Heft 266 November 2012
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Spielen

Tabletop

Das etwas andere Feierabend-Bierchen


Tabletop-Spiel
So kann es bei einem Tabletop-Spiel zugehen - mit Maßband, Tabelle und viel Rechnerei.

Von wegen nur Mädchen spielen mit Puppen. Jungs tun das auch, allerdings heißen sie da Figuren - gibt's in den Unterarten Action und Spiel. Es ist aber nicht so, dass Jungs ihre Vorliebe für so etwas verlieren. Die hält sich bis ins »hohe« Alter und wird oft in Gruppen ausgelebt.

Was den kleinen Jungen früher ihre He-Man-Figur war, ist ihnen heute ihr Ork. Wer das nicht versteht - sowohl inhaltlich als auch psychologisch - kann ja einfach mal an einem Donnerstagabend in den Mainzer Fantasyladen in der Weißliliengasse gehen. Im großen und lichtdurchfluteten Hinterzimmer sitzen dann mehrere erwachsene Männer und spielen mit Puppen, pardon Figuren. Auf dem Boden stehen große Taschen und Koffer, auf den Tischen sind Miniatur-Landschaften aufgebaut, in den Händen Würfel, Hefte und kleine, buntbemalte Männchen. Jeder Uneingeweihte schüttelt in den ersten Sekunden den Kopf. Draußen herrscht schönstes Wetter und die zocken Indoor, sogenannte »Tabletop«-Spiele.

Viel Vorbereitung nötig


Doch mal ganz ehrlich, wo liegt denn der Unterschied zum allabendlichen Skat-Drücken in der Eckkneipe? Bei beiden sitzt eine Gruppe von Kerlen um einen Tisch herum, spielt um des Spielens willens und streitet über die Regeln. »Wenn ich spiele, dann hier. Der Laden fungiert als Vermittler zu anderen Spielern, « erklärt Veit Staiger, ständiger Besucher des Donnerstagstreffs. »Für mich ist das wie für andere das Feierabend-Bierchen.«

Der einzige wirkliche Unterschied ist der Zeitaspekt. So eine Skatrunde ist relativ schnell vorbei, es braucht keine Vorbereitung und das Material, sprich die Karten, werden einfach aus der Verpackung geschüttelt. Für ein echtes Tabletop-Spiel wie Warhammer, Warmachine/Hordes oder Demonworld ist aber gerade die Zeit entscheidend. »Manchmal dauert ein Spiel nur fünf Minuten, manchmal auch zwei Stunden«, weiß Staiger. »Je nach Gusto - es gibt keine Zeitrichtlinie. Aber am meisten Zeit geht auf die Vorbereitung drauf, aufs Basteln. Das macht mir am meisten Spaß.«

Nur die wenigsten Figuren für ein Tabletop-Spiel gehen nämlich fertig über den Tresen. Im Normalfall kauft sich der Spieler ein Set oder einzelne Figuren, dazu Spezialkleber, Pinsel, Farben, . Natürlich gibt es das Ganze auch aus Zinn - die altbekannten Zinnsoldaten feiern also gerade ein echtes Comeback. Man muss die Teile erst mal aus dem Gießgitter lösen, sorgfältig zusammensetzen, verkleben und anmalen. Wer möchte kann das ganz aufwändig mit superfeinen Details machen, die Standfläche mit Sand oder »Gras« bestreuen und noch das ein oder andere Mini-Abzeichen anbringen.

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Eine voll bemalte Kampfeinheit

Kleine Kunstwerke


Vikki Knels liebt genau das an dem Spiel. »Das hat etwas beruhigendes«, erklärt der 33-Jährige. »Wenn ich meine Figuren anmale, bin ich manchmal so konzentriert, dass ich alles andere vergesse.« Jede der Figuren ist tatsächlich ein kleines Kunstwerk - abhängig natürlich von den Fähigkeiten des Künstlers.

Wer nach Hilfe oder Anleitung sucht bekommt diese von anderen Spielern, im Internet oder sogar in Zeitschriften. Der »White Dwarf« (engl.: Weißer Zwerg) ist ein monatlich erscheinendes Magazin, das von einem der größten Tabletop-Spielehersteller der Welt herausgegeben wird. Die britische Firma »Games Workshop« hatte in den letzten Jahren immerhin einen jährlichen Umsatz von durchschnittlich 120 Millionen britischer Pfund - genügend Gründe also, eine Zeitschrift für rund 25.000 Abonnenten in Deutschland herauszugeben. Wer es etwas unabhängiger will, kann sich noch weitere Magazine zum Thema kaufen, wie etwa »Tabletop Insider«. Und auch im Netz findet man jede Menge über die modernen Zinnsoldaten: zum Beispiel »Magabotato« (bei Youtube und als Webside) oder www.brueckenkopf-online.com.

Weil aber eine Figur nicht reicht, macht man das immer und immer wieder. Da alle Tabletop-Spiele Strategiespiele sind, braucht es wie in einer echten Armee auch verschiedene Einheiten. Fußsoldaten, Befehlshaber, Maschinen, Tiere und - was im wahren Leben eher selten vorkommt - Magier. Das Heim eines echten Tabletop-Fans gleicht manchmal einer Bastelstube, es geht viel Freizeit drauf, die Regeln sind selbst für Spielerprobte oft undurchsichtig und die Gespräche untereinander sind für Außenstehende reines Kauderwelsch. Auf den ersten Blick gibt es also eine ganze Reihe Gründe, den Kopf zu schütteln - vor allem für die Spielerfrauen. Die haben ihre Puppen nämlich meistens schon aufgegeben.

Daniela Tratschitt