Heft 266 November 2012
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Fassnacht

Günter Schenk über die Jubiläumskampagne des MCV und die Prinzenpaar-Flut

»Höchste Zeit, die Fassenacht zu entschleunigen«


Günter Schenk
Günter Schenk

175 Jahre Mainzer Fastnacht feiert der MCV 2013. Ein großes Jubiläum, in dessen Rahmen gleich drei Prinzenpaare in Erscheinung treten werden. Neben dem offiziellen Prinzenpaar des MCV will der Gonsenheimer Carneval-Verein ein eigenes Herrscherpärchen an die Narrenfront schicken. Und auch Johannes Gerster und Bärbel Bonewitz haben angekündigt, als Prinz und Prinzessin die Kampagne zu bereichern. Darüber und andere aktuelle Entwicklungen in der Fastnachtsszene sprach DER MAINZER mit Günter Schenk, dem Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht und Autor verschiedener Bücher zur Mainzer Karnevalsgeschichte.

DER MAINZER: Gleich drei Prinzenpaare in einem Jahr?

Schenk: Das hat es in der Mainzer Fastnacht so noch nie gegeben. Zwei Tollitäten, wie man die Prinzenpaare in Mainz heißt, sind immer mal wieder gleichzeitig unterwegs gewesen, aber drei....

Wie war das denn früher?

Schenk: In den Gründerjahren der organisierten Mainzer Fastnacht war das Prinzenpaar nicht als Paar im Bewusstsein der Mainzer verankert. Dazu war die Frau noch nicht emanzipiert genug. 1839 stellte man dem Prinzen Karneval so auch keine klassische Prinzessin zur Seite, sondern die »Jungfrau Moguntia«, die den Stolz der Stadt verkörperte. Erst ab 1857 traten die Prinzenpaare in Erscheinung, die auch heute noch unser Bild von Prinz und Prinzessin prägen: fürstliche Herrscher mit großem Pomp.

Und 2013 sind es gleich drei?

Schenk: Aller guten Dinge sind drei, sagt das Sprichwort. Drei Prinzenpaare müssen nichts schlechtes für die Fassenacht bedeuten. Sie zeigen doch nur, wie dynamisch das Fest inzwischen geworden ist. Da ist auch noch für mehr Prinzenpaare Platz. Und für die Vereine ist es ein Segen, denn wenn jeder Verein alle Majestäten zu seinen Veranstaltungen einlädt, braucht er viel weniger Programm zu machen, das spart Geld und freut die Schatzmeister.

Wie werden sich denn die drei bislang bekannten Prinzenpaare unterscheiden?

Schenk: Das offizielle Prinzenpaar beim MCV wird das Prunk- und Protzpaar verkörpern. Das heißt: Teure Garderobe, edle Nobelkarossen, viel Repräsentation, medienwirksame Auftritte. Narrenbusiness as usual. Die Gonsenheimer werden, wie ich sie kenne, die andere Seite verkörpern: ein Prinzenpaar, das sich selbst und die Fassenacht auf die Schippe nimmt. Da können die Männer- und Frauenrollen verkehrt sein, wie das in Mainz ja bis in die Zeiten des Nationalsozialismus üblich war.

Bis 1938 war die Prinzessin immer ein Mann, der Prinz eine Frau. Stellen Sie sich Hildegard Bachmann als Prinz und Heinz Meller als Prinzessin vor, das wäre meine Traumbesetzung für ein Mainzer Prinzenpaar. Ein solches Prinzenpaar muss auch nicht im Luxusauto reisen, das kann auch rückwärts auf einem Esel in den Saal einziehen und hätte so schon alle Lacher auf seiner Seite.....

Und was ist mit dem Generalfeldmarschall der Ranzengarde und der Gattin des vielleicht populärsten Mainzer Fassenachters?

Schenk: Mit Bärbel, der Ersten und Schambes, dem Sechsten, mit Bärbel Bonewitz und Johannes Gerster ? Da bin ich sehr gespannt, was die vorhaben. Ob es ihnen um die Fassenacht geht oder nur um sich selbst, getreu dem Bonewitzschen Motto »Ehret die Alten, bevor sie erkalten!«. Jedenfalls gehen sie das größte Wagnis unter den Prinzenpaaren ein. Sie müssen ihren eigenen Weg finden. Da werden die Mainzer ziemlich genau hinsehen, was die beiden veranstalten. Aber bei den Allerscheenste sind sie ja in guter Obhut...

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Historische Darstellung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Vielleicht gibt es ja noch weitere Prinzenpaare?

Schenk: Das ist nie auszuschließen. Man könnte ja auch noch eines der Prinzenpaare parodieren. Da sind der närrischen Fantasie keine Grenzen gesetzt. Und vielleicht gibt es ja auch noch ganze Spaßgarden, welche das eine oder andere Prinzenpaar begleiten.

Meinen sie das ernst?

