Heft 267 Dezember 2012
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Mainzer Köpfe

Oberstabsarzt Dr. Susanne Brechtel

Mit der »Rheinland-Pfalz« auf hoher See


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Truppenarzt auf der »Rheinland-Pfalz«: Oberstabsarzt Dr. Susanne Brechtel

Dass Frauen Männer verarzten, ist nichts Ungewöhnliches. Kommt das auf hoher See vor, stellt sich die eine und andere Frage. Dr. Susanne Brechtel war ein knappes Jahr Schiffsarzt auf der Fregatte »Rheinland-Pfalz«. Das Patenschiff des Bundeslandes wird 2013 außer Dienst gestellt. Bevor die Nieder-Olmerin im November auf die Fregatte »Augsburg« wechselte, stattete sie dem MAINZER einen Besuch ab.

Nächstes Jahr, im April, ist Feierabend für die »Rheinland-Pfalz«, die gesamte Besatzung wird bis dahin auf anderen Schiffen zum Einsatz kommen. »Wir bedauern alle, die ,Rheinland-Pfalz' verlassen zu müssen, es war eine sehr schöne Zeit! Das Schiff und der Zusammenhalt an Bord sind etwas ganz besonderes«, blickt Susanne Brechtel ein wenig wehmütig zurück.

War die Fregatte auf See unterwegs, befanden sich im Durchschnitt unter den 180 Besatzungsmitgliedern zehn Frauen - aus weiblicher Perspektive und von Land aus gesehen, eine knifflige Situation, oder?

»Wahrscheinlich stellt man sich das Zusammenleben an Bord komplizierter vor, als es tatsächlich ist. Klar, die Verhältnisse sind beengt, man kann nicht ,mal kurz' weg, wenn man viereinhalb Monate unterwegs ist, davon auch mal drei Wochen am Stück auf See, ohne Landgang. Andererseits ist der Zusammenhalt an Bord sehr groß und mit Kompromissbereitschaft und Toleranz kommt man gut klar.«

Kleinere Reibereien gäbe es an Land wie auf See. Was das Verhältnis Frau/Mann bei der Bundeswehr im Allgemeinen und an Bord eines Schiffes im Besonderen betrifft - auch da könne man sich durchaus am zivilen Alltag orientieren, erklärt Susanne Brechtel. Frauen in »Männerberufen« seien längst selbstverständlich, so auch bei der Bundeswehr.

Geboren ist Susanne Brechtel 1981 in Heidelberg, aufgewachsen in Viernheim und in Nieder-Olm, wo die Eltern heute noch leben. Am 1.Januar 2001 trat sie in die Bundeswehr ein, Medizin studierte sie in Regensburg und promovierte auch dort: »Mediziner werden bei der Bundeswehr für sechs Jahre beurlaubt, um an einer zivilen Universität zu studieren.«

Alle Bundeswehr-Ärzte dienen drei Jahre als Truppenarzt, erklärt Oberstabsarzt Dr. Brechtel und beschreibt diesen als eine Art »Hausarzt für die Truppe«, der neben der medizinischen Behandlung auch für Kümmernisse vielerlei Art Ansprechpartner ist.

Als Schiffsarzt ist die 31-Jährige gleichzeitig Notarzt, Fliegerarzt und Taucharzt - und hat die entsprechenden Zusatzausbildungen absolviert. Zusätzlich nimmt sie als Offizier diverse Nebenaufgaben wahr. Beispielsweise hielt die Ärztin auf der »Rheinland-Pfalz« als Patenlands-Offizier den Kontakt zum Patenschaftsland, als Betreuungs-Offizier organisierte sie unterwegs die Landgänge, die Kontrolle der Essenspläne gehörte sowieso zu ihren Aufgaben und im Kombüsenausschuss setzte sie sich mit Kritik und Anregungen zur Verpflegung auseinander.

Neugierde und Abenteuerlust diagnostiziert die Nieder-Olmerin, seien wohl die Beweggründe für ihren Wunsch gewesen, als Ärztin bei der Bundeswehr arbeiten zu wollen - und das am liebsten auf hoher See. »Gereizt hat mich auch die Tatsache, dass ich zusätzlich zum Arztberuf noch Soldat und Offizier bin.«

In ihrer Jugend hat sie Judo gemacht - bis zum braunen Gürtel. Seit dem Eintritt in die Bundeswehr fehle ihr die Zeit dazu. Auch das Waldhorn, das sie u.a. in der Bigband des Nieder-Olmer-Gymnasiums spielte, sowie die ehrenamtliche Mitarbeit, als Betreuer und Freizeitleiter bei der Sportjugend Rheinland-Pfalz, sind durch ihren Beruf aktuell nicht mehr möglich, bedauert Susanne Brechtel.

Und wie sehen die Eltern die Entscheidung für den Arbeitsplatz Bundeswehr?

Sie hätten damals, wie heute, hinter der Entscheidung ihrer beiden Töchter gestanden, zur Bundeswehr zu gehen, so die Antwort.

Auf die verblüffte Nachfrage, wieso »Töchter«, lacht Susanne Brechtel verschmitzt: »Ich habe eine Zwillingsschwester!«

Dr. Charlotte Brechtel studierte ebenfalls Medizin bei der Bundeswehr und arbeitet derzeit auch als Truppenärztin - allerdings beim Heer. So sind die eineiigen Zwillinge wenigstens anhand der Uniformen zu unterscheiden.

Der gemeinsame Bruder Matthias war übrigens gar nicht bei der Bundeswehr.

Susanne Brechtel ist begeistert vom Dienst auf See, weiß aber, ihre Zeit als Schiffsarzt geht dem Ende entgegen. Am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin will sie ihre Facharztausbildung zur Chirurgin beenden:

»Ich bin gerne Schiffsarzt, aber nächstes Jahr wird es dann auch leider wieder Zeit in die Weiterbildung zum Facharzt Allgemeinchirurgie zurück zu kehren«.

SoS

Das Patenschiff von Rheinland-Pfalz

Schon 1980 beim Stapellauf der Fregatte hatte das Binnenland die Patenschaft übernommen, seit der Indienststellung 1983 genießen Abordnungen der Besatzung regelmäßig die Gastfreundschaft in Rheinland-Pfalz.

Im April kommenden Jahres wird die Fregatte als zweites Schiff der »Bremen-Klasse« F 122 außer Dienst gestellt, eine neue Fregatte der Klasse F 125 wird in Hamburg gebaut und soll wiederum als rheinland-pfälzisches Patenschiff mit dem Namen Fregatte Rheinland-Pfalz bis 2020 zum Einsatz kommen.