Der Mainzer - Die Stadtillustrierte

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Pro & Contra
Europäisches Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen

Brauchen wir so viele Hiobsbotschaften?


yyy Nimmt die Berichterstattung über die alternde Gesellschaft überhand? Oder brauchen wir noch mehr »Anreize«, um dem Altern aktiv zu begegnen? Zwei Autorinnen, zwei Meinungen.

Bloß nicht alt werden!

Sicherlich: Die Herausforderungen, die aufgrund des demografischen Wandels in den nächsten Jahrzehnten in Deutschland auf uns zu kommen, können nicht ignoriert werden.

Eben erst endete 2012, das »Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen«. Eine Kampagne, die die Vorzüge des Alterns, die Wertschätzung älterer Menschen und ihre Beiträge in unserer Gesellschaft mit Initiativen hervorheben sollte.

Aktivismus und Aktionismus für ein generationsübergreifendes Miteinander. Das klingt gut. Auf der zugehörigen Website liest sich der Einleitungssatz jedoch rückblickend wie eine Bestätigung meiner Gedanken: »Haben Sie Angst vor dem Älterwerden? Machen Sie sich Sorgen um Ihren Platz in der Gesellschaft, wenn Sie 60, 70 oder 80 Jahre alt sind?«

Dies kann ich ganz klar mit Ja beantworten. Warum? Weil mein Eindruck vom letzten Jahr der war, dass sich die Themen um ein Vielfaches mehr um die problematischen Aspekte des Älterwerdens drehten: Ob Altersarmut, Demenz, Gewalt in Senioreneinrichtungen, Vereinsamung, geringe ambulante Versorgung oder Alterdiskriminierung - die drastischen Darstellungen über miserable Behandlungen alter Menschen, Senioren am Rande des Existenzminimums oder zerrüttete Familien mit an Alzheimer erkrankten Partnern oder Eltern häuften sich, Krankenkassen und Sozialorganisationen schlugen außerdem Alarm über zunehmende Bettfixierungen in Altersheimen und das Ruhigstellung von Patienten mit Medikamenten.

Eine große Boulevard-Zeitung brachte es in ihrer typisch plakativen Art auf den Punkt und titelte: »Wehe, du wirst alt und schwach.« Nein danke, nach dieser negativen Berichterstattungsflut möchte ich mir das nicht vorstellen.

Auch wenn mein Renteneintrittsalter noch in sehr weiter Zukunft liegt, die Hiobsbotschaften von heute lassen mich bereits mit Unsicherheit auf meinen Lebensabend schauen. Was ist, wenn sich bis dahin nichts geändert oder die Lage sich verschlimmert hat?

Längst sind die sozialen Sicherungssysteme überlastet, der »Kampf der Generationen« hinsichtlich der Rente hat längst begonnen hat. Also wird aus allen Richtungen ständig dazu geraten, nahezu gedrängt, selber in jungen Jahren vorzusorgen, zur Vermeidung jeglicher kritischer Lebenssituationen, die einen als alter Mensch ereilen kann. Wenn nicht, könnte es ansonsten zu spät sein.

KH

Alt werden - gerne informiert!

Ausblenden, wegschieben - normale Gewohnheiten ganz normaler Menschen. Älter und alt werden ist anstrengend genug. Auch noch darüber nachdenken? Das macht nur schlechte Laune.

Selbst gestalten, selbst ma­chen zu können - es ist wesentlich, für ein selbstbestimmtes Leben. Egal wie alt man ist.

Die altersbedingten Einschränkungen können minimiert werden. Durch teils banale Veränderungen: Die Dusche bodengleich, die Eingangstür so breit, dass man mit je einer Einkaufstasche rechts und links durchkommt (dann passt auch der Rollator durch). Klar kann man die Anpassungen vornehmen, wenn sie gebraucht werden. Oder eben früher, wenn das Nervenkostüm die Suche nach den passenden Handwerkern noch gut aushält. Wenn man gerade genügend Geld zur Verfügung hat.

Klar bleibt es jedem und jeder selbst überlassen, ob man sich mit den Themen beschäftigen will. Ob neugierig, aufgeschlossen. Oder verbissen, ablehnend.

Klar ist auch, je mehr darüber berichtet wird, je häufiger sich Menschen darüber unterhalten, desto mehr Menschen beschäftigen sich mit diesen Themen. Auch mit den unangenehmen. Gerade mit denen. Keiner möchte im Pflegeheim festgebunden sein. Also könnte man genauer hinschauen, beim Besuch der Großtante im Altenheim. Und versuchen, mit den eigenen Eltern über deren Wünsche zu sprechen.

Nein, es macht keine Freude dem eigenen Altern durch die Fratze der medialen Hiobsbotschaften entgegenzusehen. Aber, es ist unschön, dennoch eine Tatsache: Damit sich viele Menschen mit dem Thema beschäftigen, müssen verschiedene Formen der Ansprache genutzt werden. Manche reagieren nur auf die brutalstmögliche: auf Fotos von einer Pflegkraft, die erkennbar eine alte Dame misshandelt.

Vielleicht wird dann der Schalter im Hirn umgelegt: ich muss mich kümmern, vorsorgen, etwas tun?

Es mag sarkastisch klingen, aber ich empfinde diese Berichte teilweise als unbedingt notwendige Korrektur des schönen Scheins aus der Werbung, die suggeriert, Altwerden sei ein Kinderspiel. Die Mehrzahl der Rentner wird in den nächsten Jahren finanziell nicht mehr so gut ge­stellt sein, wie zurzeit. Wie kommen wir trotzdem so selbstbestimmt wie möglich bis ans Ende unserer Tage? Es braucht viele Menschen, die sich beschäftigen, die Ideen entwickeln, ausprobieren, vorleben. Deshalb braucht es noch viele Kampagnen und Berichte.

SoS