Schenk: Da brauchen sie nur in die Mainzer Fassenachtsgeschichte zu schauen. 1863 zum Beispiel, zum 25jährigen Jubiläum des MCV, hat der Verein auch zwei Prinzenpaare ins Rennen geschickt: ein Jubelprinzenpaar und ein sogenanntes junges Prinzenpaar. Und dazu gab es ein paar neue Garden. Der Unterschied zu früher ist nur, das damals der MCV die treibende Kraft hinter allen diesen Aktionen war, heute sind es verschiedenste närrische Gruppierungen.

Hat der MCV an Bedeutung verloren?

Schenk: Ich kann das nicht sehen. Aber ich sehe auch, dass in den Vororten und in vielen Garden das närrische Selbstbewusstsein gewachsen ist. Das liegt auch an unterschiedlichen Vorstellungen über die Zukunft der Fastnacht. Während sie die einen zunehmend als Event verstehen, den man von Agenturen professionell und kommerziell organisieren lässt, ist die Fassenacht in den kleinen Vereinen mehr aus dem Herzen geborenes Volksfest. Das lebt von der Eigenregie, vom Herzblut der Narren, da hilft jeder jedem. Es ist die närrische Familie, die da zusammenkommt. Das mag vielleicht ein Auslaufmodell sein, aber es entspricht meiner Vorstellung von Fassenacht.

Die Fastnachter als närrische Familie?

Schenk: Ja, die Fassenacht ist zu einer neuen Form der Heimat geworden. Zur Plattform für ein neues Miteinander. Viele wollen an Fassenacht nur für ein paar Stunden die Welt auf den Kopf stellen, zusammen feiern, singen, lachen und tanzen. Mehr eigentlich nicht! Die meisten Fastnachter, die ich kenne, brauchen keine perfekten Programmangebote, die stellen selbst was auf die Beine. Das kann auch schiefgehen, aber auch das Scheitern gehört zum Leben. Das dürfen wir auch an Fastnacht nicht ausblenden. Warum soll der Sitzungspräsident, wie das in kleinen Sitzungen schon mal vorkommt, nicht während der Veranstaltung einschlafen. Schließlich machen ihm das ja die Parlamentarier, die man ständig in Politikveranstaltungen schlafend sieht, ja jeden Tag vor.

Was heißt das für den Rosenmontagszug. Da war ja im Gespräch, ihn künftig von einer Agentur organisieren zu lassen?

Schenk: Das heißt noch lange nicht, dass er dadurch besser wird, allenfalls teurer. Und diese Kosten darf man nicht den Teilnehmern aufs Auge drücken. Im Gegenteil: Die müsste man eigentlich dafür bezahlen, dass sie überhaupt noch mitmachen und so viel Zeit und Energie in die Vorbereitungen der Umzüge stecken. Mehr Professionalisierung in der Organisation ist nicht die Lösung, Kreativität ist gefragt. Die Leute gehen doch nicht zum Zug, weil der gut organisiert ist, sondern weil sie berührt und fasziniert werden wollen.

Aber die Sicherheitsauflagen werden doch immer strenger?

Schenk: Das ist leider so, aber dagegen muss man sich zur Wehr setzen. Ich bin überzeugt, wenn man den Sicherheitsfanatikern klar macht, hier ist die Grenze oder wir lassen den Zug ausfallen, dann werden die klein beigeben. Ein Fastnachtszug ist keine Love Parade. Das eine ist über Jahrhunderte gewachsen, das andere aus kommerziellen Gründen aus dem Boden gestampft. Das ist wie der Unterschied zwischen Äpfel und Birnen. Geht die Entwicklung jedenfalls so weiter, kann man den Zug gleich im Polizeipräsidium planen. Dann stehen von der Neustadt bis in die Altstadt rechts und links der Straße Absperrgitter, gibt es zur Finanzierung des Spektakels rund um den Dom eine eintrittspflichtige VIP-Zone mit großen Tribünen. Das aber ist nicht mehr meine Fastnacht...

Sie malen den Teufel an die Wand?

Schenk: Nein, aber wenn wir nicht aufpassen, entwickelt sich die Fastnacht in eine Richtung, die dem Fest auf Dauer mehr schadet als nützt. Wenn ich zum Zug gehe, will ich keine Gitter vor meiner Nase. Wer soll den eigentlich durch die Gitter geschützt werden: der Zugteilnehmer oder der Zuschauer? Das war doch früher gerade das schöne am Rosenmontagszug, wenn Zuschauer und Teilnehmer sich verbrüderten und gemeinsam ein Tänzchen hinlegten. Das war närrische Gemeinschaft, von der die Mainzer das ganze Jahr zehrten.

Heute, habe ich den Eindruck, ist das gar nicht mehr gewünscht, peitscht man den Zug im D-Zug-Tempo durch die Stadt, reisen die ersten Gruppen schon wieder ab, wenn die letzten noch gar nicht an den Start gegangen sind. Da ist man froh, wenn der Zug möglichst schnell vorbei ist. Es ist höchste Zeit, die ganze Fassenacht ein bisschen zu entschleunigen...