Heft 268 Februar 2013
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Fernsehfastnacht

Quoten und Zeitgeist:

Hat die Fernsehfassenacht ausgedient?


Dr. Dieter Brandt
Dr. Dieter Brandt

Sein Opa war Arzt wie sein Vater. Auch seine Brüder wurden Mediziner. Nur er wollte da nicht mitmachen und wurde Jurist. Dr. Dieter Brandt ging immer seinen eigenen Weg. Auch in der Mainzer Fastnacht, deren Gesicht er als »Till« Jahrzehnte lang prägte. Heute ist die Fernsehfastnacht für ihn eine Klamauksendung, jedenfalls keine gesellschaftspolitische Bühne wie zu ihren Anfangszeiten. Auch ohne besinnlichen Töne mehr, die schrillem Lachen gewichen seien.

Im Gespräch mit dem MAINZER erinnert der bald 75-Jährige, heute in Wiesbaden wohnende TV-Fastnachter von einst, an die ersten TV-Sitzungen, deren Ziel es war, der politisch-literarischen Fastnacht im damals neuen Medium Fernsehen eine Plattform zu bieten. 1958 hatte er seine Bildschirm-Premiere, kam er als angehender Twen zu Fernsehehren. Als »Götze Mammon«, der den Modewahn von damals auf die Schippe nahm. »Auch der Pulli sitzt recht streng, eins zwei Nummern meist zu eng... Pelzmantel, Monroefigur, kohlkopfähnliche Frisur. Und das Ganze ist, wen wundert`s? Die Frau des 20. Jahrhunderts.«

Der Vortrag war der Lektüre der Lokalzeitung zu verdanken. Der Mainzer Carneval Club (MCC) suchte dort Nachwuchs für seine Rednerschule. Also schmiedete der frisch gebackene Abiturient seine Verse und stellte sie dem literarischen Ausschuss des Vereins vor, in dem damals neben Clubchef Jakob Wucher auch Adolf Gottron und Karlheinz Franko saßen. Eine Herrenrunde, die an dem jungen Mann und seinem Vortragsstil Gefallen fand und ihn gleich bei der Generalversammlung des MCC auf die Bühne stellte.

Zuerst war Götze Mammon

Dieter Brandt als Götze Mammon
Fastnachtspionier Dr. Dieter Brandt als Götze Mammon in der Mainzer Bütt im Jahre 1957.

Nach seiner Premiere als »Götze Mammon« schlüpfte Brandt auf Bitten des MCC ins Till-Kleid, in dem er ab 1959 mit einigen Unterbrechungen fast drei Jahrzehnte dem Narrenvolk die Leviten las. Zusammen mit dem »Bajazz mit der Laterne«, Dr. Willi Scheu, der wie Brandt seine Gesellschaftskritik ebenfalls in geschliffenen Versen verpackte. »Das hat Arbeit gemacht.« Viel Dutzend Stunden hat der Jurist, der sich später als Anwalt auf Baurecht spezialisierte und damit sehr erfolgreich war, jährlich in seine Reime gesteckt, in Themenfindung und Verseschliff. »Im September habe ich meistens mit der Arbeit angefangen, auf Zetteln Themen und Sprichwörter gesammelt, die sich wie ein roter Faden durch meine Vorträge zogen. Im November kam dann der Testlauf in der Generalversammlung des MCC.« Im Anzug, noch nicht im Kostüm, lotete er bei seinem Stammverein dann erstmals aus, wie sein Vortrag beim Publikum ankam.

Nicht immer kam Brandt im Tillkleid mit großem Spiegel und Schellenkappe. 1983 zum Beispiel, vor der damals anstehenden Bundestagswahl, bei der die Grünen erstmals ins Parlament einzogen, trat er in roter Hose und schwarzem Hemd vor sein Publikum: »Und wart's mal ab, das ist das beste, bis nach der Wahl, dann weiß ich auch, ob künftig ich' ne schwarze Weste oder ein grünes Beinkleid brauch!« Ein Jahr später trug er statt des Spiegels eine große Zeitung in der Hand, mit der er auf die damals modischen Enthüllungsgeschichten in den großen Meinungsmagazinen aufmerksam machen wollte. 1986 kam er mit einem riesigen Tennisschläger, dazu in Turnschuhen wie Joschka Fischer, der sich in Wiesbaden so gestylt zum Minister krönen ließ. Der Tennisschläger sollte an Boris Beckers Wimbledon-Erfolg erinnern. Doch weil damals auch Willi Görsch als Tennis-Trottel mit einem Schläger in Erscheinung trat, gaben die Fernsehmacher dem Kokolores-Redner auf dem Bildschirm den Vorzug.

Quote statt Qualität

Dieter Brandt als Till
Der Till, Dr. Dieter Brandt, und seine Attribute: Schellenkappe, Schnabelschuhe, Schellen, Spiegel.

