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pad-Mitbegründerin Nic Schmitt

Spontan, assoziativ - total inszeniert


Nic Schmitt
pad-Mitbegründerin Nic Schmitt

Ich traf mich mit ihr noch vor dem Weltuntergang, dem für den 21. Dezember angekündigten. »Für uns war klar, das letzte was wir tun möchten, bevor die Welt vielleicht wirklich untergeht, ist eine Performance.« Also konzipierten sie »Das Ende«, den interaktiven Weltuntergang.

Sie, das sind Schmitt&Schulz, die das pad in der Leibnizstraße bespielen und am liebsten im Doppelpack auftreten. Zum Interview vor dem Weltuntergang trat Nic Schmitt in der MAINZER-Redaktion ausnahmsweise solo auf.

Das Studium (Theaterwissenschaften, Ethnologie, Philosophie) wies in die »richtige« Richtung, schien ihr aber zu theoretisch: »Ich wollte in die Praxis«, erklärt Nic Schmitt, warum sie die Uni ohne Magister verließ.

Geboren ist die 37-Jährige in Rüsselsheim, wo sie 30 Jahre lebte. Lange hieß ihr Berufswunsch: Archäologin. Für Kunst interessierte sie sich wenig, konnte leidlich gut malen, erste Bezüge zum Schauspielen entstanden im Gymnasium, in der Theater AG.

»Nach dem Abi wollte ich Schauspielerin werden, habe an vielen Orten vorgesprochen und ehrenamtlich die Theater AG in der Schule weitergeleitet.« Dabei wurde ihr Interesse fürs Regieführen deutlich, sie machte kleinere Inszenierungen in der freien Szene, was damals in Rüsselsheim Dank der recht guten Fördersituation noch einigermaßen funktionierte.

Selbst über Wasser halten


Aktuell bezeichnet Nic Schmitt ihre finanzielle Lage ganz offen und sachlich als prekär. Die pad-Mitbegründerin ist »Aufstockerin«, d.h. die Agentur für Arbeit zahlt zu, damit sie überleben kann. Seit im kulturellen Bereich immer mehr gekürzt wird, sind immer mehr Kulturschaffende zu ALG II-Empfängern geworden: »Man muss Geld verdienen, um seine Kunst machen zu können, umgekehrt funktioniert es leider nicht«, stellt sie fest fest.

»Es ist möglich, dass wir uns ab 2014 selbst über Wasser halten können«, blickt Nic Schmitt vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Das würde bedeuten, Miete und Nebenkosten fürs pad, der Lebensunterhalt von Schmitt&Schulz - alles auf Sparflamme. Rücklagen für Krankheit und Altersvorsorge? Eher nicht. »Wir achten auf unsere Ernährung, treiben viel Sport - das ist aktuell unsere Investition in die Gesundheit.«

»Naginata«, japanisches Lanzenfechten, war bis vor zwei Jahren Schmitts Lieblingssport. Aus Zeitgründen steht mittlerweile Laufen und Kraftsport auf dem Programm.

Zum Entschleunigen besucht Nic Schmitt Mittelaltermärkte, entsprechend gewandet. Das eine und andere Outfit nähe sie sich selbst, mit der Hand. »Ich habe dann auch kein Handy dabei, wobei das ist sowieso ein ,oldschool-Handy', ich muss nicht ständig E-Mails checken und über Facebook kommunizieren.« Manchmal reagiere sie auf diese Kommunikation allergisch: »Kaum jemand konzentriert sich auf das, was gerade gesprochen wird, die meisten schreiben zwischendurch im Handy.« Im Grunde werde zu wenig erzählt, mit Worten berichtet, wie etwas war, stattdessen würden Fotos gezeigt, als Beweis, dass man auch wirklich da war.

Nic Schmitt hat andere Vorstellungen von Kommunikation, die sich spiegeln in den Ansprüchen, den Wirkungen ihrer Performance-Arbeit: weniger diskursiv, eher emotional und assoziativ, aus dem Unterbewusstsein he­raus. »Oft ist es interessanter ohne Plan an etwas heranzugehen, sich selbst zu überraschen - aber Performance bedeutet eben auch zu inszenieren, das wird häufig vergessen oder übersehen, denn es wirkt spontan und privat, tatsächlich aber ist es total inszeniert.« Abstraktion auf der Bühne sei super super schwer, bekennt sie und: »Wir sind der festen Überzeugung, dass Performance eine extrem massenkompatible Kunstform ist, sie kann unterhaltsam und gleichzeitig tiefgründig sein.« Außerdem müsse das Dargebotene auch die Zuschauer ansprechen: »Uns ist die Kommunikation mit dem Publikum wichtig.«

Schmitt&Schulz müssen mit ihren Gastspielen andernorts Geld verdienen, der Verein bezahlt die Arbeit fürs pad, es gibt eine ge­ringe institutionelle Förderung von der Stadt fürs pad und eine Förderung über Projektmittel, z.B. für das Internationale Festival, das sie im Rahmen des Kultursommers RLP organisieren. Trotzdem muss »aufgestockt« werden.

»Ich gehe grundsätzlich von einem tendenziell prekären Dasein aus - auch auf Dauer, aber ich kann mir keine andere Arbeit vorstellen. Ich versuche mein Leben so zu leben, dass ich nicht abtreten muss mit einer langen Liste, auf der all die Dinge stehen, die ich gerne noch gemacht hätte.« Nic Schmitt schließt aber auch nicht aus, irgendwann festzustellen, dass sie keine Kraft mehr für diese Arbeit habe oder sich andauernd frustriert zu fühlen - eine Haltung, aus der heraus sie nicht arbeiten könne.

Den »inneren Zensor« wegsperren


Ob es soweit kommt ist ebenso (un-) gewiss wie der Weltuntergang, viele Ideen und Pläne sind noch umzusetzen. Im Rahmen der letzten Museumsnacht haben Schmitt&Schulz eine Dauerperformance von acht Stunden gemacht und daraus wiederum eine Inszenierung. »Es ist interessant was alles entstehen kann, wenn aufgrund der fortdauernden Anstrengung der ,innere Zensor' weggesperrt wird, wenn sich das Gehirn abschaltet, weil es nicht mehr kann und fast nur noch spontane, assoziative Reaktionen, Handlungen entstehen - was allerdings nur mit einem Partner funktioniert, den man sehr gut kennt, dem man vertraut.«

SoS