Heft 267 Dezember 2012
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Straßen

Raus aus der Poppelreuterstraße.

... rein in den ­Sonnengarten


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Der Name einer Straße verleiht ihren Bewohnern auch immer ein Stück Identität. Nicht nur, dass sie so von der Post gefunden werden. Nein, es ist viel mehr. Wer würde nicht gerne in der »Schlossallee« wohnen oder »Im Paradies«? Und wer möchte in einer Pickelstraße seine Pubertät verbringen? Die meisten Mainzer sind allerdings nicht mit solch ungewöhnlichen Straßennamen gesegnet oder bestraft. Eine Vielzahl wohnt unter ganz sachlichen Namen: Haupt, Hafen, Elbe, Ahorn . Dann gibt es noch die, deren Straße oder Platz einen echten Namen bekommen hat: Willy Brandt, Konrad Adenauer, Schiller, Goethe, .

Genau hier liegt die Crux: Denn nicht jeder, der seinen »guten« Namen für eine Straße hergegeben hat, sollte damit geehrt werden. Bestes Mainzer Beispiel: die Poppelreuterstraße in der Oberstadt. Seit Jahrzehnten heißt diese Nebenstraße der Hechtsheimer Straße so - und dann hat sich plötzlich einer Gedanken darüber gemacht, wer der Namensgeber war: Der Neurologe und Psychiater Walter Poppelreuter war begeistertes Mitglied der NSDAP und soll für die Flucht des jüdischen Professors Dr. Otto Löwenstein vor der Gestapo verantwortlich gewesen sein. Kein wirklich guter Namensgeber und Identitätsstifter. Und trotzdem wehren sich die Bewohner der Poppelreuterstraße gegen eine Umbenennung.

Die allerdings wird nicht leichtfertig beschlossen. Eine Arbeitsgruppe des Mainzer Stadtrates zum Thema Straßennamen überprüft seit Februar dieses Jahres alle Mainzer Straßennamen auf ihre Vorbelastung. Den Vorsitz hat Kulturdezernentin Marianne Grosse, zur Arbeitsgruppe gehören die kulturpolitischen Sprecher von CDU, SPD, Bündnis 90/DIE GRÜNEN und FDP. Dazu kommen noch Experten des Stadtarchivs, der Denkmalpflege und externe Mitglieder wie Günther Knödler vom Mainzer Altertumsverein, Dr. Hedwig Brüchert vom Verein für Sozialgeschichte und Dr. Ralph Erbar, Landesvorsitzender des rheinland-pfälzischen Geschichtslehrerverbandes.

»Zuerst einmal versuchen wir die kritischen Straßen herauszufinden«, erklärt Erbar. »Im Moment sind wir bei etwa dreißig. Die Fälle werden dann akribisch untersucht. Ich denke, letztendlich bleiben nicht mehr als eine Handvoll übrig.« Drei dieser Handvoll sind ja auch schon bekannt: Poppelreuterstraße (Oberstadt), Ina-Seidel-Straße (Hechtsheim) und Agnes-Miegel-Straße (Finthen). Die Entscheidung über die Poppelreuterstraße ist längst gefallen - in naher Zukunft wird sie »Im Sonnengarten« heißen - bei den anderen ist noch alles in der Schwebe.

Wichtig ist Erbar vor allem eines: »Wir betreiben hier keine wilde Bilderstürmerei.« Aus diesem Grund nimmt sich die Arbeitsgruppe auch noch mindestens bis nächstes Jahr Zeit. »Nicht jeder kritische Fall führt zu einer Umbenennung,« weiß der Geschichtsdozent. »Wichtig ist, dass wir konstruktive Erinnerungsarbeit leisten.« Das bedeutet nicht totschweigen, aber auch nicht ignorieren. Denn man muss schon wissen, woher ein Stückchen der eignen Identität tatsächlich kommt.

Daniela Tratschitt