»Damals wurde klar, dass die Programmverantwortlichen eigentlich gar keine Politik in der Fernsehfastnacht mehr wollten.« Immer häufiger wurde er gebeten, Themen wegzulassen oder neue reinzunehmen. Als Bevormundung empfand er das, als Affront gegen das freie Narrenwort. 1988 artikulierte er sein Unbehagen gegenüber der Entwicklung der Fernsehfastnacht in einem Buch. »Es ist nicht leicht, ein Narr zu sein«, ein längst vergriffenes und heute auch antiquarisch kaum zu beschaffendes Werk, wurde zur Abrechnung mit den Fernsehmachern und den die Sendung tragenden Vereinen, die nach Brandts Ansicht zu wenig taten, die politisch-literarische Fastnacht zu verteidigen. »Die sind eigentlich auch heute noch nur an hoher Einschaltquote und den Fernsehgeldern interessiert, nicht an politisch-literarischer Qualität«, klagt er im Gespräch mit dem MAINZER. Allerdings hat er Verständnis für die Vereine, welche die Fernsehgelder dringend zur Finanzierung des Rosenmontagzuges brauchen.

Die Veröffentlichung des Buches 1988 war seiner Ansicht nach auch Ausschlag gebend, dass er 1989 trotz großer Erfolge in der Mainzer Saalfastnacht nicht mehr für einen Bildschirm-Auftritt nominiert wurde. »Keiner der Programmverantwortlichen«, kritisierte er damals in einem Leserbrief an die Lokalzeitung, »hat den Mut, offen zu sagen, dass sie die klassische politisch-literarische Fastnacht mit den notwendigerweise ernsten und leisen Tönen heute nicht mehr wollen. Gute und pointenreiche politische Prosavorträge sind nicht identisch mit den ernsten und tiefgründigen geschliffenen Versen des klassischen Narren.« Auch Jürgen Dietz, der »Bote vom Bundestag«, sagte er heute, »macht ja keine politischen Vorträge. Er macht Witze über Politiker.«

Schon Ende der 1960er Jahre hatte sich der Vorzeige-Jurist Brandt den Unmut der Fernsehmacher und vieler närrischer Funktionäre zugezogen, als er eine Handvoll Redner zu einer Veranstaltung in eine Mainzer Gaststätte einlud, um sich der Fernsehfastnacht in der gewohnten Form zu verweigern - ein närrischer Staatsstreich, den ihm viele übel nahmen. Dabei wollte er nur mehr Rechte für die Redner einfordern, denen er vorschlug, eine eigene Sendung auf die Beine zu stellen und jeden Aktiven zu entlohnen, wobei die Gagen sozialen Zwecken zugute kommen sollten. TV- und Vereins-Bosse aber wussten die Gründung einer Art Redner-Gewerkschaft zu verhindern. »Hinter den Kulissen haben mir die Redner Recht gegeben, öffentlich aber haben sie mich als Buhmann dastehen lassen.«

»Bin kein Fastnachter«

Till
Die Symbolfigur des Mainzer Carneval Clubs zeigt einen Narren mit Schellenkappe und einer Marotte.

»Ich hätte gern weiter ge­macht«, erinnert er sich an seinen Abschied von der Fernsehbühne, »aber nicht in dem Umfeld und mit dem Anspruchsdenken, das die Fernsehverantwortlichen da­mals an den Tag legten.« Brandt tröstete sich mit neuen Vortragsforen, formulierte bei Festen von Golfern oder Bridge-Spielern seine Gedanken in Versform. Und auch in der einen oder anderen Werbeveranstaltung pries er neue Produkte gern in Reimform.

Die Welten eines Stefan Raab oder Harald Schmidt sind nicht mehr seine. »Heute geht es nur noch um Schadenfreude und Sarkasmus, will man Leute fertig machen. Für Besinnlichkeit ist kein Platz mehr.« Die Zeiten, stellt er fest, haben sich gewandelt. »Heute«, sagt er, »sind die Narren, die wir in den 1950er und 1960er Jahren verkörperten, die Moderatoren in den großen Fernsehanstalten - Männer und Frauen wie Claus Kleber oder Marietta Slom­ka, die gesellschaftliche Zusammenhänge und Hintergründe geistreich erklären und nicht nur nach Schenkelklopfern schielen.«

Als Fastnachter, bekennt er im Interview mit dem MAINZER, habe er sich nie verstanden. »Fastnachter ist einer, der bei Dauer-Schneetreiben sich aufs Pferd setzt und durch die Straßen reitet. Ich war nur ein Freund des guten Vortrags.« Auch in Ober-Olm übrigens, wo er lange Jahre lebte. Mit seinem Stammverein, dem MCC, hat er längst wieder Frieden geschlossen, ist er hin und wieder Gast. Dort, freut er sich, ist die Fastnacht zuhause, spielen auch lokale Themen eine Rolle. Die Fernsehsitzung dagegen sieht er sich dieses Jahr nicht mehr an. »Politische und literarische Vorträge haben die TV-Fastnacht groß gemacht. Bei Ernst Negers besinnlichem »Heile, Heile Gänsje« standen den Leuten die Tränen in den Augen. Das will das Publikum heute nicht mehr! Aber Klamauksendungen gibt es genug, deshalb verliert die Fernsehfastnacht auch ja jedes Jahr an Zuschauern.« Es ist der weise Narr, der aus ihm spricht, der Till, der dieses Jahr 75 Jahre alt wird. Einer, der wirklich Fastnachtsgeschichte geschrieben hat.

Günter Schenk