Heft 266 November 2012
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Jubiläum

Sexualität, Partnerschaft, Familienplanung

Beratung ist immer noch gefragt


ProFamilia
Bei der Schwangerenkonfliktberatung entscheidet allein die Frau, ob sie das Kind behalten möchte oder nicht.

An wen sich wenden bei Fragen zu Sexualität, Beziehungsproblemen oder gar ungewollter Schwangerschaft? Für viele Ratsuchende ist das pro familia-Zentrum in Mainz seit 1967 die erste Anlaufstelle, in diesem Jahr feiert dessen medizinische Einrichtung für Schwangerschaftsabbruch und Nachsorge ihr 20-jähriges Bestehen.

Gegründet wurde es im September 1992 von der Ärztin Ute Wellstein und der damaligen pro familia-Leiterin Ulla Ellerstorfer, weil, so Dr. Gisela Hilgefort, es bis dato keinerlei Angebote dieser Art in der Stadt und der Umgebung gab, und trotzdem »war es ein schwieriger Gang mit den politisch Verantwortlichen bis wir die Zustimmung erhielten.« Dass aber auch der Weg für manche Frau, die sich seitdem an die kostenlose Schwangerschaftskonfliktberatung wenden kann, kein leichter ist, betont die Geschäftführerin des Zentrums. »Jede Beratung muss ergebnisoffen sein. Hierbei wird erörtert, ob eine Frau ihre Schwangerschaft austragen oder abbrechen möchte, zudem geben wir Informationen über Rechtsansprüche und mögliche Hilfen. Die meisten Frauen wissen allerdings schon bevor sie zu dieser Beratung kommen, was sie wollen, weil sie mit ihnen nahestehenden Personen gesprochen haben.«

Dennoch kämen einige Schwangere mehrmals ins Zentrum, weil sie hin und her gerissen seien in ihrer Entscheidung. Die Gründe für einen Abbruch, der per Gesetz nur gegen Vorlage eines Beratungsscheins vorgenommen werden darf, sind unterschiedlich - in vielen Fällen ist es jedoch die schlechte finanzielle Situation der Frau, die sogar die Finanzierung von Verhütungsmitteln erschwert. Dies belegt der Jahresbericht von 2011: Ein Ab­bruch kostet im Zentrum je nach Methode 250 bis 550 Euro, verdient die Schwangere weniger als 1033 Euro netto, springt das Land Rheinland-Pfalz ein - 80 Prozent der insgesamt 887 Abbrüche wurden auf diese Weise bezahlt.

Hilgefort weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bei pro familia medizinische Einrichtung und Beratungsstelle strikt voneinander getrennt sind. »Der Frau steht es nach der Beratung komplett frei, sich für den Eingriff eine Einrichtung nach ihren Wünschen zu suchen oder in eine andere Stadt zu gehen.«

Zwischenmenschliches

Neben der Sozialberatung für Schwangere, an die sich Frauen wenden, die ihr Kind behalten wollen und gezielt nach Unterstützungsmöglichkeiten fragen, umfasst das pro familia-Angebot Beratungen zu Familienplanung und Gesundheit, zu sexuellen Orientierungsfragen, Einzel- und Paarberatung, familienrechtliche Informationen etwa zu Scheidung oder Sorgerecht sowie Sexualpädagogik für Schüler.

ProFamilia Warum letzteres im Zeitalter des Internets, in dem man Antworten auf jede intime Frage findet, nach wie vor ein Beratungsschwerpunkt ist, erklärt die Psychologin und Psychotherapeutin: »Die zwischenmenschliche Komponente fällt bei der Recherche im Netz weg. Das Sprechen über die eigene Sexualität ist auch heute noch für viele Jugendliche und Kinder schwierig. Für den Sexualkundeunterricht gehen wir in die Schulen, meist aber kommen die Klassen zu uns und können so auch die Beratungsstelle kennen lernen. Wir trennen dann die Mädchen von den Jungen, um eine persönliche Atmosphäre zu schaffen. Ohne die Lehrer trauen sich die Kinder außerdem offen persönliche Fragen zu stellen.« Für die Lehrkräfte gebe es Fortbildungen zum Umgang mit Sex und Pornografie in den neuen Medien und Hilfe bei von Kindern verursachter, sexualisierter Gewalt.

Fünf Berater, eine Ärztin, zwei Sexualpädagogen und eine Rechtsanwältin kümmern sich bei pro familia um die Anfragen und führen Gespräche, eine Frauenärztin und sechs Krankenschwestern gehören zur medizinischen Einrichtung. Für Gisela Hilgefort eine optimale Teamzusammensetzung: »Was sich bewährt hat, ist unser gesamtes Konzept, unsere Einstellung gegenüber den Frauen und Paaren, die verbunden ist mit menschlicher Wertschätzung und Akzeptanz, und dass wir fachlich immer auf dem neuesten Stand sind.« Das bestätigten die Zahlen, denn trotz der Randlage im Bundesland nehme das Zentrum ein Viertel aller Abbrüche in Rheinland-Pfalz vor. Dennoch fordert die Leiterin mehr Angebote und Einrichtungen. »Uns ist es für die Zukunft wichtig, dass jeder Mensch unabhängig von seiner sexuellen Orientierung selbstbestimmt leben kann, wozu auch eine selbstbestimmte Familienplanung gehört. Außerdem liegt es mir sehr am Herzen, dass es freien Zugang zu sicheren Verhütungsmitteln gibt - gerade für diejenigen, die wenig Geld haben.«

Bewusste Entscheidung

Fast 8.000 Personen haben das Angebot der Beratungsstelle bei pro familia Mainz im letzten Jahr genutzt. Der gemeinnützige Verein ist freier Träger der in Mainz einzigen, nichtkonfessionellen anerkannten Schwangeren-Beratungsstelle.

Die erste pro familia-Beratungsstelle in Deutschland wurde 1952 in Kassel gegründet mit dem Zweck, Frauen, Männern und Jugendlichen Kenntnisse zu Verhütung zu vermitteln und ihnen eine bewusste Entscheidung für ein Kind zu ermöglichen.

KH

Infos:
pro familia Ortsverband Mainz e.V.
Quintisstraße 6 · 55116 Mainz
Tel. 06131 2876610
mainz@profamilia.de
www.profamilia-mainz.de