Heft 267 Dezember 2012
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Mietradeln

Prima Ergänzung zu Auto und ÖPNV - aber:

Warum nur für »Einheimische« Radler?


Stationsterminal
Bedienerfreundliche Anmeldung am Stationsterminal der Mieträder.

Die Vorteile des Fahrradfahrens sind bekannt: es ist günstig, gesund, man kommt schnell, vor allem ohne Stau, durch die Stadt und spart sich die lästige Parkplatzsuche. Wer in Mainz spontan auf die Idee kommt, um von A nach B zu kommen weder Auto noch Bus zu nutzen, kann sich auf eines der vielen gelben Räder setzen.

Im April startete das Mietradsystem der Mainzer Verkehrs­gesellschaft (MVGmeinRad), dessen Konzept 2009 in Berlin ausgezeichnet und mit 1,9 Millionen Euro vom Bundes­verkehrs­ministerium bis zum 30. September dieses Jahres gefördert wurde. Die andere Hälfte der Kosten von insgesamt 3,8 Millionen Euro für die Einführungsphase wird, laut Angaben des MVG-Pressesprechers Michael Theurer, aus den Kassen der Mainzer Stadtwerke finanziert. Mittelfristig, so stellt er klar, solle sich das Miet­rad­system nutzerfinanziert tragen, schließlich sei ein Ausbau des Stationsnetzes geplant.

Simples System?


Derzeit gibt es jeden Tag 24 Stunden 500 Räder an 95 Station, in Zukunft sollen es 500 Räder sowie 25 Stationen mehr sein. Vor allem eine Expansion in der In­nen- und Neustadt wäre relevant, da dort die höchste Ausleihe zu verzeichnen sei, ergänzt Theurer.

Aber wie fahren sich diese klobig aussehenden, gelben Räder? Immerhin wurden sie bisher 125 000 Mal angemietet. Und ist das System wirklich so simpel: anmelden, fahren, abgeben?

Als Besitzerin eines sportlich komfortablen Zweirads suche ich den Vergleich, besorge mir die notwendige Chipkarte, die man nach der Registrierung erhält, von einer Bekannten, und peile die nächst gelegene Station Eingang Volkspark/Göttelmannstraße an. Die Anmeldung auf dem Touchscreen klappt reibungslos, jedoch meldet die Anzeige: »Sie haben die maximale Anzahl an zu mietenden Rädern überschritten«. Dabei hatte meine Bekannte noch nie eines ausgeliehen.

Gangschaltung
Da macht Schalten Spaß: Die Anzeige der Gangschaltung könnte fast aus einem Comic stammen.

Es ist Samstag, trotzdem rufe ich die angegebene Service-Hotline an, in der Erwartung, dass sich keiner meldet. Tatsächlich informiert mich ein netter Kundenberater darüber, dass er die Beschwerde aufnehmen und per Mail an die MVG senden wird, jedoch nicht mehr tun kann - denn alle Anrufe werden am Wochenende an ein Call-Center in Frankfurt umgeleitet.

Ich verzichte auf die Reklamation und mache mich auf zur nächsten Station, in der Hoffnung, dass ich hier endlich ein Rad bekomme. Aber, dieselbe Fehlermeldung erscheint auf dem Bildschirm. Montags versuche ich mein Glück an einer der beiden Fahrradstationen am Hauptbahnhof, an denen normalerweise 48 Räder stehen sollten, allerdings ist nur eine bestückt. Erneut taucht hier das Problem auf, das die ebenfalls freundliche Mitarbeiterin in der MVG-Geschäftsstelle um die Ecke prompt löst. Zurück an der Station wähle ich das gewünschte Rad auf dem Bildschirm aus, ziehe es aus der grün blinkenden Box, und los geht es endlich.

Zu meinem Erstaunen sitze ich auf dem verstellbaren Sattel sehr bequem, die Federung ist weich und selbst in den höheren Gängen, die sich einfach schalten lassen, kann ich leicht treten. Der Lenker ist angenehm beweglich, das Rad insgesamt wendig bei stabiler Straßenlage. Koffer oder Plastikkorb auf dem Gepäckträger sind ausreichend für den Kleineinkauf oder die Handtasche. Grundsätzlich sollte man beachten, dass bei den Mieträdern kein Fahrradschloss dabei ist. Nach einer Stunde Fahrt durch die City und entlang des Rheins, die zwei Euro Mietgebühr kostet, stelle ich zufrieden das Fahrrad an der Station Frauenlobstraße / Ecke Forsterstraße in eine Box - wieder erscheint ein grünes Licht und die Rückgabe ist erkannt.

Mieten ohne Registrierung?


Fazit: Für Touren durch die Stadt und Außenbezirke eignet sich das Mietrad prima und zugleich überbrückt man die von Bus- und Straßenbahnnetz nicht abgedeckten Bereiche und Entfernungen. Das Verleihsystem ist, bis auf ein paar Mängel, bedienerfreundlich und grundsätzlich eine gute Alternative, um zügig von A nach B zu gelangen, ohne das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen zu müssen.

Eine Idee darüber hinaus wäre, auch Spontan-Reisenden, gerade im Frühling und Sommer, die MVG-Räder ohne die erforderliche Anmeldung im Internet zugänglich zu machen - vielleicht mit Hilfe eines EC-Karten- oder Kreditkarten-Systems, wie man es aus dem Handel kennt. Diese Systemausweitung würde vor allem auch den Mainzern entgegen kommen, die von Freunden oder Familie kurzfristig Besuch bekommen und denen man die Stadt auf eine andere Art und Weise zeigen könnte.

Vorbild hierfür ist vielleicht Hamburg. Mit deren StadtRAD-Konzept verspricht die Hansestadt »spontan und individuell mobil« zu sein. Dazu gehört, dass die Registrierung nicht vorab im Internet stattfinden muss, sondern erst am Terminal zusammen mit der Ausleihe mittels Kredit- oder EC-Karte, über eine Applikation für iPhone und Android-Smartphones oder telefonisch erfolgen kann. Vorraussetzung hierfür ist allerdings der Besitz einer Kredit- oder EC-Karte.

Nach dem Anruf bei einer Servicenummer erhält der Nutzer den Code für das verwendete Zahlenschloss des gewünschten Rades, mit dem sich das Leihrad zwischendurch beim Abstellen auch sichern lässt. Für die Rückgabe schließt man das Rad an einen freien Stellplatz an und das Ende der Fahrt ist registriert. Die fünf Euro Einrichtungsgebühr, die bei der Anmeldung bei StadtRAD anfallen, werden übrigens dem Nutzer in gleicher Höhe als Fahrtguthaben angerechnet.

KH

Infos:
www.mvg-mainz.de - unter »Mainzigartig Mobil« findet sich die Rubrik »mit MVGmeinRad«