Heft 267 Dezember 2012
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Energie

»Abfallprodukt« Fernwärme:

Losgelöst von der Stromproduktion?


Mainzer Heizkraftwerk
Mainzer Heizkraftwerk
Foto: Stadtwerke Mainz AG

Sie liegen in vielen Straßen der Innenstadt. Unsichtbar. Gut abgedichtet. Die Leitungen der Mainzer Heizkraftwerke GmbH. Sie transportieren ein Abfallprodukt der Energieerzeugung auf der Ingelheimer Aue zu 2.500 Kunden in Mainz: Heißes Wasser.

Damit die Fernwärmeerzeugung vom GuD-Kraftwerk unabhängig wird, will die Heizkraftwerk GmbH Mainz einen Fernwärmespeicher und einen Elektrowärmeerzeuger bauen.


Es schneit. Trotzdem spielen die Nullfünfer auf einem schönen grünen Rasen in der Coface-Arena Fußball - der Fernwärme sei Dank. Dieser Energieträger für die Rasenheizung wird auf der Ingelheimer Aue »produziert«, bzw. er entsteht bei der Stromproduktion im Gas- und Dampf-Kraftwerk (siehe Foto) als Abwärme. Nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Koppelung wird Wärmeleistung ausgekoppelt, um Wasser als Leitmedium zu erhitzen und zu den Kunden zu transportieren.

Nutzer der Mainzer Fernwärme sind in erster Linie größere Verbraucher, wie Landesbehörden, das Rathaus, die Universität, das Uniklinikum, der Dom und die Nullfünfer.

Durch ein insgesamt 75 Kilometer langes Leitungsnetz fließt das heiße Wasser bis zu den jeweiligen »Übergabestationen« der Kunden, erwärmt dort das Heizungswasser, vergleichbar einem Wasserboiler, und fließt abgekühlt zum Kraftwerk zurück.

Zusätzlich zum GuD-Kraftwerk wird das Mainzer Fernwärmesystem durch das Müllheizkraftwerk und drei kleinere, im Stadtgebiet verteilte Heizkraftwerke gespeist.

Fernwärme gilt als umweltfreundlicher Energieträger, der weniger Energie verbraucht, weniger CO² und Abgase emittiert als beispielsweise eine Erdgas-Heizung: Die Abwärme entsteht sowieso bei der Stromproduktion, sie zu nutzen bietet sich trotz der Wärmeverluste beim Transport an.

Versorgung langfristig sichern


»Wir sorgen vor, wenn die langfristigen Gaslieferverträge 2015 auslaufen, muss die Fernwärmeversorgung gesichert sein«, sagt Michael Theurer, Pressesprecher der Stadtwerke Mainz AG. Das Unternehmen ist auch Mehrheitsanteilseigner der Heizkraftwerk GmbH Mainz. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erscheine es sehr unwahrscheinlich, dass erneut so günstige Lieferkonditionen für Gas ausgehandelt werden könnten. Das GuD-Kraftwerk auf der Ingelheimer Aue werde wahrscheinlich nicht mehr rund um die Uhr (etwa 8.000 Stunden pro Jahr) Strom produzieren, sondern nur noch in der so genannten Spitzen- oder Mittellast, so Theurer.

Um die Stromproduktion von der Fernwärmeproduktion zu entkoppeln, plant die HKW Mainz GmbH auf der Ingelheimer Aue den Bau eines großen Fernwärmespeichers und eines Elektrowärmeerzeugers.

Der Speicher, etwa 30 Meter hoch und mit einem Durchmesser von zwölf Metern, hat ein Volumen von gut 3.000 Kubikmetern - das entspricht etwa 20.000 Badewannen voll mit 130 Grad heißem Wasser. Innerhalb von zehn Stunden kann der Speicher mit einer Leistung von 20 Megawatt komplett mit Fernwärme gefüllt werden, was in den Zeiten geschehen soll, in denen die Fernwärme »günstig« sein wird: Wenn das GuD-Kraftwerk in Betrieb ist und Strom produziert oder wenn die Nachfrage nach Fernwärme ge­ringer ist.

Zusätzlich plant die HKW den Bau eines Elektrowärmeerzeugers, in dem überschüssiger Strom in Wärme, also heißes Wasser umgewandelt wird. Das Fernwärmesystem kann sie direkt an die Kunden liefern oder aber die Wär­me wird im Fernwärmespeicher zwischengelagert und bei Bedarf abgegeben.

Günstiger »Nebeneffekt« dieser Zwischenlagerfunktion ist die Möglichkeit, Lücken, die zwischen dem jeweiligen Strombedarf und der jeweiligen Stromein­speisung entstehen können, auszugleichen. Diese Lücken, so befürchtet die konventionelle Energiewirtschaft, könnten aufgrund der schwankenden Wind- und Photovoltaik-Energieproduktion entstehen.

In den nächsten Monaten werden die Pläne den städtischen Gremien präsentiert, schreibt die HKW Mainz in einer Pressemitteilung. Stimmen die Gremien zu, könnte Anfang 2014 der Bau für den Fernwärmespeicher beginnen. Ein Jahr später, wenn die Gaslieferkonditionen voraussichtlich ungünstiger sein werden, könnte er in Betrieb gehen. Der Elektrowärmeerzeuger soll bis Mitte 2013 seinen Betrieb aufnehmen.

Fernwärme ist eine Insellösung


Aus Sicht von Verbrauchern ist bei der Fernwärmeversorgung, wie bei jedem anderen Energieträger auch, die Preisentwicklung von Bedeutung. Hans Weinreuter, Energiereferent der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz sagt, dazu ließen sich keine Voraussagen treffen. Grundsätzlich sei die Nutzung der Abwärme bei der Stromerzeugung ökologisch sinnvoll. Werde Fernwärme dagegen in einem reinen Heizkraftwerk erzeugt, hänge die Ökobilanz vom eingesetzten Energieträger ab: z.B. Kohle oder Gas und von den Verlusten bei der Verteilung.

Weinreuter empfiehlt an der Fernwärmeversorgung interessierten Verbrauchern einen Gesamtkostenvergleich zu erstellen: Kosten für den Fernwärmehausanschluss (sofern eine entsprechende Leitung in der Nähe liegt) und die Übergabestation im Vergleich zu einer herkömmlichen Heizungsanlage, die meist recht hohen Grundpreise für Fernwärme verglichen mit Einsparungen bspw. bei Wartungskosten für die Heizungsanlage und Schornsteinfeger.

Langfristig, so Weinreuter, sei außerdem zu bedenken, dass Fernwärmeanbieter eine Monopolstellung haben. In der Regel gebe es nur einen Anbieter, man könne nicht einfach wechseln, Kunden seien über Jahre an die Technik und an den Anbieter gebunden.

SoS

Infos:
www.fernwaerme-fuer-mainz.de