Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

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Gesucht & Gefunden
Fundsachenversteigerung

»Zum Ersten, zum Zweiten ...«


Fundsachen
Kistenweise stapeln sich die Fund­sachen

Es ist Donnerstag halb zwei. Trotz der Mittagszeit hat sich eine große Anzahl Menschen vor dem Sitzungssaal im Mainzer Kreyßigflügel versammelt. Gleich beginnt hier der erste von zwei Auktionstagen, an denen die Stadt die Sachen aus ihrem Fundbüro versteigern wird.

»Ich bin zum ersten Mal dabei, suche aber nicht zielgerichtet, hoffe einfach auf ein Schnäppchen«, meint Student Daniel Toth wartend auf den Stufen hockend, und Freundin Valerie von der Burg fügt hinzu: »Ich bin aus reinem Interesse dabei, ich will einfach mal schau­en, wie so eine Versteigerung abläuft.«

Überraschungen inklusive

Als ob es um einen Sonderschlussverkauf ginge drängen sich beim Einlass ungeduldig junge wie ältere Menschen in den Raum, an dessen Fensterfront zig Kisten stehen und auf der anderen Seite ungefähr 30 Fahrräder.

Andrea Müller-Bölli kommt seit fünf Jahren zu den Versteigerungen. »Man wundert sich immer wieder, was verloren geht. Es waren sogar mal zwei Geigen dabei.« Meist lasse sie sich überraschen, »was es so gibt«, und freue sich über die Gelegenheit, eine günstige Sache zu erstehen. Heute suche sie speziell nach einem Fahrrad. Aber nicht nur die Angebote gefallen der Mainzerin, auch die Veranstaltung: »Herr Fuchs macht es gut.«

Seit der Eröffnung des Fundbüros in der Stadtverwaltung 1979 ist dessen Leiter Klaus Fuchs auch Auktionator der ein Mal im Jahr organisierten Versteigerungen. »Ein Unikat«, nennt ihn einer der Besucher, denn allein seine trockene, humorvolle Art sei schon einen Besuch wert.

Und als ob Fuchs dies unter Beweis stellen wollte, weist er die Teilnehmer gleich zu Beginn eindringlich darauf hin, dass jeder die Versteigerungsbedingungen, die während der Auktion für alle zugänglich sein und im Saal ausliegen müssen, gelesen haben sollte.

Sofortige Barzahlung sei Pflicht, »in Euro, nicht in Dollar oder Rubel«, scherzt er ohne dabei die Miene zu verziehen, und an die potentiellen Bieter gewandt: »Wenn ich jemanden nicht sehe, muss er schreien.«

Los geht es mit den ersten Tüten, aus denen der Auktionator eine Regenjacke, ein Radlerhemd, einen Hut und ein Kinder T-Shirt zieht. Nacheinander beschreibt er jedes Teil lakonisch als »neu« oder »nicht neu«, liest, wenn vorhanden, das Preisschild vor, erwähnt die Produktmarke und hält es für das Publikum sichtbar in die Höhe.

Drei Euro legt er daraufhin für alle Stücke fest und erhöht um je einen Euro pro Gebot. Eindrucksvoll setzt der Auktionsleiter dafür seine Arme und Finger ein, indem er auf die Bieter zeigt, die sich per Hand melden, und dabei mehrmals das aktuelle Gebot in den Saal ruft.

Nach ein paar Minuten heißt es dann: »Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten« - Fuchs schließt ohne den üblichen Auktionshammer den Verkauf ab, für 13 Euro sind die Tüten versteigert.

Weitere Kleidungsstücke folgen und gerade als Stammbieter Nils Ohl erwähnen will, dass er es vor vier Jahren bei seinem ersten Mal »hier lustig fand«, wird er jäh von Klaus Fuchs unterbrochen, der mit lauter Stimme eine Damenjacke anbietet und sie einer Frau mittleren Alters näher zeigt. Diese springt kurzerhand auf, zieht sie an und läuft ein paar Schritte im Saal herum, woraufhin das Publikum lachend applaudiert. Schließlich ersteigert das vermeintliche Model den Mantel für elf Euro.

Als der Auktionator zu den Fahrrädern auf die andere Seite des Raums geht, folgen ihm vor allem junge Leute, die restlichen Teilnehmer bleiben sitzen. Umrundet von der Menge setzt Fuchs den Preis mal bei fünf, mal bei zehn und sogar bei 20 Euro an, je nach Zustand des Rades, und obwohl er jetzt in Fünf-Euro-Schritten bieten lässt, ist das Interesse groß.

»Letztes Jahr gab es mehr Räder. Vor zwei Jahren habe ich drei ersteigert von fünf bis 15 Euro, sie repariert und dann an Freunde verschenkt. Der Einsatz lohnt sich«, erzählt Student Ohl. Auch heute sei er mit dem Kauf eines Markenrades trotz des platten Reifens zufrieden, schließlich habe er nur einen Mitbieter gehabt und könne es für 15 Euro mit nach Hause nehmen.

Alles muss weg!

Versteigerung
Mit seinen Händen und Fingern zeigt Klaus Fuchs an, wenn Gebote abge­geben wurden

An beiden Tagen dauert die Auktion fünfeinhalb Stunden, keine Seltenheit, wie Fuchs bemerkt, aber »alles muss weg« lautet seine Devise, auf keinen Fall soll etwas zurück ins Fundbüro - und deshalb werde versteigert bis zum letzten Stück. »Kleidung, Rucksäcke und Taschen haben wir jedes Jahr am meisten, und auch immer sehr viele Räder«, erklärt er die Mengen an Fundsachen.

»Kaufhäuser und Geschäfte aus dem gesamten Stadtgebiet geben die Sachen, die Kunden bei ihnen liegen lassen, bei uns ab. Die Fahrräder bringt uns die Polizei.« Insgesamt 2.500 Euro sind bei der diesjährigen Versteigerung zusammengekommen, die in die Stadtkasse fließen.

Die Auktionstage will Klaus Fuchs noch so lange leiten, wie er kann, sagt er, und damit heißt es auch in diesem Winter wieder: Ihr Gebot, bitte!

KH

Infos:
www.mainz.de mit dem Suchwort »Fundbüro« geht es am schnellsten!