Heft 267 Dezember 2012
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Handwerk

Drucken im Familienbetrieb

Wo die alte Heidelberg rattert


Jürgen Linde
Druckereichef Jürgen Linde an der Original Heidelberg Buchdruckmaschine (1978): »Zum Prägen, Falzen und Nuten gibt es nichts Besseres.«

Als die Besucherin an einem kalten Wintertag das warme Kundenempfangszimmer der Druckerei Linde betritt, läuft erst einmal die Nase. Sofort streckt ihr Carola Linde ein Päckchen Taschentücher entgegen. »Die haben wir hier immer auf Vorrat - für die Kunden, die Trauerkarten bestellen«, lächelt sie.

Die Druckerei Linde ist ein echter Familienbetrieb. Seit 1995 führen Drucker Jürgen Linde und sein Bruder Uwe, gelernter Bleisetzer, die Druckerei. Jürgen Lindes Frau Carola kümmert sich um die Kundenberatung und die Endverarbeitung.

Ein festangestellter Grafiker ergänzt das Team. 1971 hatte der Vater, Druckermeister Karl-Heinz Linde, mit seiner Frau Erna den Betrieb übernommen, 1987 war Jürgen Linde mit eingestiegen. Im gleichen Jahr zog die Druckerei, die 1927 als Druckerei Jasse von Karl-Heinz Lindes Lehrherrn gegründet worden war, vom Augustinergässchen in die Augustinerstraße.

In der Druckerwerkstatt, hinter der modernen Offset-Druckmaschine, steht ein Stück Handwerksgeschichte. Eine Original Heidelberg Buchdruckmaschine, Baujahr 1978. Der Name ist ein bisschen verwirrend: »Buchdruck« bedeutet nämlich nicht, dass auf der Maschine Bücher gedruckt würden. Das Druckverfahren heißt so. »Unsere Maschine ist eine der letzten, die hergestellt wurden«, berichtet Jürgen Linde. An der Wand stehen die Setzkästen mit Laden voller alter Lettern.

»Druckmaschinen vor 100 Jahren sahen kaum anders aus«, weiß Jürgen Linde. Dann weist er auf den Elektromotor am Fuß der Maschine: »Den könnte man theoretisch mit jeder anderen Art von Antrieb ersetzen. Man könnte ihn sogar an eine Wassermühle anschließen.« Diese Bauart ist ein klassischer Hinweis auf Zeiten, in denen ein durchgehender Bezug von Elektrizität nicht selbstverständlich war.

»Der Buchdruck hat sich vor allem in kleinen Betrieben lange gehalten - zum Teil bis heute - weil er sich gut dafür eignet, kleine Auflagen zu drucken«, erklärt Jürgen Linde. Die alte Methode ist aber auch sehr aufwändig: »Die Lettern werden mit der Hand gesetzt und am Ende auch wieder von der Druckplatte zurück in die Kästen geräumt.«

Kundenwünsche


Drucklettern
Echte Handarbeit: Die Lettern werden per Hand einzeln zur Druckform gesetzt.

Ein weiteres Problem: »Die Lettern bestimmter Schriftarten sind sehr empfindlich. Zum Beispiel die englische Handschrift mit ihren feinen Schnörkeln. Da gehen viele Lettern schon nach dem ersten Druck kaputt. Und auf einmal hat man dann kein ,G' mehr.« Und Nachbestellen ist heutzutage schwierig bis unmöglich, denn die Lettern werden nicht mehr produziert. »Deshalb fliegen die Schriftarten nach und nach aus dem Sortiment.«

Die meisten Aufträge werden heute zwar mit den modernen Verfahren Offset und Digitaldruck erledigt, die alte Heidelberg ist aber trotzdem noch in Betrieb. »Prägen, Falzen und Nuten geht mit ihr einfach am besten«, findet Jürgen Linde. Zur Demonstration wirft er die alte Maschine an und nutet ein paar Weihnachtskarten, die eine Mainzer Beraterfirma bestellt hat. Sching-sching-sching, ratata-ratata-bonk - für kurze Zeit übertönt die Heidelberg jedes andere Geräusch im Raum.

Wirklich gedruckt wird auf der alten Maschine nur noch selten. »Wir haben ein paar alte Stammkunden, die das explizit wünschen. Manche sagen, ihnen gefalle es so gut, wie sich die Buchstaben durch das Papier drückten«, erzählt Linde. »Dabei sollten sie sich eigentlich gar nicht so stark durchdrücken, denn so macht man sich die Lettern kaputt.«

Außerdem kommt so ziemlich alles, was auf edles Büttenpapier gedruckt wird, auf die Heidelberg - wegen der typischen fransigen Ränder, mit denen die neuen Maschinen nicht zurechtkommen.

Erfinderisch


Mainz-Illustrationen
Jürgen Linde verkauft in seiner Druckerei auch die Mainz-Illustrationen von seinem Sohn Sebastian Koch.

Für Sonderwünsche von Kunden wird Jürgen Linde auch schon einmal erfinderisch. Etwa für die junge Dame, die nach einem Aufenthalt in den USA mit individuellen Karten zu ihrem 18. Geburtstag einladen wollte. Als Beispiel hatte sie Vorlagen aus ihrem Gastland mitgebracht - auf 600 Gramm-Papier, das gibt es in Deutschland eigentlich nicht.

So druckte Linde kurzerhand eine Vorderseite und eine Rückseite auf jeweils 300 Gramm-Papier und leimte sie zusammen, bevor er sie schnitt. Für einen Mediziner, der für seine Briefbögen ein ganz spezielles Papier wollte - Marke Lessebo, 90 Gramm, smooth, Farbe ivory, die Kuverts mit hellbraunem statt des in Deutschland üblichen grauen Futters - ließ Jürgen Linde seine Kontakte in die Schweiz spielen.

Der 30-jährige Sohn von Jürgen Linde, Sebastian Koch, hat es in eine ähnliche Branche verschlagen. Nach seinem Studium in Grafikdesign arbeitet er als Illustrator in Hamburg. Auch wenn er die elterliche Druckerei wahrscheinlich nicht übernimmt, ist er trotzdem im Betrieb präsent. Seine Illustrationen von Mainz und anderen Städten hängen an den Wänden im Empfangszimmer, Kopien davon kann man käuflich erwerben.

Daneben hängen Kunstdrucke, ebenfalls mit Mainzer Motiven, von seinem Onkel Uwe Linde. Sie kann man nicht nur hier, sondern auch im Souvenirshop des Gutenbergmuseums kaufen. Im Regal daneben stehen Weine eines Niersteiner Winzers, deren Etiketten Jürgen Linde mit Gutenbergmotiven gestaltet hat. Die gibt es - mit den Kunstetiketten - aber nur in der Druckerei.

Alice Gundlach

Infos:
www.druckerei-linde.de