-Kinder spielen wollen.«

Den Gepflogenheiten treu bleiben

Eigentlich sei klar, dass andere, jüngere mehr zum Zuge kommen sollten, aber dann verändere sich die Drecksäck-Fassenacht - was sich, so hat es den Anschein, die Aktiven noch nicht recht vorstellen können und mögen.

Also bleiben bis auf weiteres die Meenzer Drecksäck ihren Gepflogenheiten treu: »Wir haben nie versucht, in eine größere Halle zu gehen, unsere Aktiven bekommen immer noch kein Geld - außer den Verpflegungsgutscheinen, Frauen sind bei uns nicht nur Beiwerk, wie in anderen Fassenachtsvereinen.«

Außerdem gibt es echte Drecksäck nicht bei anderen Sitzungen zu sehen - das könnte allerdings damit zusammenhängen, dass »die Uferlosen« oder ein »Prediger« a la Herbert E. Eisenhut andernorts aus dem Saal fliegen würden.

SoS

Infos:
www.meenzer-drecksaeck.de
Die Sitzungskarten sind heiß begehrt, die Platzkapazität im Haus der Jugend ist begrenzt und es gilt: Vereinsmitglieder zuerst. Auf der Website gibt es aber eine Tauschbörse.