Heft 267 Dezember 2012
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Mogunzius

Mogunzius, Stadtschreiber DES MAINZERs

Die Vernunft wird sehr viel Geld kosten


Die Mainzer lieben ihren Dom. Und ihr Schloss. Sogar die hausbackene Rheingoldhalle. Beim Rathaus allerdings scheiden sich die Geister. Obwohl Architekten wahre Jubelarien zur Bedeutung des Arne Jacobsen-Baus anstimmen, haben die Bürger zum Rathaus keine große emotionale Bindung. Was sich jetzt in der Debatte um den Zustand des heruntergekommenen und baufälligen Gebäudes erneut zeigt, die mit hoher Schlagzahl an Verlautbarungen geführt wird, damit sie überhaupt beim Bürger ankommt.

Bei allem Dissens in der Diskussion kann man aber nur den Kopf schütteln, wenn ernsthaft Stimmen laut werden, man solle das Rathaus am besten abreißen, um die hohen Sanierungskosten zu umgehen. Vornehmlich aus der CDU, die sich partout in der Frage von der SPD abgrenzen will, wird diese Forderung formuliert, und der einstige Landeschef der Union - Johannes Gerster - stellt sich kühn mit seinem Sohn Thomas an die Spitze der Abrissbefürworter. Was wieder mal für seine politische Sensibilität spricht. Selbst aus Übersee kommen Gäste nach Mainz, um das berühmte Gebäude zu besichtigen und in Mainz glänzen politische Köpfe mit ihrem radikalen Wunsch nach der Abrissbirne.

Feder Am Ende wird die Vernunft siegen, wenn sie auch sicherlich sehr kostspielig sein wird. Denn an einer Modernisierung führt kein Weg vorbei. Und im Blick auf ein marodes Leitungssystem, lockere Platten im Außenbereich, feuchte Wände und indiskutable Toiletten muss sich die Mainzer Politik den Vorwurf gefallen lassen, in Sachen Rathaussanierung einfach jahrelang weggeschaut zu haben.

In diesem 1973 nach den Plänen des dänischen Architekten gebauten Verwaltungssitz wurde stets regiert, aber nicht reagiert. Wissentlich haben sich Generationen von Ratsfraktionen einen feuchten Kehricht gekümmert, wie das Rathaus schrittweise zur baulichen Ruine wurde. Und der Landeshauptstadt-Zuschuss, der eigentlich für derartige Projekte eingesetzt werden soll, wurde lieber für die Theatersanierung (eigentlich auch ein Neubau!) oder den Bau des benachbarten Kleinen Hauses verfrühstückt. Dies unterstreicht nur zu gut, wie wenig weitsichtig und perspektivisch die Mainzer Kommunalpolitik war (und vielleicht noch ist).

Zumindest wird jetzt das Problem thematisiert und offen angesprochen. Was aber einer Bankrotterklärung gleicht. Wo soll die hochverschuldete Landeshauptstadt die 50 Millionen hernehmen, die eine Sanierung des Rathauses nach ersten Schätzungen kosten soll? Und: Ist es nicht eine Vorspiegelung gelebter Denkmalspflege, wenn nur die Rathaushülle stehen bleibt und innen alles entkernt wird?

Das motiviert die Gegner einer Sanierung, die sich für einen Einwohnerantrag stark machen, um so zu erreichen, dass die Mainzer mitsprechen dürfen, wie es mit ihrem Rathaus weitergehen soll. Ein ehrgeiziges Ziel: Mindestens 2.000 Bürger müssen für einen solchen Antrag unterschreiben, damit er in den Stadtrat eingebracht werden kann.

Vielleicht hilft auch ein Investor, der das Rathaus kaufen könnte, um es dann zu sanieren? Oder es finden sich chinesische Geldgeber, die das Rathaus kaufen, um es Stein für Stein ab- und in Fernost wieder aufzubauen? So bliebe der Bau, an dem sich die Geister scheiden, wenigstens der Menschheit erhalten.

Eine spannende Weichenstellung, die hier auf den Stadtrat zukommt. Zugleich ist das Thema Rathaus auch der erste Härtetest für den noch jungen Oberbürgermeister. Michael Ebling hat aber schon den Vorteil, dass er das Thema selbst offensiv angesprochen hat. Wo seine Vorgänger mit Ignoranz geglänzt haben, hat er wenigstens den Finger in die Wunde gelegt.

Mogunzius