Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

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Studieren
»Orchideenfächer«

Bücherwürmer sind bei Verlagen beliebt


Student
So viele Bücher liest Buchwissen­schaftsstudent Sören Ohle üblicher­weise nicht auf einmal: »Normaler­weise vertiefe ich mich in eines nach den anderen.«

Mainz ist einer der vielfältigsten Hochschulstandorte Deutschlands. DER MAINZER stellt außergewöhnliche Studienfächer von Uni und FH vor: Wer sie studiert, was man dabei lernt und wie die Jobchancen nach dem Abschluss stehen.

Sören Ohle
hatte schon früh einen recht originellen Berufswunsch: Als Grundschüler wollte er Lektor werden. Er stellte sich vor, wie großartig es wäre, für das Bücherlesen bezahlt zu werden - und noch dazu fürs Besserwissen. »Ich dachte, dass Lektoren so eine Art graue Eminenz sind«, grinst der heute 23-Jährige. Doch in der Oberstufe kühlte die Begeisterung für diesen Beruf ein wenig ab.

Er erfuhr, dass Lektoren nicht nur Literaturkenntnis, sondern besonders auch betriebswirtschaftliches Denken mitbringen müssen, und dass sie im Verlagsbetrieb heutzutage nur sehr wenig Zeit haben, einzelne Autoren zu betreuen. Seine Liebe zu den Büchern war aber ungebrochen, und so entschied er sich, nach dem Abitur aus seiner Heimat in Nordrhein-Westfalen nach Mainz zu ziehen, wo man Buchwissenschaften studieren kann.

Die Johannes Gutenberg-Universität ist die einzige Hochschule in Deutschland mit einem eigenen Institut für Buchwissenschaften, was angesichts des berühmtesten Sohnes der Stadt und Namensgebers der Hochschule kaum verwundert. An anderen Hochschulen gibt es zwar einzelne Lehrstühle für das Fach, diese sind jedoch in andere Institute eingegliedert, zum Beispiel in München (Germanistik), Erlangen und Leipzig (jeweils Medienwissenschaften).

Das Fach Buchwissenschaften gibt es seit der Neugründung der Uni Mainz 1947. Den ersten »Gutenberg-Lehrstuhl«, damals noch eine Stiftungsprofessur der Stadt Mainz, besetzte Aloys Ruppel, der auch gleichzeitig Direktor des Gutenberg-Museums war und als Urvater der Gutenberg-Forschung gilt.

1959 wurden die Buchwissenschaften zum regulären Studiengang. Heute studieren 857 junge Menschen das Fach in Mainz, 159 Studierende werden pro Jahr neu aufgenommen.

Die Buchwissenschaften sind ein Fach, das mehr mit der Zeit geht, als man zunächst annehmen würde. In den ersten Jahren widmete sich das Fach ausschließlich der Gutenberg- und Frühdruckforschung. Heute lernen die Studenten nicht nur etwas über Typografie, Geschichte des Buches und des Verlagswesens.

»Das Studium hat für eine Geisteswissenschaft einen ungewöhnlich hohen Praxisanteil« erklärt der Institutsleiter Professor Stephan Füssel. In zwei institutseigenen Druckereien - einer traditionellen und einer modernen Digitaldruckerei - wird auch das Handwerk gelehrt. Auch E-Books sind durchaus Lehr- und Forschungsgegenstand. Das macht die Studierenden zu interessanten potentiellen Mitarbeitern für Verlage.

Jobkontakte dank Pflichtpraktika

Professor Stephan Füssel
Professor Stephan Füssel leitet seit 1992 das Institut für Buchwissen­schaften an der Mainzer Uni

»Gut 80 Prozent unserer Absolventen finden einen Arbeitsplatz in der Verlagsbranche«, erklärt Füssel. Andere fänden Jobs in der Öffentlichkeitsarbeit oder bei Museen. Das gelte auch für Bachelor-Absolventen, die während ihres Studiums mindestens ein sechswöchiges Fachpraktikum absolvieren müssen.

»Da werden oft schon die ersten Kontakte zum zukünftigen Arbeitgeber geknüpft«, weiß der Professor. Eine weitere Kontaktbörse für die Studierenden sei beispielsweise die jährlich stattfindende Tagung »Mainzer Kolloquium« an der Uni, die das Institut mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels organisiert.

Eine weitere Besonderheit der Mainzer Buchwissenschaften: Als eines von wenigen geisteswissenschaftlichen Fächern hat es einen Numerus Clausus. Dieser bewege sich um einen Notendurchschnitt von 2,0, berichtet Professor Füssel. Aber nicht nur ein guter Abischnitt kann zum Studium befähigen: Auch Bewerber mit Fachhochschulreife, die eine einschlägige Berufsausbildung absolviert und mindestens zwei Jahre Berufserfahrung haben, können eine Eignungsprüfung ablegen.

Für sein internationales Renommee sorgt das Institut mit seinen Gutenberg-Jahrbüchern, die regelmäßig zur Johannisnacht im Juni erscheinen und aktuelle Ergebnisse der Frühdruckforschung in fünf Sprachen (deutsch, englisch, französisch, italienisch, spanisch) beinhaltet. Die Gestaltung des Einbands wird jedes Jahr als Wettbewerb für Studenten an einer anderen Hochschule ausgeschrieben. Zudem ist das Institut an der Verleihung des Gutenberg-Preises der Gutenberg-Gesellschaft und der Stadt Mainz beteiligt.

»Mainz liest ein Buch« kommt zurück

In der Stadt erhielt der Fachbereich im Februar 2005 Aufmerksamkeit mit dem Literaturfestival »Mainz liest ein Buch« rund um die »Fastnachtsbeichte« von Carl Zuckmayer. Damals organisierten Studierende Lesungen und Performances. Kardinal Karl Lehmann predigte zum Thema sogar im Dom, der im Buch eine zentrale Rolle spielt. In diesem Jahr wolle man wieder mit der Stadt ein Buch lesen, verrät Professor Füssel. Um welches es diesmal gehen soll, wird nicht verraten, einen Favoriten gebe es aber schon.

Sören Ohle, der gerade im 3. Mastersemester studiert, nennt sich selbst in Bezug auf seine Studienplanung »konservativ«. Seine Beobachtung: »Die meisten meiner Kommilitonen sind mit dem Ziel gestartet, auf jeden Fall auch einen Master zu machen. Dann haben sie sich aber umentschieden, als sie feststellten, dass sie auch mit dem Bachelor-Abschluss schon einen Job bekamen.« Während manche Kommilitonen schon nach dem ersten Abschluss bei Verlagen oder anderen Medienunternehmen eingestiegen sind, hat er vor, nach dem Master auch zu promovieren, denn er hat einen neuen Traumjob als Ziel:

Er möchte Kurator in einem Museum werden. Seine Bachelor-Arbeit hat er zum Thema »Konzeptionelle Probleme von Literaturausstellungen am Beispiel des Literaturmuseums der Moderne in Marbach« geschrieben. Das Museum in der Schiller-Stadt wäre auch einer seiner bevorzugten Arbeitgeber.

Alice Gundlach